Forts.v. 17. Dez. 2016; Im Dickicht der Zeichen; Nora Meranes 1. Fall - ein Krimi

von Annelie Kelch
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Leander Koska war geflüchtet, vermutlich in Marcs Klamotten, obwohl es ihm keineswegs an Kleidungsstücken mangelte – ganz im Gegenteil: Sein circa drei Meter langer Kleiderschrank, der fast bis unter die Decke reichte, war gut bestückt.
Frank, Marc und ich waren uns uneinig darüber, weshalb Koska die absurd anmutende 'Verkleidung' vorgenommen hatte. Wollte er Marc lediglich ähnlich sehen? - Sollte ich glauben, es sei Marc gewesen, der mich im Kellergewölbe 'in Empfang genommen hatte'? - Wollte er den Mordverdacht, der auf ihm lastete, auf Marc lenken? Und was wusste Arnulf Koska, das wir auf gar keinen Fall herausfinden sollten?
Die Staatsanwaltschaft Hellerburg hatte zwischenzeitlich einen europäischen Haftbefehl gegen Leander Koska erlassen - wegen des dringenden Verdachts auf Mord an Brenda Bohlau und Arnulf Koska. Es bestand Flucht- und Verdunkelungsgefahr. Koska war international zur Fahndung ausgeschrieben.
Marc und ich hatten die riesige Villa durchstreift, nachdem Marc sich aus Koskas Kleiderschrank bedient hatte: Auge um Auge, Zahn um Zahn. Er konnte schwerlich nur mit Unterhosen bekleidet zurück nach Weidenbach fahren, und Koska würde seine Sachen vermutlich lange Zeit nicht benötigen, falls er sie überhaupt jemals wieder brauchen sollte, und mal angenommen, das sei irgendwann der Fall, wären diese derweil entweder total aus der Mode geraten oder von Motten zerfressen.
Koska hatte in der Villa zwei Zimmer mit Bad im ersten Stock bewohnt. Wir fanden Kontoauszüge und Lohnabrechnungen, ein paar unverfängliche Fotos, ein kleines Album mit Postkarten aus aller Welt. Er schien viel herumgekommen zu sein. Vermutlich lebte er schon seit Jahren hauptsächlich auf Kosten seines Onkels, der mit einem Transportunternehmen steinreich geworden war.

Wir fanden keinen einzigen Hinweis auf Brenda. Die Daten auf der Festplatte seines Computers waren sämtlich gelöscht. Allerdings würde es unseren Spezialisten kaum Mühe bereiten, sie fast komplett wiederherzustellen, weil Windows beim Löschen lediglich das Inhaltsverzeichnis entfernt, die Daten an sich jedoch erhalten bleiben. Eindeutig war, dass Leander, bevor er die Villa verließ, aufgeräumt hatte, und zwar gründlich – so gründlich, dass es ins Auge stach. Andererseits machte besagte Villa - vom Dach bis hinunter zum Keller, der Tatort eines Gruselszenarios geworden war - den Eindruck, als wohne dort überhaupt niemand. Möglich war allerdings, dass Arnulf Koska sich oft auf Reisen befunden hatte, mit seinem komfortablen Wohnmobil, das unter einem Carport auf dem Grundstück hinter der Villa abgestellt war.

Nachdem die Kriminaltechniker von der Spurensicherung ihre Arbeit in der Villa beendet hatten, verließen wir das Haus und versiegelten die Tür.

„Was wolltest du mir im Keller Wichtiges sagen, Marc?“, fragte ich, als wir uns auf dem Heimweg nach Weidenbach befanden.
„Das eilt nicht, Nora.“ Marc war auffallend still geworden, nicht erst, seit wir die Villa verlassen hatten.
Frank hatte mich kurz umarmt und mir zugeflüstert, dass er froh sei, wenn die Morde an Brenda Bohlau und Arnulf Koska aufgeklärt wären und ich wieder in Hellerburg auf meinem Platz und ihm gegenüber säße. 'Lassie' wolle auch so bald wie möglich wieder ins Revier zurück. Im Krankenhaus gefalle es ihm ganz und gar nicht.

„Morgen früh kommen zwei Diensthundeführer mit ihren Leichenspürhunden“, unterbrach Marc meine Gedanken. "Ich habe vorhin mit 'Lassie' telefoniert, während du mit Frank von Anger geflirtet hast. Der Einsatz der Hunde sei mehr als gerechtfertigt.“
„Wie kommst du nur darauf, dass ich mit Frank geflirtet hätte. Da entspricht ganz und gar nicht den Tatsachen, Marc. Zum einen ist Frank glücklich verheiratet, zum anderen ist er überhaupt nicht mein Typ; aber wir sind ein gutes Team, und in Hellerburg arbeiten momentan viel zu wenig Leute.“

Marc ging mit keinem Wort auf meine Rechtfertigung ein, sofern man meine Erklärung, die ich ihm keineswegs schuldig war, überhaupt als Rechtfertigung bezeichnen konnte.

„Wusstest du, dass Leichenspürhunde Leichen in allen Stadien der Verwesung aufspüren können? Bis zu zwei Metern Tiefe? Selbst dann, wenn die Leiche längst weggeschafft und der Ort, an dem die Leiche gelegen hat, gründlich gereinigt wurde?“

„Ja“, sagte ich. „Das wusste ich. Hoffentlich haben wir morgen Glück und erfahren, was Leander in den Apfelgarten getrieben hat und ihn womöglich immer noch dorthin treibt.“

„Hast du Angst um Santo?“, grinste Marc.

„Jetzt, wo du es ausgesprochen hast! - Santo hat Leander immerhin gewittert, und Herr Kollberg hat mit Sicherheit seinen abendlichen Rundgang beibehalten, weil er dort Leute trifft, mit denen er sich unterhalten kann. Ist ja den ganzen Tag allein und hat nichts zu tun, der alte Mann. Also wird er weiterhin mit Santo durch den Finstergang streifen. Leander dürfte im Besitz meines Schulterholsters samt Waffe sein. Ein einziger Schuß vom Apfelgarten her - und Santo, mein tapferer Retter, geht in die ewigen Jagdgründe ein.“

„Ich möchte nicht, dass du morgen früh dabei bist, Nora“, sagte Marc. „Außerdem wolltest du doch zu Stefan ins Krankenhaus. Du solltest dir bei deinem ersten Fall nicht zuviel zumuten. Es dürfte ausreichen, wenn ich dir das Ergebnis mitteile.“

„Wie du meinst, Marc“, gab ich müde zur Antwort. „Es ist ohnehin eine Menge schiefgelaufen bei 'unserem Mordfall'. Wir hätten viel eher einen Haftbefehl gegen Leander Koska beantragen und darauf die Fahndung stützen sollen. Immerhin hätte mich der Kerl erwürgt, wenn Santo nicht gewesen wäre.“

Irgendetwas war zwischen mir und Marc kaputtgegangen an jenem Tag; das spürte ich ganz deutlich. Ich kam jedoch nicht darauf, was es war und weshalb. Er war wie verwandelt – von einer Minute zur anderen. Die Veränderung in seinem Wesen hatte sich vollzogen, nachdem Frank in den Keller der Villa gestürmt war.

Wir verabschiedeten uns kurz und förmlich. Marc versprach mir jedoch, mich sofort anzurufen, sobald es etwas Neues gäbe.

Ich duschte und legte mich schlafen, wollte all das Schreckliche vergessen, das ich an jenem Tag in der Villa erlebt hatte: die reinste Horrorvorstellung.

Am nächsten Morgen stand ich früh auf und fuhr nach Weidenbach ins Krankenhaus. Stefan saß im Bett und frühstückte. Er sah schon wieder recht munter aus.

„Ich hab' mit dem Rauchen aufgehört, Nora“, rief er mit entgegen. "Möglicherweise befördern sie mich jetzt zum Kriminaldirektor. Verdient hätte ich es - oder etwa nicht.“

„Wenn überhaupt jemand aus dem Hellerburger Präsidium das verdient hätte, dann du, Stefan“, sagte ich.

„Kannst mich ruhig 'Lassie' nennen“, griente mein Chef. „Ich weiß längst, in welch respektloser Weise ihr von mir redet, sobald ich euch den Rücken zukehre.“

„'Lassie' ist ein absolut sauberer Name“, protestierte ich. „Du kennst doch gewiss den exzellenten Hund aus der gleichnamigen Fernsehserie?!“

„Na, ja“, sagte Stefan. „Ein Hund eben. - Ich hab' aber auf jeden Fall kleinere Ohren und nicht so ein großes Maul.“

Mein Handy klingelte. Und noch bevor ich einen Blick auf das Display geworfen hatte, wusste ich, dass Marc der Anrufer war.

„Was hat er gesagt?“, fragte Stefan, als ich mein Phone auf den Schoß sinken ließ.

„Die Leichenspürhunde haben angeschlagen. Keppler und Hansen sind dabei, den Apfelgarten umzugraben.“

Stefan fuhr sich mit der Serviette über den Mund und stellte sein angebrochenes Frühstück auf den Nachtschrank.

Fortsetzung am 26.12.2016; geht leider nicht eher.
Möglichst frohe und gesunde Weihnachten allerseits, eure Annelie!

Interne Verweise

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Kommentare

22. Dez 2016

Spannung, die sich greifen lässt!
Der Leser wünscht ein frohes Fest!
(Krause findet die blutigen Fotos brutal:
"Also DIE Putzarbeet! DET is ne Qual!"
Weshalb zum Giftmord sie tendiert:
"Da is ma nich so drangsaliert!")

LG Axel

22. Dez 2016

Danke dem Leser, Axel und KRAUSE.
So geht es nun mal zu im Alltag der Kriminalen - keine angenehme Sause.
Das ist viel Feinarbeit und Denksport -
verbunden mit Schreibkram, sprich: Rapport.
(Jiftmord find' ick besonders hintahältich,
is nie im Affekt - im Jejenteil: jeplant und bedächtich.)
Erjibt een qualvollet Sterben,
und wenn mans nich rauskriegt, freun sich die Erben.

LG Annelie