Herz ist Trumpf

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„Schreiben Sie Liebesgeschichten, Frau Ka, das ist gut für Ihr Herz.“
Der Kardiologe schaltet das Ultraschallgerät aus und nickt zufrieden. Er reicht mir eine Handvoll Papiertücher, damit ich mich von dem glibberigen Gel reinigen kann.
„Vergessen Sie mal Ihre kriminellen Ambitionen, wenden Sie sich der Liebe zu …“
Vor meinem inneren Auge erscheinen die Heftromane aus der Bahnhofsbuchhandlung. Eigentlich nicht mein literarisches Ziel. Aber er lässt sich nicht beirren.
„Alles was Sie lesen, im Fernsehen sehen oder eben auch schreiben, hat direkte Auswirkungen auf ihren Organismus. Also lassen Sie die Finger von den bösen Buben und deren finsteren Machenschaften. So viel Benzodiazepine, wie Sie dafür brauchen, darf ich ihnen gar nicht verschreiben. Außerdem beruhigt jedes Happy End Ihr flatterndes Herz.“
Happy End auch noch. Das ist doch gar nicht in. Schon sehe ich meinen Namen auf diversen dieser mit Golddruck verzierten Heftchen prangen.

Susanna Ka – „ Verführung im Wüstensand“

Susanna Ka – „Liebe auf Schloss Winterfels, Teil 1 - 3“

Es schüttelt mich innerlich.
Aber warum eigentlich ? Es gab eine schlimme Zeit in meinem Leben, da habe ich diese Heftchen verschlungen. Ich war süchtig nach den Happy Ends, denn sie haben mich getröstet und mich wieder aufgerichtet.
„Darf ich mal Ihren Blutdruck messen?“
Dieses Zahnpastalächeln! Oder zeigt er seinen schmachtenden Patientinnen einfach nur die Zähne? Wortlos strecke ich dem Doc meinen linken Arm entgegen.
„Ist ein bisschen hoch … Sie nehmen doch regelmäßig Ihre Tabletten?“
Ich nicke. Natürlich nehme ich meine Medikamente, und im Allgemeinen ist mein Blutdruck auch niedriger. Aber alle drei Monate, wenn ich in teuerster Unterwäsche vor meinem Herzensdoc sitze, klettert er eben ein bisschen nach oben.
Das Zahnpastalächeln ist schuld daran. Und der Blick. Er sieht mich an, als ob ich für ihn die einzige Frau im Universum wäre. Die liebevolle Fürsorge, mit der er mich umgibt, das zufällige Berühren meiner Hand, der charmante Umgang mit meinen überflüssigen Kilos …
„Ich mag ja mollige Frauen, Frau Ka, aber denken Sie doch bitte an ihr Herz.“
Ich denke an nichts anderes, so lange ich in dieser Praxis bin. Und an die Liebesromane, in denen ich Heilung finden soll.
Wie wäre es mit

„Susanna und der Kardiologe“?

Er ist zwar einige Jahre jünger als ich, aber das waren alle Männer in meinem Leben…

Die Untersuchung ist abgeschlossen und er begleitet mich auf den Flur zum Empfangsthresen. Ein fester Händedruck, ein Augenzwinkern und eine angedeutete Verbeugung. Dann wendet er sich dem Wartebereich zu.
„Frau Müller bitte!“
Frau Müller errötet wie ein junges Mädchen. Jetzt steigt bei ihr der Blutdruck.

Ich habe diesen Termin wieder einmal hinter mich gebracht und mache mich auf den Weg zur Bahnhofsbuchhandlung.

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Interne Verweise

Kommentare

12. Feb 2016

Frau Autorin Ka ,
die Liebe ist ganz wunderbar ...

LG Micha

13. Feb 2016

... sind nicht so einfach, wie sie sich lesen, die Liebesromane.

Vielen Dank,
LG, Susanna

12. Feb 2016

Hier Diagnose lautet: GUTER Text!
(Vorsicht! Ansteckungsgefahr wächst...)

LG Axel

13. Feb 2016

Vielen Dank für die Bestätigung. Ich war mir zuerst gar nicht so sicher.

Liebe Grüße,
Susanna