Das Nostradamus-Tribunal (ein Einakter)

von Alf Glocker
Mitglied

Dies kleine Stück ist den bisher nicht aufgeschriebenen Wunschgedanken einer damals herrschenden Klasse entsprungen, die, wie die heutigen Machthaber auch, glaubten, Recht und Ordnung verkörpern und vertreten zu müssen.
Es stellt eine fiktive Gerichtsverhandlung dar ...
In Wirklichkeit hat man den großen Wohltäter und Seher nie dingfest machen können!

Der Vorhang geht auf …
Das Publikum raunt, applaudiert aber nicht.

Zu sehen ist ein Gerichtssaal. Komische Witzfiguren, die sich selbst für Amtspersonen halten, haben sich hinter Pulten versteckt, und ein offensichtlich bei den vorausgegangenen Verhören schwer misshandelter Angeklagter kniet vor den bösartigen Witzfiguren im Staub, weitere Folterungen erwartend … er grinst!

Ein Soldat deutet auf den Angeklagten:
„Hier haben wir den Sittenstrolch, Eminenz Großinquisitor.“

Großinquisitor:
„Stellt ihn auf die Beine!“

Kettenrasseln …

Großinquisitor, an Nostradamus gewandt:
„Mit dir machen wir kurzen Prozess! Bist du geständig, kleiner Mann?“

Nostradamus:
„Ich weiß nicht einmal, wessen ich angeklagt bin, Eure Eminenz.“

Chefankläger (der Bischof von Lügon):
„Des mystischen Determinismus, du Zwerg! Das ist verboten! Damit nimmst du dem braven Bürger die freie Entscheidung über sein Leben!“

Nostradamus lacht …

Großinquisitor:
„Soldat, versetze ihm einen Tritt, er hat die Wissenschaft gegen sich, das ist eine Züchtigung wert!“

Nostradamus:
„Aua!“

2. Ankläger (der Bischof von Betrüg):
„Entspricht es den Tatsachen, daß du dem König kürzlich seinen nahen Tod in einem Turnier prophezeit hast und deine Vorhersage auch wirklich eingetreten ist?“

Nostradamus:
„Ich sagte ihm, eine Lanze werde durch das Visier in ein Auge dringen und ihn so schwer verletzen, daß er am dritten Tage danach verendet!“

Großinquisitor:
„Das hat dir der Teufel eingegeben, und der hat das dann so arrangiert, damit jeder glauben möge, es gäbe eine Möglichkeit, in die Zukunft zu sehen!“

Nostradamus lacht …

Großinquisitor:
„Soldat, einen Tritt!“

Nostradamus:
„Aua!“

3. Ankläger (der Bischof von Schmu):
„Erkläre uns, wie du darauf kommst, daß auch nur die kleinste Kleinigkeit dessen, was sich in der Zukunft ergeben wird, für dich im Voraus existiert!“

Nostradamus:
„Es existiert ja nicht, Eure Pestilenz, es flimmert nur bildhaft durch die Gesamtheit der Schöpfung. Die Zukunft ist ebenso nicht existent wie die Vergangenheit – und doch ist sie da!“

Großinquisitor:
„Das ist eine Unverschämtheit! Du zweifelst meine Autorität an! Gott hat mir den freien Willen gegeben, damit ich entscheide, was auf mich zukommt!“

Nostradamus:
„Das ist Blasphemie! Ihr wisst, wofür Euch Gott den freien Willen gab? Könnt Ihr seine Gedanken lesen?“

Großinquisitor:
„Einen Tritt!“

Nostradamus:
„Aua!“

Großinquisitor:
„Wozu sollte er mir sonst einen freien Willen gegeben haben?“

Nostradamus:
„Damit Ihr aus Eurer Beschränkung heraus Ereignisse, nach Eurer Natur, interpretieren dürft, nichts weiter!“

Großinquisitor:
„Soldat, die Peitsche!“

Nostradamus:
„Aaaauuuaaah!“

Großinquisitor:
„So, nun interpretier das mal schön!“

Nostradamus:
„Aber Eure Eminenz, das habe ich doch selbst entschieden!“

Der Großinquisitor lacht …
„Ihr habt noch die Stirn, mich zu verspotten?“

Nostradamus brummelt etwas in seinen Bart und wälzt sich unruhig im Bett: Zum Glück ist alles nur ein böser Traum und nie in der Realität passiert. Er träumt weiter …

4. Ankläger (der Bischof von Doof):
„Nichts in Gottes Plan ist vorhersehbar …“

Nostradamus:
„… ach, es gibt einen Plan?“

Großinquisitor:
„Soldat, Tritt!“

Nostradamus:
„Aua!“

Der Bischof von Doof:
„… denn das Universum ist unendlich und jeden Tag neu, es wurde aus einem Urereignis geboren – es existiert von Ewigkeit zu Ewigkeit … Amen!“

Nostradamus:
„Und die Erde ist eine Scheibe!“

Großinquisitor:
„Tritt!“

Nostradamus:
„Aua!“

Großinquisitor:
„Dann erkläre er mir noch zum Schluss, Frevler, welche Sichtweise er auf das Wunder des Lebens hat, bevor wir ihn geziemend verurteilen, um die Menschheit vor seinen Denk-Exkrementen zu bewahren!“

Nostradamus:
„Nun, Eure Eminenz, habt Ihr ein wenig Vorstellungsgabe?“

Großinquisitor:
„Tritt!“

Nostradamus:
„Aua! – Dann stellt Euch mal eine Druckwalze vor …“

Alle Ankläger zusammen:
„Was ist das?“

Nostradamus lacht schallend!

Großinquisitor:
„Soldat, die Peitsche!“

Nostradamus:
„Jetzt reißt euch doch mal zusammen! Die Druckwalze wird erst in ein paar Jahrhunderten erfunden. Auf ihr sind seitenverkehrte Buchstaben, die man noch nicht lesen kann – jedenfalls die meisten von uns können sie nicht lesen. Diese Walze begegnet in ihrer Bewegung einer anderen Walze, der Walze mit dem Papier. Und die sogenannte ‚Druckerschwärze‘ stellt den göttlichen Funken dar.“

Die Ankläger stehen mit offenen Mäulern hinter ihren Pulten …
„Und?“

Der Großinquisitor staunt …
„Was soll das?“

Nostradamus:
„Ich beschreibe den kurzen Moment der Gegenwart! Er findet statt, wenn sich die beiden Walzen berühren – wenig später können wir lesen, was geschrieben steht. Dann ist schon alles passiert und wir haben keinen Einfluss mehr darauf, denn die Ereignisse befinden sich nach ihrem Eintritt bereits in der Vergangenheit.“
 
Zuschauer (der Herzog von Schweinigen):
„Das ist Ketzerei!!“

Nostradamus:
„Nein, das ist Vorlogik!“

Großinquisitor:
„Was??“

Nostradamus:
„Ich bitte um Vergebung, aber ich muss euren zweifellos im Überfluss nicht vorhandenen Geist noch weiter strapazieren … Denkt nun bitte einmal um … stellt euch ein Universum als formloses Gebildes vor, als eine Kugel gewissermaßen, als eine Kugel, die keine Kugel ist, aber wir brauchen einen Gegenstand zur Demonstration …“

Chefankläger (der Bischof von Lügon):
„Seht, der Mann ist verrückt – das müssen wir nur dem Volk begreiflich machen!“

Nostradamus (der sich nicht beirren lässt):
„Begreift, Eure Eminenz, dass sich über die imaginär geformte Kugel ein Ring aus Licht spannt. Der Ring wandert langsam vom Entstehungspunkt des Universums nach oben, zu dem vorgesehenen Endpunkt der Schöpfung, den Gott beschlossen hat.“

Großinquisitor:
„Solch ein ‚Universum‘, wie du es beschreibst, gibt es nicht, kann es nicht geben …

Nostradamus (unbeirrt):
Überall dort, wo der Ring durch das Vorhandene fährt, empfinden wir Zeit. Das Licht der Zeit teilt also die Schöpfung in drei Bereiche: Zukunft, Gegenwart und Vergangenheit. In der winzigen Gegenwart erleben wir die Illusion von Bewegung. Das lässt uns an einen freien Willen glauben. Die anderen, riesigen Bereiche sind für gewöhnlich nicht einsehbar, aber vorhanden. Ich kann sie sehen, wenn ich mich in Trance begebe.“

Großinquisitor:
„Mir fehlen die Worte, die Größe deines Vergehens ist unbeschreiblich mein Sohn, mein arg missratener Sohn – ich muss dich daher mit der Höchststrafe belegen, und wenn du kein anerkannter Arzt wärst, würde sie nur ‚Entleibung‘ lauten können. Deshalb darfst du am Leben bleiben. Doch mein Urteil, das ich über dich verhängen werde, wird härter sein als der Tod: Ich verbanne dich in die Ignoranz! Kein Mensch wird mehr zur Kenntnis nehmen, was du von dir gibst! Du bist nur sichtbar, sobald du etwas Nachvollziehbares arbeitest, sonst nicht. Du wirst ein lebendiger Toter sein, ein Zombie, einer, der ist und gleichzeitig nicht ist …

„Wie Schrödingers Katze“, triumphiert Nostradamus, obwohl er doch weiß, daß die Inquisition nichts weiß …

Großinquisitor, fortfahrend:
„… und niemand wird später sagen können, ob es dich jemals gegeben hat, und wenn, dann nicht als was.“

Nostradamus weint … (über die Menschheit)

Chefankläger (der Bischof von Lügon):
„Führt sie hinaus, diese nichtswürdige Kreatur, bei der sogar das tägliche Essen eine Verschwendung ist …!“

Die Soldaten staunen …
„Wen, Eure Eminenz, sollen wir hinausführen?“

Der Vorhang fällt.

Das Publikum spendet (ebenfalls unwissend, aber freundlich, wie es zu sein hat) stehende Ovationen. Nostradamus verschwindet aus der Geschichte!

Veröffentlicht / Quelle: 
auf anderen webs.

Buchempfehlung:

Rechtshinweis:
Für diesen Beitrag ist eine unkommerzielle Nutzung erlaubt, alle Rechte verbleiben jedoch beim Autor/bei der Autorin.

Interne Verweise

Kommentare