Lasset die Kindlein zu mir kommen

von Susanna Ka
Mitglied

„Im Namen des Vaters ... "

Malte steht auf einem Schemel vor dem Taufbecken in der Johanneskapelle.

Es ist sein sechster Geburtstag und er hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als getauft zu werden. Jesus, durch den Religionsunterricht in der Vorschule zu seinem persönlichen Freund geworden, wohne schließlich in seinem Herzen.
Im Bauch wohnt Buddha. Das weiß er aus der Kinder-Kampfkunst-Schule, wo er neben kindgerechten Karate-Übungen, auch Fantasiereisen und die Konzentration auf eben diesem Bauch gelernt hat.
Der Überzeugung seines Freundes Erkan ist er noch nicht gefolgt, sonst müssten wir auch noch ein Plätzchen für Mohamed finden.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes ... "

Malte beugt sich mit feierlichem Gesicht über das Taufbecken. Sonnenstrahlen fallen durch die Kirchenfenster und die bunten Lichtreflexe leuchten mit seinem roten Schopf um die Wette. Der Pastor schöpft das Wasser mit der hohlen Hand und lässt es über Maltes Locken rieseln.
"Wer ist der Sohn?"
fragt Erkan mit seiner tiefen Stimme, die so gar nicht zu einem Sechsjährigen passen will.

Im Vorgespräch zu diesem Taufgottesdienst hatte Malte mit seiner unvergleichlichen Überredungskunst durchsetzen können, dass statt der Paten, seine beiden Freunde am Taufbecken stehen. Erkan, der kleine Moslem, und Maxi, ein welt- und gottesfürchtiger Katholik.
Die Einwände des Pastors bezüglich der verschiedenen Religionszugehörigkeiten hatte unser Filius einfach vom Tisch gewischt.
„Zu Jesus durften auch die Kindlein kommen!"
Und wenn in ihm, Malte, schon Jesus und Buddha wohnen könnten, dann wäre in der großen Kirche doch wohl auch noch Platz für Mohamed.

Und so stehen nun Erkan und Maxi am Taufbecken und lehren unserem armen Gemeindehirten das Fürchten.
„Welcher ist der Sohn?"
„Jesus ist der Sohn Gottes."
erklärt der Pastor gefasst.
„Aha - und den habt ihr umgebracht!"
Fünfundzwanzig Taufgäste zucken erschrocken zusammen.
Maxi, der schon zum Kommunionunterricht geht, versucht zu retten, was zu retten ist.
„Nein, der ist doch abgehauen - in ein Laken gehüllt."
Hinter mir, in der zweiten Reihe, quietscht und gluckst es. Manuela, die Erzieherin, ringt nach Luft. Sie muss es jeden Tag in der Vorschule mit diesem Trio aufnehmen.

„Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes"

„Und wer ist der Heilige Geist?"
Erkan kennt keine Gnade.
„Der Heilige Geist schwebt über uns."
Ganz langsam kommt der Pastor an die Grenzen seiner Geduld.
Erkan und Maxi gucken nach oben.
Malte, der immer noch seinen Kopf über das Taufbecken gesenkt hält, wohl in Erwartung eines zweiten Wassergusses, richtet sich auf und sein Blick folgt dem seiner Freunde. Die ganze Taufgemeinde späht jetzt in die ins Kirchendach.
„Da hängt das Damoklesschwert."
Der Sarkasmus meines Gatten ist legendär und unsere fünfundzwanzig Gäste ducken sich erschrocken in die Sitzreihen.
Am Gesicht des Geistlichen kann ich deutlich erkennen, dass er nun wirklich Fassung ringt. Manuela schluchzt. Ob sie lacht oder wirklich weint, kann ich nicht unterscheiden.
Doch Erkan nickt zufrieden.
„Ja, jetzt verstehe ich es. Mohamed hatte auch ein Schwert.“
In seiner kleinen Welt passt alles zusammen.

eine - fast - wahre Geschichte.

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Kommentare

18. Mär 2016

Es kann der Blick durch Kinderaugen
Ja durchaus zur Erkenntnis taugen …

LG Axel

19. Mär 2016

Vielen Dank ! Ich freue mich jedesmal wieder über Eure Kommentare.

Liebe Grüße,
Susanna