Story XXIII: Quality goes boom

Bild von Q.A. Juyub
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Jener denkwürdige Test fand in der Nacht zum 31.02. statt und sollte noch lange in Erinnerung bleiben. Freilich war die Besonderheit der Situation den Anwesenden im Kontrollraum des Kernkraftwerkes Kataklizm im Lande Bananova Respublika Durnakrayina nicht so recht bewusst und die Beteiligten gingen eher von einem Routinetest aus.
Einige Zeit vor den später geschilderten Ereignissen automatisierte man die Steuerung des Atomkraftwerkes mit Hilfe eines mehr oder weniger ausgefeilten Computersystems und benötigte somit nur zwei Mitarbeiter pro Schicht. Diese äußerst kostengünstige Crew bestand denn auch aus einem Leitenden Ingenieur als Supervisor und - sozusagen als schlecht bezahlter Knecht - dem technischen Assistenten. Letzterer hatte so ziemlich das heulende Elend, da er als letztes Glied in der Nahrungskette und ausführendes Organ fast sämtliche Arbeiten erledigen musste und widerwillig, dank neuer ‚Arbeitsschutzgesetze‘, eine halbe Stunde Pause in seiner 12-Stunden Schicht zuerkannt bekam. Diese äußerst großzügige Ruhezeit lag obendrein im Ermessen des Wachleiters, der sie unter besonderen Umständen ohne Begründung canceln durfte; das wurde dann auch oft und gerne getan.
Jetzt mag der unbedarfte Zeitgenosse denken, dass ein System zur Steuerung eines Kernkraftwerks bzw. dessen Software in einer Simulationsanlage ohne großes Risiko getestet werden sollte. Diese Annahme ist auch auf den ersten Blick schlüssig, aber lässt dabei die ‚betriebswirtschaftlichen Komponenten‘ außer Acht. Mit vorgeschobenen ökologischen Gründen - meinetwegen ‚Klimaschutz‘ – führte man Teste am laufenden System durch und sparte dadurch mächtig Kosten. Auch fuhr man hier im Sinne der Gewinnmaximierung mit einem Minimum an Personal und zog offizielle Abnahmeteste lediglich mit je einem Tester und Qualitätssicherer durch.
Insgesamt befanden sich nun vier Personen im Kontrollraum: Dr. Chornyla Pizer (Qualitätsmanager), Dr. Dupu Otvir (Supervisor), Bidnyy Posiyaty (Assistent) und Kamikadze Kharakiri als Tester.
Ungewöhnliche Namen, nicht wahr? Für einen besseren Durchblick mag der geneigte Leser diese mit einem geeigneten Tool aus dem Ukrainischen übersetzen.
„Mein lieber Chornyla, können wir jetzt mit dem Test anfangen?“
Wachleiter Dupu Otvir lächelte den Qualitätsbeauftragten verschwörerisch schleimig an. Eigentlich hätte das Prozedere bereits vor gut einer Stunde beginnen sollen, aber der diskussionsfreudige Dr. Pizer - seines Zeichens gelernter Sozialpädagoge und Philosoph - bestand auf eine ausführliche Erörterung und Änderung gewisser Begrifflichkeiten in der Testprozedur, deren Sinn sich jedoch dem Qualitätsmanager nicht so recht erschloss, da ihm das technische Hintergrundwissen fehlte und er auch nicht bereit war, sich ‚derartig trivialen Unsinn‘ anzueignen.
Hier sollte vielleicht erwähnt werden, dass durch ‚innovative Qualitätsstandards‘ selbst Stellen im mittleren Management in der BRD ausschließlich durch Hochschulabsolventen zu besetzen waren, die fachliche und soziale Kompetenz des Bewerbers spielte dabei keine Rolle; ein beliebiges Studium schlug also letztendlich jahrzehntelange Berufserfahrung.
„Also Dupu, wirklich! Wenn, dann DOKTOR Chornyla! Ohne Titel kommt man sich ja so nackt vor!“
Dupu Otvir kicherte mit verständnisvoller Unterwürfigkeit.
„Oh, selbstverständlich, das kann ich gut nachvollziehen. Also lieber Dr. Chornyla: Sollen wir jetzt anfangen?“
In aristokratischer Manier verächtlich lächelnd gab der verdokterte Sozialpsychologe mit einer lässig huldvollen Geste in der Art römischer Cäsaren, die gerade besonders lustig blutige Spiele mit christlichen Laiendarstellern eröffneten, sein Einverständnis zu verstehen.
„Gut! Posiyaty Sie lesen jetzt die Prozedur vor und der da führt sie aus!“
‚Der da‘, mit bürgerlichen Namen Kamikadze Kharakiri, lächelte seltsam, während der Angesprochene den Supervisor leicht unwillig ansah.
„Sorry Chef, aber ist das nicht die Aufgabe des Qualitätsbeauftragten?“
Völlig entgeistert betrachtete der Wachleiter seinen renitenten Untergebenen.
„WAS? Wie kannst Du es wagen, mich zu kritisieren! Dr. Pizer ist nicht dafür da, solch niedere Tätigkeiten auszuführen. Also fang schon an!“
„Jawohl, Dr. Chef! Beginnen wir mit der Initialisierung: 1. Notiere die Systemzeit und …“
„Stop!“
Von dem vehementen Ausruf unterbrochen, schwieg der Vorleser abrupt. Dupu Otvir wiederum sah den ärgerlich dreinblickenden Qualitäter voller gut gespielter Sympathie an.
„Ja, mein lieber Dr. Chornyla?“
„Also Dupu, so geht es nicht! Was soll denn das heißen? Systemzeit? Was ist denn das für eine dümmliche Testprozedur?“
Streng wie ein russischer Großgrundbesitzer, der beabsichtigte, einen seiner Leibeignen wegen renitenter Blicke lebenslang nach Sibirien zu verbannen, blitzte der Wachleiter Kharakiri an.
„Posiyaty, frage den Typen, was er sich dabei gedacht hat!“
Der vorlesende Techniker, in gewisser Weise froh nicht mehr ganz am unteren Ende der Nahrungskette zu stehen, wandte sich leicht peinlich berührt an den Tester, der zugleich die Prozedur entworfen hatte.
„Kamikadze, Du hast den Chef gehört!“
Hier sollte erwähnt werden, dass Prozedurenleser und Tester frühere Kollegen waren. Im Rahmen der angesprochenen Rationalisierung verlor Kharakiri wegen mangelnder Fügsamkeit seinen Job, wurde aber aufgrund seiner fachlichen Kompetenz zum Mindestlohn mittels befristeten Vertrages als ‚Hilfskraft‘ angeheuert.
„Wie in den Anforderungen definiert, handelt es sich bei der Systemzeit um UTC.“
„Was soll denn bitte ‚UZB‘ sein? Diese Hilfsarbeiter! Meint der vielleicht die EZB? Nein, also so geht es wirklich nicht!“
Sein Entsetzen gut verbergend, beschloss der Supervisor, der unangenehmen Szene ein Ende zu setzen.
„Lieber Doktor, der unverschämte Kerl meint damit die koordinierte Weltzeit. Wie in Luft- und Raumfahrt wird auch hier bei uns die Zeit so gemessen.‘‘
„Tatsächlich? Wie soll ich denn als leitender Qualitätsmanager nach fünf Jahren bei der ‚Beschränkten Nukleargesellschaft ohne Haftung‘ solch unwichtige Details wissen? Dann soll der Gehilfe folgende Redline machen: ‚Notiere die Weltzeit.‘ Ungeheuerlich, diese Inkompetenz!“
Tief im Innern verfluchte der karrierebewusste Dupu, dass er hinsichtlich seiner Beförderung zum Sektionschef vom Wohlwollen des Qualitätskontrolleurs abhing, denn der entschied neuerdings als höchste Instanz darüber, ob ein Test als gelungen eingestuft wurde oder nicht, und Misserfolge sah die Geschäftsleitung gar nicht gerne. Da der Leiter des etwas bescheidenen Wache sich nun unmöglich mit dem Fanal der zu kontrollierenden Qualität anlegen konnte, ließ er doch lieber seinen Frust an Bidnyy Posiyaty aus. In diesem Kontext hatte der Tester wiederum das außerordentliche Glück, in den Augen des Supervisors derartig tief in der Hierarchie zu stehen, dass er nicht einmal würdig war, Opfer von dessen Aggressionen zu werden.
„Hey Assistent, ersetze ‚Systemzeit‘ durch ‚Weltzeit’ und dann weiter!“
Der Vortragende tat mit einem unguten Gefühl wie ihm geheißen.
„Jawohl, Doktor Chef. Ah, da geht es weiter: Überprüfe, dass die Leistung des selektierten Reaktorblocks auf 1000 MW heruntergefahren …“
„HALT!‘
Seine Irritation geschickt verbergend, sah der wenig gemütlich gewordene Wachleiter seinen Pizer an.
„Ja, lieber Dr. Chornyla, was hat denn dieser Assi wieder falsch gemacht?‘
‚Werter Kollege, ich frage mich ernsthaft, was das alles soll? Was soll das heißen ‚MW‘? Kann man das nicht in Kilowattstunden umrechnen?

Euch allen sei ein angenehmes und nicht zu explosives Wochenende gewünscht.
Cheerio
JU

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