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Der Ballon

Bild von Mark Read
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Im gedimmten Licht des Nobelrestaurants machte Peter Schneider einen noch selbstherrlicheren Eindruck als zuvor in den sterilen, weißen Wänden seiner Starnberger Villa. Dort, in seinem Hoheitsgebiet, wo auf nichtssagenden Möbeln nichtssagende Gegenstände aus den Lifestyle-Abteilungen der teuren Kaufhäuser standen, wo in Wandregalen großformatige Bücher über berühmte zeitgenössische Künstler residierten, die ganz offensichtlich noch nie aufgeschlagen worden waren, dort war Schneiders Art schon kaum zu ertragen gewesen. Doch hier, außerhalb seines wuchtigen Neubauquaders, kannte er noch weniger Hemmungen. Dieser Mensch ist ein Ballon, dachte sie, während sie seinen Ausführungen lauschte und vom Lachscarpaccio kostete. Prall gefüllt, immer auf dem Weg nach oben. Ein Ballon, der nur eine Richtung kennt, bis er irgendwann platzt.

Während Schneider sich mit Trüffeln vollstopfte und unentwegt Anekdoten aus seinem erfolgreichen Leben zum Besten gab, während er die Liste von Schauspielern, Künstlern und hochrangigen Politikern herunterratterte, die er auf Veranstaltungen und Empfängen kennen gelernt hatte, musterte sie sein Gesicht. Widerwillig musste sie sich eingestehen, dass er äußerlich tatsächlich attraktiv war. Sicher, ein paar Falten hatten sich in dem sechsundvierzigjährigen Gesicht breitgemacht, und die Geheimratsecken hatten bereits viel vom kastanienbraunen Haar aus seiner Stirn vertrieben. Jung sah Schneider nicht mehr aus. Dennoch strahlte sein Mund mit den kräftigen Lippen eine raue Männlichkeit aus, und seine stechenden blauen Augen waren voller Kraft.

Es schmeichelte ihr durchaus, dass ein so ansehnlicher und noch dazu schwerreicher Mann Interesse an ihr hatte. Nicht nur wegen der darin enthaltenen Bestätigung für ihr immer noch hübsches Äußeres. Sie konnte sich auch gewisser Gedankenspiele nicht erwehren.

Was, wenn sie auf Schneiders Avancen einging? War es nicht ein verlockender Gedanke: Die Frau an seiner Seite zu sein? Über Geld würde sie sich nie mehr Sorgen machen müssen. Mit Sicherheit würde Schneider es nicht zulassen, dass es ihr an irgendetwas fehlte, dafür war sein Stolz viel zu groß. Sie hielt sich selbst für alles andere als eitel, elitäres Gehabe war ihr fremd, und doch übte die Vorstellung einen nicht von der Hand zu weisenden Reiz auf sie aus: ein Leben ohne materielle Not zu führen, in exklusiven Kreisen zu verkehren, das alles würde ihr sonst für immer versagt bleiben. Schneider könnte ihre Eintrittskarte zu einem anderen Leben sein. Und doch verwarf sie derlei Träume schnell wieder, als sie Schneiders Erzählungen ihre Aufmerksamkeit schenkte. Denn das, was innerhalb der attraktiven Verpackung des Peter Schneider steckte, war mit offenem Herzen nur schwer zu ertragen.

Schon während der Interviewsitzung in der Starnberger Villa hatte es begonnen. Schneider hatte ihr wiederholt Komplimente gemacht. Zunächst hatte er es auf der sachlichen Ebene versucht und ihre gewissenhafte Vorbereitung auf das Interview gelobt, auch die Art, wie sie das Gespräch lenkte. Sie sind gut, Sie wissen, was Sie wollen, hatte er gesagt, und: Ihnen erzähle ich gerne das Geheimnis meines Erfolges. Dazu hatte er sein gewinnendes und verbindliches, in unzähligen Verhandlungsrunden erprobtes Lächeln aufgesetzt und seine strahlend weißen Zähne entblößt.
Das Buch wird gut werden, das spüre ich. Die Leute werden so viel über mich erfahren, das sie noch nicht wussten. Peter Schneider wird in einem ganz anderen Licht erstrahlen, die Nachwelt wird gerecht über mich urteilen. Worthülsen wie diese hatte Schneider ohne Unterlass abgesondert, und sie konnte dabei förmlich spüren, wie gerne er sich selbst reden hörte.
Je länger das Gespräch dauerte, umso direkter wurden seine Avancen. Er wusste offensichtlich nur zu gut, welche Wirkung er auch mit sechsundvierzig Jahren noch auf Frauen hatte. Zudem kannte er die Mittel, die es einzusetzen galt, um seine Ziele zu erreichen.
Ja, als Schauspieler war er nicht schlecht, das musste sie zugeben. Als sie beispielsweise einmal ihre Haare aus der Stirn strich, um ihre Notizen besser betrachten zu können, lobte er mit betonter Schüchternheit, die so gar nicht zu seinem sonstigen Auftreten passte, die Farbe ihrer Augen. Wie ein unschuldiger Achtklässler wirkte er da, der zum ersten Mal seiner Flamme aus der Parallelklasse Komplimente macht, er konnte diese Rolle tatsächlich spielen. Später ließ er es sich nicht nehmen, zu bemerken, wie anmutig ihre Hände seien, wie grazil sie ihren Stift umklammere. Fließt in Ihren Adern etwa blaues Blut?, fragte er. Ihre Haltung ist so königlich, wie bei einer Prinzessin.

Für ihre Halskette fand er geistreiche und nur etwas kitschige Umschreibungen. Und das Sommerkleid, mit dem sie zum Interview in seiner Villa erschienen war, schien es ihm besonders angetan zu haben. Wie ein Engel sehen Sie aus, sagte er in einer Interviewpause zu ihr. Lächeln Sie doch noch einmal so nett, das Lächeln steht Ihnen ausgezeichnet. Peter Schneider, der Wandelbare, hatte seine rhetorische Schatzkiste im Laufe der Jahrzehnte offenbar gut gefüllt, und er wusste, welche Goldstücke er zu welchem Zeitpunkt daraus hervorholen und vorführen musste.

Sie durchschaute Schneiders Absichten natürlich schnell. Und doch wies sie ihn in keinster Weise zurecht, bat ihn nicht, die Flirts zu unterlassen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Im Gegenteil, sie wurde sogar rot, wenn Schneider schöne Nichtigkeiten säuselte und konnte dabei ihr Lächeln nicht unterdrücken. Das war ja das Paradoxe. Sie ließ sich seine Avancen gefallen. Dabei wurde ihr Gegenüber ihr mit jeder Minute, die sie im gepolsterten Lehnsessel seines Arbeitszimmers verbrachte, widerwärtiger.

Die Art, wie Schneider über frühere Geschäftspartner, einstige Freunde und Kollegen, andere Investoren, ja sogar über seine Eltern sprach, war abstoßend. Er beleidigte Menschen, denen er seinen Reichtum zu verdanken hatte, auf das Gröbste. Zwar nahm er keine Stammtischparolen in den Mund, er schimpfte nicht und vermied unflätige Ausdrücke. Doch nur weil er seine Waffe mit Stil zu führen wusste, war die Wirkung nicht minder schlimm.

Schneider verspottete die, deren Gunst er jahrelang genossen und von denen er profitiert hatte, mit gewählten und doch süffisanten Worten. Er goss Kübel voller Häme über sie aus, wodurch seine Arroganz nur noch unerträglicher erschien. Der mächtige und schwerreiche Mann, der einflussreiche Chef eines Wirtschaftsimperiums wirkte auf sie wie ein verzogenes und außer Kontrolle geratenes Kind, freilich eines mit Manieren.

Wie selbstverständlich führte er alle positiven geschäftlichen Entwicklungen und millionenschweren Verkäufe der letzten Jahre letztlich auf Entscheidungen zurück, die er selbst getroffen hatte. Er lachte geradezu über die Naivität und den fehlenden Geschäftssinn seines einstmals besten Freundes

"Der Ballon" ist eine von sieben Erzählungen im Samelband "Zufällige Bekanntschaften" (eBook oder Taschenbuch).

Coverfoto: iamguy über flickr.com / Creative Commons CC BY-SA 2.0
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"Der Ballon" ist eine von sieben Erzählungen im Sammelband "Zufällige Bekanntschaften" (eBook oder Taschenbuch).

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Kommentare

27. Jan 2016

Die Metapher „Ballon“ hat mich zum Einsteigen gelockt. Es ist eine lange Fahrt geworden in die Grausamkeit der Realität. Zwischendrin habe ich mir vorgestellt, ob der Ballon nicht mehr Fahrt aufnähme, wenn etwas Ballast (ausschmückende Nebensätze, Klischees) abgeworfen würde. Ich meine, dann wäre die Reise noch fesselnder verlaufen. Mit besten Grüßen

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