Der Andere

von Mark Read
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Der Mann, der an einem Cafétisch an der Leopoldstraße saß, war weder bunt noch schrill gekleidet, noch trug er eine auffällige oder verrückte Frisur, und was seine Körpermaße anbelangte, war er weder viel zu groß noch kleinwüchsig. Kurz gesagt war Robert Gärtner kein Mensch, der aus der Masse herausstach. Die Tauben musterten ihn mit dem gleichen Desinteresse, das sie jedem Menschen entgegenbrachten, der nichts Essbares bei sich hatte. Auch die Passanten schenkten Gärtner kaum Beachtung. Die Männer nicht, und die Frauen erst recht nicht. Niemand hätte dem unscheinbaren Mann am Cafétisch angesehen, dass sein Leben gerade auf der Kippe stand. In wenigen Minuten würde sein Dasein eine dramatische Wendung nehmen, doch das wusste freilich noch nicht einmal Gärtner selbst.

Für den Moment saß er einfach nur da und freute sich über das milde Wetter, ein normaler Durchschnittsbürger von fünfundvierzig Jahren mit angegrautem Haar und ein paar ersten Falten im Gesicht. Mit geschlossenen Augen genoss er die wärmende Frühlingssonne. Nach Wochen voller trüber Wolken, Wind und Nieselregen hatte diese sich unerwartet über der Stadt München gezeigt, und Gärtner war beileibe nicht der Einzige, der jede Sekunde ihres Gastspiels auskosten wollte. Fast alle Menschen in seiner Umgebung wirkten wie befreit, sie lachten und scherzten, gingen Arm in Arm oder hielten Händchen. Es wirkte beinahe so, als wäre die Stadt einem kollektiven Glücksrausch anheim gefallen. Zu Tausenden zog es sie an die hastig aufgestellten Tische der Straßencafés. Gärtner nahm erfreut zur Kenntnis, dass mit dem trüben Wetter auch die seltsamen Gedanken verschwunden waren, die ihn in den letzten Tagen und Wochen gequält hatten.

Zuvor hatte er eine Reihe unruhiger Nächte verbracht. Mehrfach war er mitten in der Nacht aus wirren Träumen hochgeschreckt, die er schon nach kurzer Zeit nicht mehr rekonstruieren konnte, die ihn aber nachhaltig belasteten, ohne dass er den Grund dafür hätte nennen können. Es mussten düstere Träume gewesen sein. Konkrete Eindrücke hatten sich nicht in seiner Erinnerung festgesetzt. Doch es war eine innere Beklemmung über ihn gekommen, die er in dieser Intensität seit langem nicht mehr verspürt hatte. In der Nacht auf den heutigen Tag jedoch hatte sich alles verflüchtigt und nach ruhigem Schlaf fühlte er sich ebenso ausgeruht wie befreit.

Gärtner seufzte zufrieden und schlug sein Buch auf. Es war eine anspruchsvolle Lektüre, ein russischer Klassiker, den er sich bereits seit Monaten zu lesen vorgenommen hatte. Er las konzentriert, nur hin und wieder nahm er einen Schluck von seinem Cappuccino. Er war ein Genießer, der sich beim Kaffeetrinken bewusst Zeit ließ. Ebenso beim Lesen. Geradezu versunken war er in sein Buch, schmunzelte gewiss über manche Stelle im Text, doch kam es auch vor, dass er minutenlang keine Regung erkennen ließ, während seine Augen über die Zeilen glitten.
Jeder Beobachter hätte Robert Gärtner als ausgeglichenen Menschen beschrieben, von dem keinerlei Gefahr ausging. Und gewiss hätte niemand zu prophezeien gewagt, dass dieser unscheinbare Mann nur einige Wochen später als Beteiligter an einem Mordprozess vor Gericht stehen würde.

Nach einiger Zeit legte Gärtner das Buch umgedreht auf seinen Schoß, lehnte sich zurück und beobachtete mit hinter dem Kopf verschränkten Armen das hektische Treiben um ihn herum. Der Boulevard glich selbst im tiefsten Winter zuweilen einer Ameisenstraße, auf der in beiden Richtungen eifrig Dinge transportiert und Schaufenster begafft wurden. Nun, da sich der Frühling zaghaft ankündigte, verstärkte sich das Gedränge vor den Auslagen der Schmuck- und Kleidungsgeschäfte noch.
Gärtner war kapitalistischen Zwängen gegenüber weitgehend immun. Dennoch empfand er es als inspirierend, andere Menschen bei dem zu beobachten, was gemeinhin "Leben" genannt wird – ein Begriff der, nebenbei gesagt, eine grobe Vereinfachung des vielschichtigen und zuweilen verzwickten Durcheinanders verschiedener Aktivitäten im Alltag eines jeden Einzelnen darstellt.

Eine Zeitlang ließ er die Umgebung auf sich wirken, dann nahm er mit zufriedenem Brummen einen Schluck vom nur mehr lauwarmen Cappuccino und vertiefte sich wieder in die Lektüre. Als er das Buch aufklappte, streifte sein Blick beiläufig einen Mann an einem anderen Tisch. Es war dies der Moment, in dem er den Anderen zum ersten Mal sah. Oder war es der Andere, der ihn sah?

Der Andere war im Gegensatz zu Gärtner eine auffällige Erscheinung. Vor sich hatte er eine aufgeschlagene Zeitung liegen, was für sich genommen schon bemerkenswert war in diesen modernen, digitalen Zeiten. Doch mehr noch als das irritierten Gärtner die Augen des Mannes. Sie waren auf eine unheimliche Weise stechend und kalt wie der arktische Winter. Es waren keine hässlichen Augen, gewiss nicht, bei einer Frau hätte Gärtner ihr strahlendes Blau sogar als äußerst anziehend empfunden. Doch es lag keinerlei menschliche Wärme in ihnen, eher schien der Fremde sein Gegenüber mit ihrer Hilfe zu durchleuchten, ja geradezu zu durchbohren. Es war ein beklemmendes Gefühl, so taxiert und abgeschätzt zu werden. Gärtner löste sich nur mit Mühe von dem grässlichen Blick und musterte den Rest der Erscheinung seines Gegenübers.

Da war ein Schnurrbart, der ein wenig aus der Zeit gefallen wirkte, jedoch so akkurat gestutzt war, dass er beinahe wieder modern aussah. Das schon leicht ergraute Haar, elegant gescheitelt, das die leichten Furchen in seinem Gesicht betonte. Und nicht zuletzt der eigenwillige Kleidungsstil: Der Mann trug ein dunkles Sakko, dazu helle, gestärkte Jeans und sportliche Halbschuhe, was seiner Erscheinung etwas Jugendliches verlieh.

Instinktiv versuchte Gärtner, sein Alter abzuschätzen. Der Andere mochte etwa fünfzig sein oder ein paar Jahre weniger zählen, vielleicht teilten beide Männer sogar das Geburtsjahr. Doch er wirkte weitaus frischer und jünger als Gärtner, trotz des unmodischen Schnurrbartes. Gärtner nahm dies nicht ohne einen leichten Anflug von Neid zur Kenntnis.

Nur wenige Sekunden ruhten die Blicke der beiden Männer aufeinander. Eigentlich eine lächerlich kurze Zeitspanne, aber es ist ja ein offenes Geheimnis, welch unerhörte Zahl von Gedanken zwischen zweimal Augenblinzeln durch das Gehirn eines Menschen huschen kann. Was dem Anderen durch den Kopf ging, ahnte Gärtner selbstverständlich nicht. Doch er für seinen Teil spürte einen Anflug von Panik in sich aufsteigen. Er konnte sich nicht entsinnen, ob ihn jemals eine fremde Person so unverblümt und herausfordernd angestarrt hatte. Sicher war er in seinem Leben schon von Mitmenschen kurz ins Auge gefasst worden, die ihn für den

"Der Andere" entstand im Jahr 2014 und ist meine bislang längste veröffentlichte Erzählung. Sie ist zusammen mit sechs weiteren Erzählungen im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" enthalten, kann aber auch einzeln als eBook erworben werden (Links dazu weiter unten).

Veröffentlicht / Quelle: 
Veröffentlicht im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" des Autors (Taschenbuch / eBook)

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