Geschichtsunterricht in (nicht allzu) ferner Zukunft

von Alf Glocker
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Liebe Kinder, heute wollen wir uns einmal mit dem zivilisiertesten Volk der Erde, mit uns, befassen. Wir bewohnen heute alle Regionen des Globus. Es gibt nur noch einige wenige, winzige Reservate, nennen wir sie ruhig „Zoos“, wo sich noch Restbestande der jeweiligen Urbevölkerungen aufhalten. Ansonsten haben wir uns alles untertan gemacht.

Vor vielen, vielen Jahren waren wir jedoch ein Volk der Diener und Arbeiter. Wir waren fleißig, ohne strebsam zu sein und tüchtig, ohne eine Erfindung nach der anderen zu verwirklichen. Man beachtete uns kaum, doch im Stillen gediehen wir vor uns hin, pflegten unsere Traditionen und wir wuchsen und wuchsen,

Im Zuge unserer fortwährenden, aber gemächlichen Verbreitung, starben wir gelegentlich wie die Fliegen, kopulierten wie die Karnickel, doch wir führten kaum Kriege. Dies geschah nur in der Anfangsphase der Konsolidierung unseres Landes. Dann erkannten wir, daß Kriege nichts als Unheil bringen und beteiligten uns fortan nicht mehr am primitiven Expansionsgebaren der anderen, zunächst erfolgreicheren Nationen.

Diejenigen, die sich selbst als führend, in Sachen Wissenschaft und Kultur betrachteten, gingen inzwischen fröhlich gegen sich selber vor, sahen in den Bruderstämmen die größten Feinde und vergaßen dabei, uns zu beobachten. Inzwischen lernten wir unablässig von ihnen! Der Anfang unserer Technisierung geht ausschließlich auf sie zurück!

Sie bauten unsere Städte, brachten uns ihre Maschinen, entwarfen unsere wirtschaftlichen Strukturen und sie organisierten auch unser Militär, von dem wir jedoch zum Glück niemals Gebrauch machen mussten. Denn wir hatten weit bessere Methoden uns zu auszubreiten als sie. Doch das entzog sich alles ihrer Aufmerksamkeit. Sie kreierten hochkomplizierte Wertsysteme, und glaubten fest daran, daß sie die ganze Welt sie übernehmen müsse. Wir aber hatten längst unsere eigenen.

Wir legten den Begriff „Freie Marktwirtschaft“ völlig anders aus, als jene, die ihn erfunden hatten. Bei uns zählte zuerst das Volk! Seinen Bedürfnissen wurde alles untergeordnet. Wir entwickelten kein Know How, wir kauften welches. Zuerst erwarben wir Anteile, dann ganze Betriebe, einschließlich der Patente und zuletzt übernahmen wir, ganz legal, riesige Ländereien! Wir halfen anderen Rohstoffe abzubauen und sie für uns nutzbar zu machen. Wir bauten dort Straßen, wo die Rohstoffe abgebaut werden sollten, aber Fehler begingen wir nicht!

Wir haben nie Sklaven gebraucht, oder ausbeutbare Fremdarbeiter. Wir machten die Arbeit immer selbst – und zwar jede! Egal, was wir uns dafür bezahlten, egal, wie sehr wir schuften mussten, das spielte alles keine Rolle. Ausschlaggebend für uns war immer, daß unser sich Volk vergrößern kann, damit es unsere Kindeskinder einmal besser haben. Die Gegenwart hatte für uns nie eine andere Bedeutung, als die, unser hochgestecktes Ziel in Bescheidenheit anzustreben.

Zum Errichten der Straßen, für den Abtransport, der von uns dringend benötigten Rohstoffe, hatten wir selbstverständlich mehr Arbeiter als eigentlich nötig gewesen wären. Das war für uns Ehrensache! Die Einheimischen bekamen keinen einzigen Job. Nur unsere Landsleute durften für uns schaffen. Das stellte einerseits die billigste Lösung dar und brachte uns andererseits Siedlungsraum. Wir bauten Großstädte für unser Personal, aus denen dann Millionenmetropolen wurden. Niemand nahm daran Anstoß. Die höheren Herren vor Ort hatten wir ja schon mit hohen Summen abgespeist. Das musste genügen.

Auch die, von unseren Vorvätern und Müttern aufgekauften Farmen und Ländereien wurden immer nur von unseren Leuten bewirtschaftet. Das waren wir unserem Nachwuchs schuldig. Er sollte nie in Schwierigkeiten geraten! Und die Rechnung unserer weisen Planer in der Vergangenheit ging glänzend auf. Die Einheimischen hatten keinen Boden, keine Arbeit und keine Lust mehr, weiter ihr Leben für keine Zukunft, die wir für sie vorbereitet hatten, einzusetzen. Sie starben aus oder wanderten ab – in immer kleiner werdende Refugien.

Heute können wir es uns leisten, achtsam mit der Mutter Erde umzugehen, da sie uns ja gehört! Damals war in unseren Mega-Städten des Kernlandes keine Luft mehr zum Atmen und genau so viel Raum zum Wohnen, wie für eine Familie gerade mal nötig ist, damit sie arbeiten und sich vergrößern kann. Wir setzten Schritt um Schritt, voraus, in eine goldene Zukunft. Den Umweltschutz können wir jetzt endlich ernst nehmen. In den Zeiten unserer unablässigen Expansion mussten wir jedoch, aus verständlichen Gründen, voll und ganz auf ihn verzichten. Es gab höhere Ziele.

Damals machten sich andere Menschenformen oberflächlich Sorgen darum. Aber ihr wirkliches Interesse galt nur dem Geschäft – und es war ihnen völlig gleichgültig, mit wem sie Geschäfte machten. Ihre heillosen Produktionsstädten schrien förmlich jeden (Arbeits-)Tag nach der Zuwanderung neuer Kräfte, damit sich ein paar wenige Menschen, denen am eigenen Volk so viel wie nichts lag, rücksichtslos bereichern konnten. Das war zunächst gut, schwächte aber langfristig die Leistungskraft, denn dieser kuriose Turmbau zu Babel versprach (zumindest uns) den Durchbruch zur Vorherrschaft in absehbarer Zeit.

Hinzu kam noch die sprunghaft zunehmende Dekadenz der alten Großmächte. Ihre Frauen wurden immer anspruchsvoller, Kinder konnten sie sich, bei Aufrechterhaltung des von ihnen erwünschten Lebensstandards, kaum noch leisten und ihre Politiker spielten zunehmend den gewissenlosen Unternehmern in die Hände, welche wiederum vorwiegend mit uns liebäugelten, da sie uns für einen unerschöpflichen „Markt“ hielten. Wir ließen sie selbstverständlich gewähren, wussten wir doch, besser als sie, wohin das einmal führen würde. Während sie uns auslachten, lächelten wir freundlich zurück, denn wir waren uns unserer moralischen Überlegenheit gewiss!

Zusätzlich gaben wir vor, völlig verwendbar zu sein, für allerlei schräge Interessen. Wir erlaubten bisweilen einigen wenigen von ihnen sich bei uns anzusiedeln, wie wir das immer einen wenigen von ihnen erlaubten – bevor wir sie wieder sachte oder weniger sachte hinauskomplimentierten, aus unseren Gefilden. Diesem Umstand haben wir es zu verdanken, daß wir heute noch sind, wie wir vor tausenden von Jahren auch schon waren – mit dem einzigen Unterschied: wir können uns jetzt gönnen was wir nur wollen!

Wir haben sogar ein paar von den Kulturgütern der Fremden stehenlassen und uns ist selbstverständlich auch voll bewusst, daß manche ihrer Kunstwerke auf Ewigkeit außerhalb unsrer Vorstellungskraft liegen werden. Doch es ist gar nicht weiter nötig, sie darin übertreffen zu wollen. Heute gelten ganz andere Grundsätze. Die kommenden Zeiten werden ausschließlich uns gehören! Und da wir niemals zimperlich mit uns selbst waren, wird es uns, ermöglicht durch die Erfindungen der ehemaligen Ureinwohner, in Sachen „Gentechnik“, auch noch gelingen, aus uns Wesen zu machen, die Möglichkeiten nutzen können, welche weit über allem, bisher Erreichbaren liegen.

Deshalb, liebe Kinder, seid immer nett zueinander, liebt euch, sobald ihr erwachsen seid und achtet auf die Vorgaben der Funktionäre, die für euch immer den richtigen Rat auf Lager haben. Was immer ihr auch tun wollt, ob ihr eine bestimmte Arbeit ausüben, oder in einer speziellen Gegend arbeiten möchtet, ob ihr heiraten, oder Kinder bekommen möchtet, fragt zuerst den zuständigen Vorsitzenden! Auf diese Weise ist es uns – wie ihr ja nun wisst – gelungen, nach einer langen Zeit der Verschlafenheit, in Ausübung unserer verehrungswürdigen Traditionen, zum Ziel aller Ziele, der unbestrittenen Weltherrschaft zu gelangen. Nun bleibt euch und eurem Volk weiterhin treu und macht das Beste aus dem schwer erkämpften Erbe. Ihr habt es euch redlich verdient!

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Kommentare

12. Jul 2015

Der Text ist - wie üblich - genial.
Die Aussage - ebenso - sehr persönlich (was Wunder ...)

13. Jul 2015

Wie von dir nicht anders zu erwarten, einfach unglaublich gut geschrieben. Du schreibst wie du malst, einfach genial!
Liebe Grüße,
Angélique

13. Jul 2015

Liebe Leute, ich danke Euch sehr.

Verzeiht mir, daß ich grad nicht mehr sagen kann...

LG Alf