Die Spiegelqualle

von Alf Glocker
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Mal sehen – was ist denn das da im Spiegel? Aha, ein „Mensch“! Ach so … nun, dieses haarige Ding, das sich scherzhalber als „der nackte Affe“ bezeichnet, ist gar nicht haarlos. Unzählige Härchen „zieren“ seinen schuppigen Leib, der zwar aus einiger Entfernung ganz passabel aussieht, ja, in den sich Männer sogar verlieben können, sofern er weiblich ist. Er ist durchweg von aktiven Poren übersät, aus denen so manches dringt, was man sich täglich abwaschen muss, um nicht nach einiger Zeit wie ein schreckliches Ungeheuer auszusehen. Ebenso verhält es sich mit dem Haupthaar, das, würden wir es stehenlassen, uns, mit der Zeit, in eine Art Yeti verwandeln würde. Aber Gott sei Dank sehen wir schlecht und außerdem ja sowieso nicht die Wahrheit, sondern, durch die Augen unseres Körpers nur, was sich hier in der Zeit abspielt. Die wirkliche Wirklichkeit würden wir vermutlich nicht aushalten!

In der wirklichen Wirklichkeit sehen wir nämlich wie Quallen aus! Wir wabern formlos im Wenigeralsnichts herum und können uns in alle denkbaren Abscheulichkeiten verwandeln. Am schlimmsten ist es, wenn wir unser wahres „Gesicht“ zeigen. Dann wissen nämlich alle, daß wir und sie und überhaupt keine Ahnung haben. Nur was wir uns vorstellen können, ist auch unsere Wirklichkeit. Und das ist erschreckend genug. Vor allem, wenn sich diese unglaublich einfältigen „Talente“ hier, in der diesseitigen „Realität“ bemerkbar machen. Gut, wir altern nicht, das ist nur eine diesseitige Illusion, dafür bleiben wir auch immer gleich … blöd, schlau, wissend, unwissend, fähig, unfähig … wir können uns nicht verändern. Im „Leben“ ist das ganz anders, da haben die dümmsten Bauern oft die größten Kartoffeln, nachdem sie ein halbes Jahrhundert studieren konnten, und Banditen bekommen den Friedenspreis!

Das ist ja das Schöne an diesen tolldreisten Spiegelbildern, die uns oft wahre Helden zeigen … mit einer Kaninchenseele, Menschenfreunde … mit Schlangenherzen und Künstler mit der Veranlagung von Trampeltieren, die zu hohem Ansehen gekommen sind. Wir sind manchmal was wir sein wollen, wenn uns das Schicksal nicht dazu ausersehen hat, durch einen oder mehrere Vollidioten, umzukommen. Und wenn wir uns brav hochintrigieren, dann wartet oft sogar ein Kanzleramt auf einen von uns (nackten Affen). Weit davon entfernt, die Hintergründe davon aufzudecken, halten wir das, gut und ausgesprochen gerne, für unsere eigenen Leistungen … und bedanken uns dafür auch noch bei einem unserer zahlreichen, oder auch den mächtigsten Idolen, die derzeit die Bevölkerung verrückt machen, weil wir uns dann noch besser fühlen. Und gut, besser, am besten fühlt sich doch jeder gern – auch Gewissenlose!

Und wenn wir etwas Glück haben, dann gelingt es uns mühelos zu verleugnen, was wir in Wirklichkeit sind: eben eine formlose Qualle, ohne jede Vorstellungskraft (in den meisten Fällen). Dann prangt irgendein schöner Titel auf unserer Stirn, wenn wir uns anglotzen, um stolz zu sein. Das müssen wir, weil wir sonst leicht Angst vor etwas bekommen, das wir nicht einmal auszusprechen wagen: das Unbekannte. Nichts von unserem wahren Selbst darf zu uns dringen, denn wir wollen niemandem verraten, wie unfähig wir sind … am wenigsten natürlich uns selber. Und wenn wir eben keine Erfinder sein können, dann sind wir halt Ingenieure, wenn wir keine Philosophen sind, dann sind wir ersatzweise Doktor der Philosophie, wenn wir keine herrlichen Schwäne sind, dann eben Ententrainer, oder anstatt Genies Entertainer – etwas wird sich schon finden. Hauptsache, die wabernde Qualle bleibt unsichtbar!

Darum ernennen wir unsere Triebe auch zu Gottesgaben. Wir bezeichnen uns als Verkünder von „Botschaften“, wir geben vor, nur unsere Pflicht zu erfüllen, wenn wir mit einem Federstrich üble Nachreden unterschreiben oder Tatsachen derart verdrehen, daß uns dabei, in unbeobachteten Momenten, selber die Freudentränen über die Pausbäckchen rollen. Manchmal versprechen wir anderen Leuten das Blaue vom Himmel herunter, bevor wir sie so lange vertrimmen, bis sie selbst himmelblau angeschwollen sind. Ja, wir haben durchaus Humor, weshalb wir ja auch, sobald wir in einen besser bezahlten Job aufgestiegen sind, verlangen, daß man bei unseren Witzen, die wir mit den anderen treiben, höflich mitlacht. Keine Hinrichtung ohne Zuschauer und keine Missetat ohne die entsprechende Beschönigung. Sie muss nur in den Zeitgeist passen. Die Qualle dahinter lässt grüßen! Aber der Spiegel lügt nicht!

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Kommentare

14. Dez 2018

Schön flexibel ist die Qualle -
Darum scheint sie was - für alle ...
(Das mit den Haaren habe ich probiert -
Leider ist [fast] nix passiert ...)

LG Axel

14. Dez 2018

Haha - Du kannst auch ohne Haare glänzen
mit den glänzendsten Sentenzen...

LG Alf