14 – Lebenssplitter "Oma Theas Essen"

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Oma Thea, meines Vaters Mutter, wohnte am Ende des Regenbogens, das Gold ihrer Liebe floss reichlich für mich, es hieß, ich sei - für alle völlig unbegreiflich - ihre Lieblingsenkelin. (Heute glaube ich, das war, weil ich ihrem verstorbenen Sohn, meinem Vater, so sehr ähnlich sah.) Ich hoffe, es ist mir gelungen, ihr auch nur einen Bruchteil ihrer Liebe wiederzugeben. Wenn ich dann nach Hause kam, bezahlte ich für meine Besuche allerdings fürchterlich.

Zuhause war, wo meine Familie lebte, das andere war bloß Oma, sie lebte allein. Wenn ich von ihr kam, wartete die Eifersucht auf mich, von der handgreiflichen Sorte. Dennoch war ich wochentäglich bei ihr, Lebenskraft tanken.

„Du kennst sie nicht“, sagte man mir immer wieder. Ich kannte sie, sie ließ mich so sein, wie ich war, mit Ecken und Kanten. Bloß, dass ich bei ihr keine Stachelhaut brauchte. Für sie war ich „Mäuschen“, zuhause war ich nur der „alte Gragel“ oder der „alte Plootsch“. Und auf alle Fälle schuld an allem, was passierte.

Wenn ich zu ihr zum Essen kam, das war häufig und nie hat sie Kostgeld bekommen dafür oder auch nur einen Dank meiner „Erziehungsberechtigten“, nur jeweils an Weihnachten und Ostern ein Blech Streuselkuchen, der Konvention geschuldet, den Oma Anni zu diesen Zeiten nach schlesischem Rezept und quasi in Fließbandproduktion herstellte, wenn ich also nach der Schule zum Essen zu Oma Thea kam, in die friedliche Stille ihrer kleinen Küche, war eine Seite des Küchentisches mit einer weißen Decke gedeckt, einem Teller, dem Besteck rechts und links, oberhalb des Tellers quergelegt einem Teelöffel, daneben einem Trinkglas und einem gläsernen Kompottschüsselchen, gegebenfalls noch einem Salatteller. Oma Thea nahm den Teller zum Herd, tat auf und servierte mir.

Kam ich nachmittags, servierte sie mir auf einem Tellerchen mit einer Serviette ein geteiltes Butterbrot mit Marmelade im Wohnzimmer, das bei ihr „Fernsehsalon“ hieß, weil dort eines der ersten Fernsehgeräte stand. Mein Onkel Richard, der Prototyp eines Überlebenskünstlers, nicht sportlich, aber ein Brocken von Mann, arbeitete nämlich beim „Amerikaner“ und verdiente schon legal nicht schlecht. Und anderes wurde ihm gerne zugetraut, auch wenn niemand konkret hätte sagen können.

Zuhause wartete der nackte Resopaltisch mit einem Bügeleisenbrandmal in der Küche, mit Tellern, einem Bündel Besteck und den Gläsern mit dem abgenutzen doppelten Goldrand als Trinkglas. Auf Topfuntersetzern kamen die schwarzen Töpfe mit dem abgeplatzten Emaille und die Pfannen direkt auf die Mitte des Tisches, auch die Steingutschüssel mit meist Pudding zum Selbernehmen. Es mutete eher bäuerlich an, und Geschichten, die davon erzählten, dass man in früheren Zeiten gemeinsam aus nur einer mittigen Schüssel aß, waren sehr nachvollziehbar.

Salat wurde so früh angemacht, dass er regelmäßig schlaff zusammengefallen war und die dem Waschen entwischten Läuse ihre schwimmenden Rettungsversuche entkräftet aufgegeben hatten, bis es endlich ans Essen ging. Dieses Leiden hat meine Mutter übernommen, das Erste, was sie in der Speisenfolge zubereitete, war von je her immer der Salat – zusammen mit der Marinade (dann ist DER schon mal fertig).

Meine kleine Schwester, die nie viel Appetit hatte, saß stundenlang vor dem schon kalten Essen. Oma Anni hielt genauso lange neben ihr aus und drohte ihr - mit einer Flaschenbürste bewaffnet - an: „Wenn du nicht runterschluckst, helfe ich hiermit nach!“ Sie hätte es nie getan, aber wusste man das als Kind?

Für meine Schwester war Essen immer ein tränenreiches Drama, bis ihr Trotz einsetzte und sie anfing, nach eigenen Regeln zu leben ohne Beachtung der von anderen genormten Vorgaben. Aber das ist ein deutlich anderes Thema.

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Kommentare

17. Dez 2014

Liebe Noé!
Manchmal sind die Lebenssplitter –
So wie das Leben, eben bitter –
Freilich IMMER gut verfasst!
(Denn auch DIE Geschichte passt…)
LG Axel

17. Dez 2014

Naja, jeder hat angelaufenes Kupfer in der Küche...

17. Dez 2014

Ach wenn ich doch nur etwas mehr Zeit aufbringen könnte für die Muse hier in der Technik liebe Noe! Hab herzlichen Dank! LG!