Unterwegs...

von Britta Pelü
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Ich gehe mit meinem Kind zum Bahnhof. Die Anderen haben wir unterwegs verloren. Aber sie werden den Weg finden, und wir werden uns dort treffen. Mein Kind und ich müssen durch ein Parkhaus. Eine rot-orange-farbene Metalltür. Dahinter in einer langen Reihe Betten. Viele, sehr unterschiedliche Betten, französische Betten, Ehebetten, Betten mit dicken, flauschigen Daunenkissen, alte Betten wie aus dem Freilichtmuseum, moderne Betten. Die Menschen können sie mieten, können hier eine Pause machen. Alle Betten sind vergeben. Aber keiner darin schläft oder ruht. Alle sind am Diskutieren, Lamentieren, Wühlen, sind in ständiger Aktion. Hinter ihnen steht eine wartende Menschenmenge - wie Pferde vor dem Beginn eines Rennens scharren sie mit den Hufen.
Mein Kind und ich gehen staunend an ihnen vorbei. Wir halten nicht an, aber wir ruhen in uns selbst.

12.01.2020

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Kommentare

12. Jan 2020

Oh... ich fühle mich... gesehen... und geehrt! Vielen Dank!

LG Britta

13. Jan 2020

Unterwegs in unterschiedlichen Wirklichkeiten, bildreich beschrieben und irgendwie " normal in der Anmutung.
Wichtig wohl die Aussage des letzten Satzes. Ungewöhnlicher Text, liebe Britta. HG Ingeborg

14. Jan 2020

Liebe Ingeborg,
es tut mir unendlich gut, von Dir verstanden zu werden. Vielen herzlichen Dank!
Liebe Grüße von Britta

13. Jan 2020

Der Text ist bedrückend, die Wirklichkeit ist noch bedrückender. Andererseits:
Den Beteiligten UND Betroffenen fehlt - so meine Meinung - das Gefühl echter
Solidaritat. Das gilt nicht für die Solidaritätsbekundung oder das gemeinsame
SCHWEIGEN. Während der Staat Milliarde um Milliarde Euro Steuergewinne
in sich hinein frisst, darbt rund 1/5 der Bevölkerung vor sich hin. Warum ?
Weil sehr viele Wähler und Wählerinnen die schwarze Null bevorzugen.
Ganz toller Text.
HG Olaf

14. Jan 2020

Vielen Dank, Olaf! Ich bin erstaunt, in welchen globalen Kontexten meine Gefühlswelt gesehen werden kann. Und das freut mich ungemein! Wenn ich mir die Gesellschaft in und vor und hinter den Betten vorstelle, dann gebe ich Dir völlig recht. Wo ist da die Solidarität? Sehr spannend...!
Liebe Grüße von Britta