Das zufriedene Schwein

von Gina Reinert
Mitglied

„Was wärst du lieber? Ein unzufriedener Mensch oder ein zufriedenes Schwein?“

Diese Frage wurde uns heute gestellt und wir sollten uns für eine der beiden Optionen entscheiden. Die meisten Finger schossen in die Luft, als nach dem unzufriedenen Menschen gefragt wurde. Ich dagegen meldete mich bei dem zufriedenen Schwein.
„Warum?“, fragte man mich, ganz verwirrt, weil niemand mit Gegenstimmen gerechnet hatte. Da versuchte ich zu erklären, dass es doch egal ist, ob man nun Mensch oder Schwein ist, Hauptsache man ist mit seiner Existenz als jetzige zufrieden. Ein Schwein fragt sich schließlich auch nicht: „Wäre ich jetzt als Mensch glücklicher?“ Es lebt einfach sein Leben und ist zufrieden damit.

Man könnte dies jetzt als primitiv bezeichnen und damit argumentieren, dass Schweine schließlich auch nicht so intelligent sind wie Menschen, aber Fakt ist, dass Tiere in einer Sache wahrscheinlich mehr haben als wir. Etwas, was die heutige Menschheit verlernt hat.

Und zwar einfach nur leben.

Mit dieser organisierten Gesellschaft, die nach Jahrtausenden entstanden ist, haben wir zwar mehr Komfort, ein geregeltes Leben, Ordnung und viele Möglichkeiten, aber wir haben uns auch zusätzliche Hürden geschaffen. Ich meine, nichts spricht gegen Bildung an sich, oder Arbeitsteilung etc., aber wir müssen noch dazu viele Pflichten in Kauf nehmen, die einfach nur dem Zweck dienen, uns einzuordnen, zu kategorisieren. Ohne Zweifel hilft dies, die gesellschaftliche Ordnung aufrecht zu erhalten, aber es macht Menschen auch unzufriedener.
Wenn man nach Hause kommt, muss man dann Sachen erledigen wie: Wäsche waschen, putzen, sich um Papierkram kümmern. All dies muss beispielsweise ein Schwein nicht.
Das Leben des Schweins besteht aus essen und schlafen und ansonsten tut es einfach das, worauf es gerade so Lust hat.

Warum können wir das nicht?
Richtig, unsere Ziele. An Zielen an sich ist nichts falsch und sicherlich erfüllt es und auch mit Stolz, ein Ziel erfüllt zu haben, aber was hängt damit zusammen? Der ganze Stress, der vor dem Erreichen des Ziels vorhanden war, trübt die Freude darüber, dass wir etwas erreicht haben. Wodurch das Ziel an sich an Bedeutung verliert. Um uns zu belohnen, suchen wir uns einfach noch ein neues Ziel, welches wir ab diesem Zeitpunkt verwirklichen. Denn ausruhen können wir uns nicht, was soll denn dann bloß aus uns werden? Es wird uns von Kind auf vermittelt, wie wichtig Zukunft ist. Wie wichtig also Ziele für die Zukunft sind. Und so wird unsere Gesellschaft immer Ziel-süchtiger, was sich auf Dauer negativ auf uns auswirkt. Das Problem ist nämlich, dass wir durch den Stress der Selbstverwirklichung immer rastloser, immer unzufriedener werden. Wir gönnen uns wenig Pausen auf dem Weg zum Ziel, nur damit wir danach gleich wieder von vorne anfangen können. Dann kann man aber genauso gut kein Ziel haben und dabei dann glücklicher sein. Weil man keine Angst vor Enttäuschung haben muss, wenn man nichts schafft und weil man sich nicht selbst unter Druck setzt.

Wir wollen immer höher, weiter, größer, einfacher und machen es uns dabei selbst kompliziert. Denn diese Endlosschleife aus möglichen Verbesserungen sorgt nur dafür, dass wir gar nicht in der Lage sind, mit unserem jetzigen Zustand zufrieden zu sein. Doch ist das nicht rein theoretisch gegen unsere Natur? Schließlich haben wir uns zu einer Spezies entwickelt, die hoch hinaus in den Himmel will, dabei aber nicht annähernd die Statur eines Vogels hat, geschweige denn echte Flügel. Wir erfinden Maschinen, die uns dabei helfen sollen, unsere Träume zu verwirklichen, doch was bringt es uns letztendlich? Eigentlich sind es alles Dinge, die nicht wirklich notwendig sind. Man könnte nun damit argumentieren, dass die Medizin ja nun doch irgendwie notwendig ist, aber auch sie ist ein Faktor, der auch neue Probleme, neue Krankheiten erschafft, für die wir dann wieder eine Lösung finden müssen. So reiht sich alles in eine endlos lange Kette von Problemen ein, die uns Menschen immer weiter einwickelt. Bald ist sie so eng geschnürt, dass wir kaum noch atmen können.

Das Schwein dagegen hat noch nie etwas erfunden. Es lebt in den Tag hinein und nur für den Augenblick. Es stresst sich nicht um Altersvorsorge, einen neuen Wohnsitz oder wie es seinen Besitz schnell vermehren kann; schließlich besitzt es auch nichts außer sich selbst. Und trotzdem, obwohl es noch nie etwas in seinem Leben erreicht hat außer am nächsten Tag wieder munter aufzuwachen, obwohl es noch nie gearbeitet hat oder die Gesellschaft antreibt, trotz allem ist es in der Lage, zufrieden zu sein.
Warum können wir das nicht einfach? Warum können wir nicht zufrieden sein? Einige Menschen sind ja der Meinung, sie wären zufrieden mit ihrem Leben. Aber auch nur, weil wir alle unseren alltäglichen Stress, hervorgerufen durch unsere Pflichten, schon so verinnerlicht haben, dass er uns komplett normal vorkommt. Was er aber eigentlich nicht ist.

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Kommentare

14. Mär 2019

Dein Text gefällt mir. Schwein sein, aber nicht als Nutztier. Wer endet schon gerne als Schinken. Menschen können zufriedener Leben. Sie müssen es nur wollen.

LG

Jürgen

15. Mär 2019

Hallo Jürgen, da hast du vollkommen Recht. Ich frage mich allerdings, ob das bei den ganzen Verpflichtungen in der heutigen Gesellschaft überhaupt noch möglich ist.

LG

Gina