Miss Mutig und die höhere Diplomatie

von Alf Glocker
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Miss Mutig achtete, als Frau von Welt, natürlich stets auf ihr Image. Und dazu gehörte eben, daß das Image von Sohwass von Schlapp nicht besonders zur Geltung kommen durfte. Stein hin, Stein her, das spielte höchstens eine Rolle rückwärts. Sohwass bemühte sich deshalb stets selbst intensiv darum. Und er hatte allen Grund dazu! SEIN Image wies 1000 Schwachstellen auf, denn er „arbeitete“ als Künstler. Für die meisten war das ein Grund zum Lachen.

Keiner nahm ihm ab, daß er überhaupt etwas tat. Deshalb erzählte er zu jeder unpassenden Gelegenheit, wie sehr er sich anstrengte – 10-Stunden-Tage seien da keine Seltenheit, versicherte er unglaubhaft. Miss Mutig sagte meistens nichts dazu, wusste sie doch, daß ihm eh keiner glaubte. SIE war der stabilisierende, der verlässliche Teil der Beziehung!

Wieder einmal, nach heftigem Beteuern, daß er auch, wie alle anderen, damit beschäftigt sei, seinen Tag einzuteilen und zu arbeiten, wurde, völlig unerwartet, Miss Mutig befragt, wie so ein Tagesablauf bei den beiden denn nun aussähe. Sohwass begann zu hoffen ... War es ihm nun endlich gelungen, Miss Mutig dazu zu zwingen, eine positive Stellungnahme – was ihn betraf – abzugeben?

Miss Mutig spürte nicht nur instinktiv, worauf es jetzt ankam, nein, sie reagierte sinnvoll und effizient – vor allem aber BEWUSST! Ihre Freundin Johanna, die früher auch Stein gut gesinnt war (bis sie von Miss Mutig einschlägig aufgeklärt wurde) wollte von ihr wissen, wer genau was genau, nun denn wann genau täte …

Das war kein Fall für Schlappohren, das erforderte Intelligenz und vor allem eine hinterlistig-ausweichende Antwort: Nun, wir stehen so ungefähr gleichzeitig auf, Stein etwas später als ich … dann entscheiden wir zusammen, wie wir frühstücken. Dabei ist es vor allem wichtig, ob es ein Frühstücksei gibt oder ob wir es weglassen wollen. Denn ein Frühstücksei bedeutet gleichzeitig auch, daß die Mahlzeit etwas umfangreicher ausfällt.

Johanna begann zu resignieren, wusste jedoch, daß Miss Mutig nur verhindern wollte, daß Steins Lügen, seinen Tagesablauf betreffend, aufflogen. Was für ein großherziges Geschöpf diese Miss Mutig doch war. Alle, die noch mitgehört hatten, waren dieser Ansicht. Nur Sohwass von Schlapp fiel kein Stein vom Herzen. Er saß wie ein begossener Pudel da und musste, sich einmal mehr, der höheren Diplomatie seiner Lebenspartnerin beugen …

Was ihn wiederum auszeichnete, hatte allerdings niemand bemerkt: Er ging, wie jedes Mal, davon aus, daß Miss Mutig wahrscheinlich gar nicht wusste, was sie anzurichten imstande war. Sie hielt sich ja selbst für treusorgend und charmant … na ja – und wenn sie gelegentlich ein winzig kleines Fehlerchen beging, dann hatte das unter die Rubriken „Liebe“ oder „Unabsichtliches Versehen“ zu fallen.

In Miss Mutigs Familie waren die Männer allesamt Scheusale mit einem unheimlichen Geschlechtstrieb, aber ohne Verstand gewesen – „zuverlässige“ Samenspender also, welche, die immer „konnten“. Und die Frauen verwalteten diese Ressourcen nicht unbedingt großzügig. Sie verließen sich nur darauf, daß, wenn sie schon mal in Stimmung kamen, der Mann dann auch seinen stand.

Sollte es jedoch einmal um den Ver-Stand gehen, zeigten sie, die Frauen, was sie drauf hatten: die höhere Diplomatie. Eine Meisterin darin war Miss Mutigs Mutter, die Hexe – und das beste Beispiel für einen ihrer glorreichen Einsätze lieferte diese, als sie einen Gedichtband von Stein in die Hände bekam.

Künstler war er, das konnte sie ihm ja nun nicht mehr ausreden, obwohl sie es oft genug versucht hatte, aber musste er denn jetzt auch noch dichten? Sie las sich ein wenig rein und machte ein überraschtes Gesicht. Komisch, er konnte das offensichtlich sehr gut – da musste sie einschreiten. Hier war einer ihrer gekonnt destruktiven Bemerkungen erforderlich … dringend!

„Wie viele Gedichte hast du denn bisher geschrieben?“, fragte sie, ohne Schein, heilig. „Tausende“, antwortete Sohwass wahrheitsgemäß. Das passte der Mutter-Hexe prima in den Kram und sie konterte so geschickt, daß ein Politiker der sogenannten „Volksparteien“ vor Neid hätte erblassen können: „Dann warst du vielleicht in deinem vorigen Leben ein Dichter – oder du wirst in deinem nächsten Leben einer."

Stein blieb der Mund offenstehen, so viel Intelligenz gegenüber fühlte er sich machtlos, nein, seinem Schicksal schändlich ausgeliefert. Er setzte sich hin, stützte den Kopf am Kinn auf die Faust – wobei er fast wie ein Denker aussah – und grübelte, was er in dieser Welt voller diplomatischer Glanztaten denn noch vollbringen konnte … und obwohl er nun beinahe wie ein richtiger Denker aussah, wusste er doch, was alle wussten: Er war einfach keiner!

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Kommentare

15. Sep 2019

Stets stört der Dichter den Betrieb -
Darum hat ihn auch keiner lieb ...

LG Axel