Ein geheimnisvolles Treffen

Bild von Alf Glocker
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Gestern hatte ich, so glaube ich wenigstens, eine sehr aufschlussreiche Begegnung – wenn ich sie nicht geträumt habe ... Bei mir kann man das ja nie wissen, denn das Treffen war, muss ich zugeben, schon sehr kurios! Es handelte sich um keine Verabredung, möchte ich vorausschicken, obwohl jedem eine solche Verabredung immer mal wieder gut tun würde. Nein, es war eher ein zufälliges Zusammentreffen, das sehr viel Mut erforderte und das, zu dem Zeitpunkt, an dem es stattfand, unumgänglich war!

Natürlich hätte ich dem Ganzen aus dem Weg gehen können, wie ihm so viele aus dem Weg gehen, aber als sie dann vor mir stand, war ich – ich gestehe – doch zu neugierig auf sie. Sie kam auf mich zu, bedrohlich wirkend, wobei sie mich aus lauter Freundlichkeit anfauchte: „Verschwinde, solange du noch ganz gesund bist!“. Aber irgendwie beeindruckte mich das nur peripher. Und so blieb ich, um mehr zu erfahren.

„Ich heiße Anna“, stellte sich das unheimliche Geschöpf vor, das mir so hässlich erschien wie des Teufels Großmutter. Je näher ich sie betrachtete, desto unheimlicher kam es/sie mir vor und anfangs wich ich sogar ein paar Schritte zurück. Sie erkannte sogleich was in mir vorging, und fing an, mir einiges klar zu machen. „Wer mich kennenlernen möchte, der spielt mit dem Feuer!“, zischte sie und führte sofort weiter aus, „so, wie ich wirklich bin, liebt mich kein Mensch ... alle haben Angst vor mir!“.

Unerschrocken entgegnete ich: „Übertreib bitte nicht, ich habe dich doch schon öfter im Fernsehen gesehen – da sahst du allerdings auch ganz anders aus ... besser, wenn ich das einmal, ganz unverfroren behaupten darf“. „Hach“, lachte sie, das war ich nicht! Da hat sich jemand für mich ausgegeben! Mich höchstpersönlich möchten die wenigsten zu sich einladen, und in der Öffentlichkeit habe ich einen sehr schlechten Ruf!“.

„Wenn du das sagst“, meinte ich trocken. „Wenn ich dich allerdings ansehe, so abstoßend wie du bist, dann befürchte ich fast, daß du recht hast. Mit dir möchte ich mich wirklich auch nicht blicken lassen. Also, wenn du dich mir nicht verweigerst, wenn ich klug genug für dich bin, dann bitte ich um heimliche Treffen. Was wir dann tun und besprechen, das wird weitestgehend unter uns bleiben – einverstanden?“. Sie nickte ...

„Bevor wir uns allerdings miteinander beschäftigen, möchte ich doch noch deinen vollen Namen erfahren. Wie nennt man dich denn?“ Sie lächelte mich an, wobei ihre scharfen Reißzähne deutlich sichtbar wurden. Ich erschrak! „Wie ich schon sagte“, brummte sie mit ihrer unverwechselbar heiseren Stimme, „ich heiße Anna, aber nicht Anna Lüge, oder Anna Liebe, sondern Anna Lyse – und jetzt komm – wir haben keine Zeit zu verlieren!“.

Einige bewusst erlebte Zeiteinheiten später – ich kann nicht mehr sagen, wie viele es genau waren, oder es in Zukunft sein werden - denn ich möchte sie wieder treffen – erblickte ich mein Spiegelbild in einer Schaufensterscheibe. Ich erkannte mich fast nicht wieder, denn ich sah alt und verzweifelt aus. So sehr hatte mich die Beschäftigung mit Anna Lyse mitgenommen. Wie lange werde ich das noch durchhalten, fragte ich mich, musste aber sofort an meine vermutete Erkrankung denken, die Schizophrenie: Ich hatte niemanden getroffen und nichts analysiert!

Die Wahrheit war dabei schon gar nicht im Spiel gewesen, denn was ich gesehen hatte, Schizophrenie, oder nie schizophren, war abgrundtief hässlich. Und wie jeder weiß, befasst man sich nicht mit abgrundtief Hässlichem! Man sagt seinen, bzw. fremden Kindern, wie auch kindischen Erwachsenen und zuletzt sich höchstselbst: „Es gibt nichts abgrundtief Hässliches, man muss nur genau wegschauen, dann erkennt man was Sache ist“. Anna Lyse, ich liebe dich!

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Kommentare

16. Nov 2016

Im einen ist die große Leere -
im anderen Gedankenschwere

LG lf