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Ruth - Page 67

Bild von Lou Andreas-Salomé
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durch einen Zufall von der beschleunigten Badereise. Ist es nicht schlimm, daß sie noch in die Schulzeit fiel? nicht in die Ferien? Mir tut es so leid, daß ich nicht mehr rechtzeitig –«

»Laß das,« unterbrach er sie halb laut, »– ich werde dir später alles erzählen, – später.«

Ruth wandte auf horchend den Kopf nach ihm. Etwas, was sie fremd berührte, klang aus seinem Ton. Es war nur ein einzelner durchklingender Ton, aber er gehörte nicht zu Erik. Er selbst kam ihr in diesem Augenblick fremd vor. Er sah unverändert aus, – ganz so wie vorher, – bis auf den Blick. Der Blick war verändert, unsicher.

Erik ließ sie unvermerkt einen Schritt vorausgehn.

Als sie die Stufen zur Terrasse hinaufstieg, folgten seine Augen aufmerksam jeder Bewegung ihrer Gestalt. Sie war ziemlich stark gewachsen, gleichzeitig hatte sich aber ihr Körper schon weiblicher entwickelt. Die dunkle Tuchkleidung zeichnete die feinen, schmächtigen Formen ab.

Daß Ruth ihr Haar aufgenommen trug, störte ihn.

»Der Knoten nimmt dich mir fort, – den duld' ich nicht,« sagte er beim Eintreten in den Flur, und ehe sie es gewahr wurde, hatte er mit geschicktem Griff die breite Schildpattnadel aus ihrem Haar gezogen. In dichten lockigen Wellen fiel es über die Schultern, wie einst.«

»Ach nein, – nicht, – wo haben Sie die Nadel?« fragte sie verdutzt und griff nach dem Rücken.

»In meiner Joppentasche. – Aber wiederhole das noch einmal. Nun? ›Sie?‹ oder ›Du?‹ Im Brief stand ein mal ›Du‹. Nur einmal? Oder eigentlich – immer?« fragte er leise.

Sie errötete verwirrt.

»Sie – – du – – ich –«

Die Hand noch in ihrem Haar, bog er sanft, unwiderstehlich, ihren Kopf zurück, so daß sie das ganze in Glut getauchte Gesicht zu ihm aufheben mußte. Sie schloß unwillkürlich, erschauernd, die Augen und gab seiner Hand nach.

Leidenschaftlich, tiefernst forschten seine Blicke in ihren Zügen.

»Mein – – –« flüsterte er.

Und er beugte sich, und seine Lippen küßten ihren bebenden Mund.

Ruth zuckte unmerklich. Er gab sie sofort frei und öffnete die Tür zu seinem Arbeitszimmer.

»Hier wartet dein alter Platz auf dich,« sagte er und ging nach dem Fenster zu.

Aber sie war nicht gefolgt. Dem Fenster gegenüber, am Ofen, blieb sie stehn, den Kopf mit dem aufgelösten Haar gegen die weißen Kacheln gelehnt, die Hände auf dem Rücken verschränkt. Ganz versonnen sah sie hinauf zur Zimmerdecke, mit fragenden Augen und träumerischem Gesicht.

»Was ist dir?« fragte er unruhig, »– Ruth! – was ist dir?«

Es drängte ihn, sie in die Arme zu schließen, – sie wachzuküssen. »Du liebst mich, – du liebst mich ja! Du weißt es noch nicht, aber ich weiß es für dich! Weiß es gewiß, – fühle es, sehe es, daß sie da ist, – daß deine Liebe, die Liebe des Weibes, da ist!«

Aber er schwieg.

Ja, sie war da, – und doch konnte er nicht so handeln, nicht so sprechen, ohne sie zu verscheuchen. Sie war da, – wie das Rotkehlchen auf dem schaukelnden Zweig, das aufflog bei seinem Nahen. Sie war da, – aber greifen konnt' er sie nicht.

Erik blickte einen Augenblick schweigend in den Garten hinaus, dann setzte er sich in den alten Ledersessel am Fenster.

»Du bist also doch nicht heimgekommen, Ruth,« sagte er, »nicht ganz zurückgekommen zu mir. Irgend etwas in dir verschließt sich vor mir, – will mich nicht einlassen. Nicht bis in den geheimsten Winkel deiner Seele. Nicht in alles. Ich bin dir fremd geworden.«

Da löste sie sich vom Ofen und kam zu ihm, sie glitt nieder zu seinen Knien – ganz blaß.

»Ja,« sagte sie außer sich, »– fremd, – etwas, Fremdes, – ich kann's nicht verstehn, und es quält mich.«

»Was ist es? Sage mir's.«

»Ich kann nicht,« murmelte sie.

»Doch doch! Du kannst. Mußt' es wieder lernen, – zu sprechen, oder auch nur zu stammeln, aus dem Innersten her aus, – noch aus dem Unklarsten, Unverstandensten –. Es ist nur Scheu. Über winde sie.«

»Es ist, – im Kuß war es,« sagte sie leise.

»Hat es dich verletzt, – daß ich dich geküßt habe?«

»Mich?! verletzt? mich?! nein! – was liegt an mir?«

»– Für mich – alles, Ruth. – Aber warum quält dich's dann?«

Sie verbarg ihr Gesicht in ihren Händen.

»– Weil – es ist dasselbe, was im Brief war, nur in diesem einen, – als ob er gar nicht von Ihnen käme, – und dann: wie ich von Ihrer Frau sprach im Garten, – und dann: im Kuß, – da fühlte ich's ganz deutlich, das Fremde darin, und daß es – –«

»Daß es –?«

»Daß es nicht sein soll,« flüsterte Ruth, »weil es ist, als ob nicht Sie es sind. Ein Fremder. Ein Schlechterer.«

Er antwortete nicht.

Als sie aufblickte, schüchtern, fragend, da hatte er die Augen geschlossen.

Nach einer Pause sagte er mit gedämpfter Stimme: »Du täuschest dich. Es ist nichts Fremdes, – nichts Schlechtes. Ich bin es selbst, – und in dir selbst ist es, – du erkennst es nur nicht – mit deinen Kinderaugen.«

Er strich ihr über das Haar hin und sah hinweg über sie, die den Kopf unter seiner Hand gebeugt hielt.

»Weißt du noch, – als du das erste Mal hier warst, – was wir da an dieser Stelle miteinander sprachen und was ich dir versprach? Ich wollte dich aus der Welt der Phantasie, wo du träumtest, in die Welt des wirklichen Lebens führen. Das ist damals geschehen, Ruth, und du bist das Kind nicht mehr, das träumt, sondern ein voll erwachender Mensch, der lebt, – lebt mit allen seinen jungen Kräften. Aber weißt du, wodurch das gelang? wodurch ich dich so in deinem ganzen Wesen habe bestimmen und entwickeln können? Nur weil es einen einzigen Punkt gab, wohin sich alle vertriebenen Traumgeister, alle verstummten Märchen, alle Mächte der zaubernden und dichtenden Phantasie flüchteten. Dieser Punkt war dein Verhältnis zu mir. Da ging dein Blick noch nicht auf die Wirklichkeit, sondern über jede Wirklichkeit weit hinaus auf alles, was einem Kinderherzen anbetungswürdig ist. Da lebtest und gehorchtest du nicht einem Menschen, sondern einem in deinem Innern über alle Menschen emporgehobenen Bilde. Aber diese ganze Traumschönheit, Ruth, worin dein Verhältnis zu mir noch steht, – sie ist doch nur eine glänzende, strahlende Form, eine kindliche Umhüllung, – nicht das

Veröffentlicht / Quelle: 
Verlag der J. G. Cotta'schen Verlagsbuchhandlung Nachfolger, Stuttgart, 1895

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