Brief an Angela

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Seit ich im Altersheim bin, lege ich jeden Abend, bevor ich zu Bett gehe, eine Flasche Rotwein und eine Packung Pistazien auf meinen Schreibtisch. Auch lege ich ein Couvert mit einem Brief dazu, adressiert an Angela Sieber. Jeden Morgen, wenn ich aufgestanden bin, versorge ich zuerst die Flasche Rotwein und die Packung Pistazien wieder im Schrank. Dann freue ich mich, dass ich noch am Leben bin, schnappe mir den Rollator und ziehe mit ihm regelmässig um die Gänge.

Neulich habe ich den Rollator gegen einen Schlitten eingetauscht, als dieser unbeobachtet vor dem Altersheim abgestellt worden war. Ist das ein Gaudi gewesen, wieder einmal den kleinen Hang vor der Kirche hinuntersausen zu können. Als der Schlitten zum Stehen gekommen war, sah ich, dass Frau Müller mir hinter dem Fenster zugeschaut haben musste. Und wenn Frau Müller den Vorhang zieht, dann verbreitet sich eine Neuigkeit kurze Zeit später fast so schnell wie im Internet. Auf jeden Fall war ich am nächsten Mittagessen das Gesprächsthema Nr.1.

Heute Abend werde ich wie jeden Abend die Flasche Rotwein auf den Schreibtisch stellen, ebenso die Packung Pistazien der Marke Femminella, einer Edelabmischung aus Sizilien, und das Couvert mit dem Brief, in dem steht: "Liebe Angela, ich war gerne hier bei Euch. Wenn Du mich hier tot auffindest, sei nicht traurig, denn das verdienst Du nicht. Ich weiss, dass Du mich liebevoll einsargen und mich nie vergessen wirst. Als Dank für Deine liebevolle Fürsorge, die weit über Deinen Berufsauftrag hinausgegangen ist, schenke ich Dir eine Edelpackung Pistazien und eine Flasche Rotwein. Ich weiss, dass Ihr keine wertvollen Geschenke annehmen dürft. Nimm die Flasche einfach mit, da wird niemand etwas dagegen haben. Sag einfach niemandem, dass unter der Etikette "Côtes du Rhône" noch eine kleinere Etikette klebt mit der Aufschrift "Château Pétrus". Eine Flasche dieser Marke mit Jahrgang 1961 hat einen Verkaufswert von mehreren Tausend Franken. Vielen Dank für alles. Ich habe es endlich geschafft. Dein Toni Bruderer."

© René Oberholzer, 2017

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