Die sonderbare Zugfahrt des Studiosus Funke

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Hastig schleppte ich mich am Bahnsteig voran, denn der Zug war bereits eingefahren. Es schien ein ausgesprochen starker Reisetag zu sein. An der Unbekümmertheit der fröhlichen jungen Gesichter, konnte ich erkennen, dass die Sommerferien bereits begonnen hatten. Ein Schaffner, mit einer Hand am Griff der Zugtüre, winkte mich ungeduldig herbei und blickte mich mit einer eigenartigen und doch bittenden Strenge an, als wollte er mein Humpeln beschleunigen. Mein Knie pochte vor Schmerz. Die warmen Temperaturen hatten das Gelenk zu einer besorgniserregenden Größe anschwellen lassen und wie ein müder Schwerarbeiter mochte ich nur noch sitzen. Doch wie schon der Bahnsteig selbst war das Innere des Zuges mit Menschen gesäumt, die wirr auf der Suche nach Sitzmöglichkeiten herum eilten und weder Mühe noch Scheu zeigten, dabei den übrigen Reisebegleitern zu vorzukommen. Völlig ungeniert drückte sich eine dicke Dame mit einem Rucksack, der von der Größe eher einem Seesack eines ausrückenden Matrosen glich als einem zierlichen Handgepäck, zwischen mir und Gang hindurch, sodass es mich unsanft gegen die Glaswand eines Abteils presste. Dahinter eine Gruppe Schüler, aus der abwechselnd helles Mädchengelächter und die kratzig schrille Melodie einer Schar von stimmbrüchigen Burschen drang.
Mit weit herausgestreckter Zunge blickte mir verwundert ein Hundegesicht entgegen, als ich behutsam die halb verspiegelte Türe zu einem Abteil öffnete. Die Ohren hingen ihm herab, er wirkte regelrecht von der ermattenden Hitze platt gedrückt. Sein Röcheln klang leidgeplagt und seine nasse Schnauze stieß forschend gegen mein Knie. Mir tat der Köter leid, der kurz darauf resignierend unter den Bänken verschwand, als wollte er sich von meinem Mitgefühl in Sicherheit bringen. Den Rucksack abgelegt, fragte ich, ob denn hier noch ein Platz frei wäre und in ermüdender Erwartung einer längst ritualisierten und bereits bekannten Antwort ließ ich mich in den gepolsterten Sitz, Blick in Fahrtrichtung, fallen.
Neben meinem Sitz saß ein junger Mann Anfang dreißig und erzählte laut von seinem Beruf. Wie sehr er die Überstunden hassen würde, den aufgeschobenen Urlaub und die Unfähigkeit des Praktikanten. Er hielt einen nervenden Monolog und beiläufig blickte ich auf, wen er mit den Klagen seines Alltags fortwährend langweilte. Den Hund schon halb vergessen trat ich fast auf dessen Schwanz, als ich aus dem Rucksack ein kleines Büchlein hervorkramte. Ein seufzendes Brummen stieg empor, das gemeinsam mit dem lärmenden Ritt des Zuges zu einer sonderbaren Musik verschmolz. Schweiß sammelte sich auf meiner Stirn, denn die Luft kochte und nicht einmal der kleine Spalt des geöffneten Fensters schuf Abhilfe. Als ich langsam zur Ruhe kam, schnellte mein Blick aus dem Büchlein wieder zur Begleitung des Mannes zurück. Was ich sah, war verblüffte mich. Die Reisebegleitung des Mannes war nichts weniger als eine junge Frau, in derer Erscheinung etwas Schelmisches lag, was mein Interesse lockte und gleichzeitig herauszufordern begann. Die Unbekannte trug ein kurzes schwarzes Sommerkleid, meinem dilettantischen Modeverstand folgend, gemacht für den französischen Sommer an der Bretagne oder für die steinernen Promenaden der Cote D‘Azur. Es war mit ausreichender Eleganz geschneidert, schien jedoch bequem genug für einen abendlichen Spaziergang. Auch die Maschenweite war klug gewählt, vermutlich mit dem Ziel forschende Blicke unbeeindruckt in die Irre zu führen und bot Freiräume genug, um einer aufkommenden luftigen Küstenbrise willkommen Einlass zu gewähren. Blasser Teint überzog ihre Haut und die beiden Augen schimmerten einem Azuriten gleich. Die Absichten ihrer Blick versteckte sie gekonnt und schwankte doch zwischen Neugierde und purer Langweile. Ihr Kleid lag so eng am Bauch, dass ich bei jedem Atemzuge sah, wie es sich langsam glättend hob und ebenso rhythmisch wieder in den faltigen Ausgangszustand zurückkehrte. Ihr Haar trug sie nach hinten geflochten. Das wenige Licht, das durch das Zugfenster in die Kabine drang, erschwerte es mir die Mähne einer einzigen Farbe zuzuordnen. Es war weder ein helles Blond noch ein schweres herbstliches Rot, viel mehr ein bronzefarbener Ton, der meine Begeisterung weckte. Wenige Strähne bedeckten ihre weichen Wangen. Doch lag so unendlich viel Ausdruck in ihrer Schönheit, sodass sie mich zu fesseln begann und um meiner Schuld zumindest in kleinen Schrittchen zu entrinnen, zwang ich mich zum Lesen. Vor mir aber da lag ein Meer aus Buchstaben, deren Sinn ich nicht mehr zu ordnen vermochte. Nicht ein Wort der Zeilen entwickelte sich zu einem Bild. Die Präsenz der jungen Schönheit begann alles zu überlagern. Landschaften donnerten unbeachtet vorbei. Unzählige Felder, saftige Wiesen, dichte Wälder, Häuser mit kleinen Gärten, weiße Kirchturmspitzen. Alles wirkte wie in Miniatur, so unbelebt und doch so unbegreiflich herrlich. Ein goldener Reisverschluss heftete die beiden schwarzen Hälften ihres Sommerkleides zusammen. Er reichte von oben bis nach unten, beginnend in der Mitte der Brust, ehe er am unteren Ende des Rocksaums exakt zwischen ihren spitzen Knien zusammenlief. Hin und wieder öffnete sie ihren Kalender und kritzelte etwas mit ihrem Bleistift herum. Als sie mit dem Schreiben fertig war, ließ sie das Ende des Stiftes spielerisch durch ihre Finger gleiten und klemmte ihn mit jugendlicher Lässigkeit zwischen Ohr und Scheitel.
Sie war gerade aus Istanbul zurückgekommen, wie es schien. Ihr Bruder hörte geduldig zu, was sie über ihr Auslandssemester zu erzählen hatte. Wenn er gewusst hätte, wie sehr ich am Anblick seiner kleinen Schwester hing, war ich mir sicher, hätte er mich blind vor Wut aus dem Zug geworfen. Meine Tarnung gab ihm jedoch keinen Anlass zur Sorge. Neugierig lauschte ich heimlich ihren Erzählungen, die nicht lange auf sich warten ließen. Sie war eines schönen Tages an die Küste des Schwarzmeeres gefahren und hat dort ein kleines romantisches Fischrestaurant besucht, welches direkt am Abgrund einer steil abfallenden Klippe gebaut war. Dort würde sich vorzüglich speisen lassen und die jungen Kellner seien außerordentlich freundlich zu ihr gewesen. Einer der jungen Dorfbuben, der aufgrund des ständigen Andrangs der Touristen mit einige Phrasen Englisch prahlte, wollte sie zum Dessert einladen. Sie kicherte und stockte für einen Moment ihre Ausführungen. Wahrscheinlich wusste sie um ihre Wirkung. Sie amüsierte sich sichtlich. Mich jedoch beschlich das beunruhigende Gefühl, als ob sie bereits erkannte, welches Spiel ich mit ihr spielte und darin war sie ohne Zweifel unbesiegt, was mich zur Vorsicht trieb, wollte ich weiter daran teilhaben und versteckte den Hunger in meinem Blick, den vermutlich auch der Kellner auf seinem verdutzen Milchbubengesicht trug, als sie höflich und doch bestimmt die Nachspeise ablehnte. Ich hielt die Anekdote, die sie zum Besten gab lediglich für ein kleines Spielchen.
Also widmete ich mich wieder ihrem Äußeren, dessen Begutachtung eine spitzbübische Wohltat war. Die Geometrie ihrer Schulterblätter war an Ästhetik kaum zu übertreffen. Wäre ein Bildhauer oder Maler statt meiner in genau jenem Tag in den Zug gestiegen, so hätte er nicht durch Zufall, sondern durch Bestimmung den Weg in das Abteil gefunden. Wie etwas in Schrift auszudrücken, das nur für Augen bestimmt? Wie Formen auf Papier vollenden, deren Perfektion mit Hilfe von Sprache alleine nicht Gerechtigkeit widerfahren kann? Verstohlen und in immer kürzer werdenden Abständen schwenkte mein Blick zwischen ihren glattrasierten Beinen, die ein paar kleine Narben trugen und meiner Lektüre hin und her. Ich kam mir vor wie einer Pendeluhr. Mit einer frechen Lässigkeit ruhte ihr linker, mit großer Sorgfalt sanft gebräunter Oberschenkel auf dem abgeknickten rechten Bein. Ihr Kopf war noch immer gegen das kühlende Fenster geneigt. Ich zerfloss und spürte eine Unruhe durch meinen Körper zucken, während ich mit blecherner Stimme den Namen meines Ankunftsbahnhofes in der Durchsage vernahm. Ohne nachzudenken verstaute ich mein Büchlein im Rucksack und es schien, als sollte unsere kleinen Neckereien endgültig ein Ende finden. Die Bremsen des Zuges rieben an den eisernen Schienen, was den Hund aus seiner Lethargie hervor trieb und dieser wieder lauthals zu jammern begann. Und endlich, zwischen dem jaulenden Hunde, dem prüfenden Blick des älteren Bruders und dem vollkommenen Stillstand des Zuges, da vergrößerte sie nur für einen verschwindend kurzen Bruchteil den Winkel ihrer Beine, der augenblicklich viel zu freizügig gewählt war, als ob aus reiner Unachtsamkeit entstehend und ich erblickte ein aufregendes kleines Dreieck, das mit abwechselnd dunkelblauen und weißen Streifen durchzogen war, ehe es mit einer ruckartigen Bewegung wieder verschwand wie es aufgetaucht war. Als ich nun auf den Gang hinaus trat, da schaute ich mich ein letztes Mal verstohlen um und glaubte eine Rötung ihrer mit vielen kleinen Sommersprossen gesprenkelten Wangen zu erkennen. Schließlich stahl ich mich davon. Etwas benebelt stieg ich aus dem Zug auf den Bahnsteig herab und war heilfroh wieder festen Boden unter meinen Füßen zu spüren, während in meinem süßen Tagtraum ein kleines blau-weiß gestreiftes Dreieck aus samtweichen Stoff frech im Kreise tanzte. Reisende hetzten dicht an mir vorbei, doch ich schlenderte grinsend und nicht mit weniger triumphierendem Gang dem Ausgang zur Stadt entgegen.

Berthold Woltze - The irritating gentleman 1874
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Kommentare

20. Jul 2016

Danke für deine Kommentare, stets mit viel Sprachwitz =)

21. Jul 2016

Ja, der Text ist dir gelungen,
die Phantasie ist angesprungen,
die Sprache hat mich fasziniert,
sie schien von ältrer Hand geführt ...?