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Bericht vom Sterben meines Vaters - 3. von 4 Teilen - Page 2

Bild von Peter_Kleimeier
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forderte Unterlagen und wollte – ganz der große Organisator, dessen beruflicher Erfolg auf perfektem Projektmanagement beruhte – seinen eigenen Tod organisieren. In gewisser Weise war er voller Tatendrang und wollte das wohl schwierigste Projekt seines Lebens erfolgreich angehen. Er gab mir Arbeitsaufträge und diktiere Briefe.

Einiges war gut: Er sagte mir, wo der Schlüssel für den schweren Safe im Haus sei. Das war hilfreich, denn klugerweise hatten meine Eltern vor Jahren meiner Schwester und mir notarielle Generalvollmachten erteilt. Die fanden wir dort. Auch ein Testament und einen Abschiedsbrief, den wir natürlich noch nicht öffneten.

Das meiste aber, was mein Vater vom Totenlager aus organisieren wollte, war wirr. Ich spielte das Spiel trotzdem mit. Seine Briefe und Überlegungen machten wenig Sinn, aber ich saß in seinem Krankenzimmer und schrieb oder korrigierte von ihm verfasste Briefe an die Krankenkasse, an die Rentenkasse, an seinen ehemaligen Arbeitgeber, um Anträge zu stellen und die Dinge für die Zeit nach seinem Tod vorzubereiten. Es war, als habe man dem alten Rennpferd noch einmal das Geschirr angelegt, und es scharrte unruhig mit den Hufen, aber leider konnte es sich kaum noch auf den Beinen halten.

Diese Phase dauerte nur wenige Tage. Vermutlich erkannte er selber die eigene Schwäche und Unfähigkeit und diese Erkenntnis war vielleicht der erste Schritt für ihn, das Leben loszulassen, sich seinem Schicksal zu ergeben, denn von da an verhielt er sich passiv, abwartend, dem Tod entgegenblickend, bis er vorbeikommt und ihn mitnehmen will.

Nach einigen Tagen musste ich zurück nach Berlin, um Dinge zu ordnen. Das war eine Erleichterung, denn der Abstand beruhigte meine Emotionen und schenkte mir die Illusion, dass ich das Schlimmste überstanden hätte. Dort erreichte mich kurze Zeit später die überraschende Nachricht des favorisierten Seniorenheims, dass sowohl einen Pflegeplatz für meinen Vater, als auch eine Wohnung für meine Mutter zur Verfügung stünden. Eine geniale Lösung, ein Sechser im Lotto. Mein Vater in guten Händen, und meine Mutter bräuchte von Ihrer neuen Wohnung aus nur mit dem Lift einige Stockwerke nach unten zu fahren und könnte ihn jederzeit besuchen. Außerdem hätten wir meine Mutter auf diesem Weg elegant aus dem Haus heraus, wo sie auf unsere Unterstützung – oder vielmehr auf die von Schwester und Schwager – angewiesen wäre und über kurz oder lang völlig vereinsamen würde.

Meine Schwester, ganz erleichtert von diesem Glücksfall, eilte mit der Nachricht zu meinem Vater. Doch wir hatten die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Mein Vater teilte ihr mit, dass er in seinem Haus sterben wolle. Der Plan, in einem Pflegeheim zu sterben, stand nicht in dem Drehbuch, dass er sich für sein Sterben ausgedacht hatte.

Das teilte mir meine Schwester telefonisch mit. Sie war verzweifelt, weil ihr klar war, dass die Hauptlast der Verantwortung wegen meines weit entfernten Wohnortes auf ihr lasten würde.

Wissen Sie, in solche Situationen bin ich sehr pragmatisch und stark. Ich dachte nicht lange nach, sondern griff zum Telefon und rief meinen Vater an. Nein, ich schimpfte nicht mit Ihm, aber ich habe Klartext geredet. Ihm gesagt, dass er nicht zu Hause gepflegt werden könne, dass er permanent sehr starke Medikamente bräuchte usw. Wir beendeten das kurze Gespräch und er versprach mir, es sich zu überlegen. Es dauerte keine zwei Stunden und er rief zurück. Er sagte, man könne ja mit ihm reden und er sei nicht uneinsichtig und stimme unserem Plan zu.
Ob Sie es glauben oder nicht, dies war das erste Mal in meinem Leben, dass mein Vater meinem Rat folgte. In gewisser Weise hat er in diesem Moment den Staffelstab der Verantwortung an mich und meine Schwester abgegeben. Ich hoffe und glaube, dass ihm das nicht schwergefallen ist und er im Grunde seines Herzens erleichtert war. Ich war es in jedem Fall!

In fieberhafter Hektik bereiteten wir nun alles vor. Meine Mutter, betäubt vom Schmerz um meinen Vater und unfähig über den Tag hinaus zu denken, willigte ebenfalls ein, in das Seniorenheim umzuziehen.

Bei meinem Vater ging es einfach. Er wünschte sich seinen Lieblingssessel in sein Sterbezimmer, das Bild eines jungen Friesenmädchens, das er vor Jahren auf einer Auktion erworben hatte, den Silberbecher, aus dem er gerne sein Wasser trank, und nicht viel mehr.

Bei meiner Mutter war es aufwändiger. Ein Umzug musste geplant werden, Möbel und Sachen ausgewählt werden usw. Dazu war ich wieder ins Zentrum des Bebens gefahren und organisierte. Kisten für den Umzug mussten gepackt werden, entschieden werden, was kommt mit, was bleibt da. Einiges hatte eine unfreiwillige Komik, meine Mutter packte kopflos zwar viele Töpfe für ihre neue winzige Küche ein, aber kein einziges Trinkglas. Ihre Hilfe war eher Belastung.

Dazwischen lagen die Besuche bei meinem Vater, Gespräche mit Schwester, Schwager, Nichten und natürlich meiner Mutter. Gott sei Dank, musste ich nicht arbeiten, was vieles sehr erleichterte. Meine Schwester und auch mein Schwager arbeiteten ganztags und ich sah ihnen die Belastung an. Die Belastung ist enorm. Die Aufgaben nehmen kein Ende. Allein das nun unbewohnte Haus der Eltern für Vermietung oder Verkauf auszuräumen, ist eine Herausforderung. 160qm Wohnfläche plus großer Keller, vollgestopft mit Zeug aus 70 Jahren sind nicht nur eine Menge Arbeit, sondern auch eine überraschend emotionale Belastung.

All die Dinge, die für Menschen eine so große Bedeutung haben, Bilder, Fotos, Gemälde, Andenken, Möbel, Teppiche, Geschirr, Besteck, Bücher, Technik, Werkzeug, Uhren, Vasen, Kerzenleuchter, Puppen, Koffer, Akten, Unterlagen, Briefe, Computer, Gläser, Radios, Fernseher, Urkunden, Brillen, Kleidung, Wäsche, Schuhe, Medikamente, all das musste gesichtet, geordnet, sortiert werden, bevor der größte Teil davon einfach weggeworfen wurde und in gewisser Weise lernte ich auf diesem Wege neue Seiten an meinen Vater neu kennen.
So hatte er mit immenser Akribie jeden Gegenstand im Haus inventarisiert und katalogisiert, mit einer Inventarnummer versehen und den Neuwert erfasst. Wozu?
Vermutlich erfreute er sich seines Besitzes, konnte den Wert zusammenzählen und sagen wie viele Bilder, wie viele Vasen, wie viele Teppiche, wie viele Schuhe er hatte und was sie im Einzelnen wert sind. Die Bedeutung von Besitz und Vermögen scheint im Alter zuzunehmen und so konnte er sich seines tatsächlichen oder vermeintlichen Vermögens vergewissern. Vielleicht weil darin die

(c) Peter K. 2018

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