Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

von Alf Glocker
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91. Schritt

Heute ist der 1. April, gestern war der 1. April, morgen ist, oder wird sein, der 1. April. Jeden Tag ist der 1. April. Die ganze Vergangenheit besteht aus dem 1. April und die Zukunft wird ebenfalls nur ein einziges Datum haben – den 1. April!

Das merkt man an den Scherzen, nicht an der Post. Die Post schickt nichts in den April, aber es kann sein, daß man dich, mithilfe der Post in den April schickt. Alles und jeder schickt dich in den April. Er, Sie, es schicken in den April. Ihr schickt in den April. Ich schicke in den April, du schickst in den April. Wir schicken und gegenseitig in den April!

Der arme April!

Wo liegt eigentlich der April? Er beginnt mit dem 1. Danach ist wieder alles gut – aber genau dieses Danach findet einfach nicht statt! Keiner kommt über den 1. April hinaus! Am 1. April wird aus Versehen oder aus Berechnung geschwängert, oder frau hat sich aus derselben schwängern lassen, am 1. April werden Kriegserklärungen verfasst, Staats- und Handelsverträge unterschrieben, am 1. April verliebt man sich (in den April). Und am 1. April werden die meisten Kinder geboren – um nicht zu sagen: alle!

Der arme April?

Die armen Kinder!

Sobald sie im April angekommen sind, bemerken viele, daß der April nichts zu essen hat, kein Dach über dem Kopf, oder der Vater mit unbekanntem Ziel verreist ist. Hatte er einen festen Termin, am 1. April?

Ebenso finden alle Anstellungen am 1. April statt. Die Delinquenten sitzen dabei einem Aprilchef gegenüber, dessen aprilierten Kauderwelsch kein Mensch verstehen kann und deshalb heißt es dann am 2. April, wieder nur „April, April!“. Also hat man den 2. April gar nicht erreicht. Es ist immer noch der 1. April. Aber keiner hat es bemerkt.

In den Parlamenten ereignen sich Apriluzinationen. Obwohl die Redner nur eine monotone Kette aus einem einzigen Wort verwenden, hören die Zuseher, direkt vor Ort, oder im Fernsehen beispielsweise: „Eines ist sicher – die Rente“, oder auch „Die Einführung der Mindestlöhne“, ja sogar „Die Rechte des Bürgers müssen unangetastet bleiben“. Frei übersetzt, sprich in Wahrheit, wurde aber nur eines gesagt: April, April, April, April, usw. Das geht manchmal über Stunden so!

Der gute April!

Sogar die Sterbebetten werden vom 1. April vereinnahmt, er zieht sich bis ins Jenseits hinüber! Hat man bis zum Abend aller Tage des 1. April noch geglaubt, man befände sich bereits wer weiß wo, muss man doch, entweder ganz kurz vor, oder gleich nach dem Ableben feststellen, daß man ursprünglich einmal in den April geschickt wurde, um sich dann selbst weiter in den April zu schicken. Alles scheint sich völlig anders verhalten zu haben, als man seine ganze Zeit über dachte. Und schon wieder erwartet einen nichts weiter als der 1. April!

Natürlich machen sich das einschlägige Institutionen zunutze, indem sie verkünden: „Es ist gar nicht der 1. April, denn wenn er gleich wäre, wir registrierten ihn nicht, solang wir nur an den 2. glauben“. Dann strömen die Massen gelassen, den 1. April entlang, hinein in sämtliche vorbereiteten Scherze und einige in der Gemeinde gucken nicht mal erstaunt, wenn sie wieder mal jemandem auf den Leim gegangen sind, am 1. April.

Das ist das Erfolgsprinzip der geschicktesten In-den-April-Schicker. Sie haben Schulen gegründet, auf deren Lehrplan steht: „Man muss nur überzeugend genug in den April schicken und auch selbst davon überzeugt sein, daß außer dem 1. April viel mehr existiert, dann kommt man auch hinter ihm an und er liegt einem zu Füßen – der komplette April, vom 1. bis zum 1., den ganzen Tag!

Wer demgegenüber nicht in seinem persönlichen Wunschziel, am 1.April ankommt, der ist einer selbsterfüllenden Prophezeiung zum Opfer gefallen. Er hat sich, sozusagen „umgedreht“ (= informiert) und ist zur Salzsäule erstarrt, während irgendetwas gerade hinterrücks unterging. Wäre er unverzagt weitergegangen, dann hätte er geschnallt, daß es Jacke wie Hose ist, sich die Endlosschleife „1. April“ bewusst zu machen oder nicht! April bleibt April!

Und der April ist für alles offen – dafür gibt es ja schließlich einen 1. Jeder kann ihn betreten, sich in ihn schicken lassen, jemand anderen in ihn schicken, einer Schickung amüsiert beiwohnen, von einer gewusst, sie geduldet oder befördert zu haben, nur eines kann er nicht – er kann nicht wieder heraus! Auf den 1. April folgt zuverlässig der 1. April! Da müsste sich schon die Welt global verändern, bevor dies nicht mehr so wäre! Aber die Welt ändert sich nicht! Und schon gar nicht global! Nicht jetzt, nicht bald, nicht mal an einem 1. April!

Denn die Welt liebt den 1. April. Er bringt ihr nichts, er hat nichts zum Inhalt, aber sie ernähret ihn doch! Aber nicht die in ihn Geschickten, und auch nicht die Ungeschickten, nur ihn selbst, den 1. April! Denn siehe, der 1. April ist heilig! Er bestimmt nicht nur die Börsenkurse und die Lotterien, nein, sogar das Denken ist damit Glückssache und am 1. April sowieso fehl am Platz! Und deshalb: kommet und nehmet ihn als das was er ist: eine unendliche Folge göttlicher Überraschungen. Lobpreist seinen Namen und gehet selig hin…in den 1. April!

©Alf Glocker

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Kommentare

02. Feb 2015

Eine Rose ... ist eine Rose ... ist eine Rose ...
April-April!
(Du kannst sie nicht lassen, die religiösen Nackenschläge - oder?)

02. Feb 2015

Die sieht wie Krause aus - die Frau auf dem Bild!
(Was LEIDER für ihren Kopf nur gilt...)
LG Axel

03. Feb 2015

Huch, Axel, das ist ja "erfrischend"!

Und Noé...
Du hast mich zu einem Gedicht inspiriert...

Im Eulenspiegel

Guck‘ nicht in den Eulenspiegel,
sonst begegnet dir ein Igel,
der mit spitzen Stacheln protzt,
die er gleich satirisch rotzt,
auf das Ungemach, den Spott:
König, Kaiser, Lieber Gott!

Inspi-rührend sind die Späße,
welche Spiegel mit uns treiben
lassen wir uns doch, Gefäße
voller wahrem Wein und bleiben
wir auch immer froh zugegen –
bevor wir uns zu Grunde legen!

Eulenspieglein an der Wand,
bist der Schelm im ganzen Land!
Glänzend ist die Mole-Kühle,
die du ausstrahlst in die Schwüle
dieses Wahnsinns unserer Zeit.
Doch du grinst nur, groß und breit!

Lass die Leute dümmlich lästern –
was du uns zeigst ist sagenhaft,
denn du bist nicht grad von gestern,
trotzdem frei und lasterhaft
(und dir ist so gar nichts heilig!).
Niemals ernst und nie langweilig!

Wer dich sieht, der ist enttarnt,
überrascht, nicht vorgewarnt!
Deine Grund- sind Seelensätze,
keine allgemeinen Plätze!
Denn du hast vor nichts Respekt,
weil `ne Menge in dir steckt!

©Alf Glocker

LG Alf

03. Feb 2015

Ich eulen-spiegele mich in diesem Glanze!!!!
Aber bevor es hier (für Zufalls-Leser) zu Irritationen kommt, ergänze ich doch lieber mal, dass nicht "Ich" es war, sondern dass es sich bei diesem Deinem - sehr gekonnten Gedicht - um die Frucht aus Überlegungen zu meinem Gedicht "Spiegelblick" handelt, aus dem Du überraschend schmerzlos diese Weisheits-Wurzel gezogen hast.
Welch' eine Ehre für mich, Herr Glocker! Nur weiter so mit den gegenseitigen In-Spür-Aktionen!
(s. auch:
www.literatpro.de/gedicht/spiegelblick#comment-2659)