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Die Eisprinzessin

Bild von Sigrid Hartmann
Bibliothek

Hoch über der Erde, dort, wo es besonders kalt ist, verborgen in dicken Wolken, liegt ein Land ganz aus Eis. Nur selten wagt sich ein Sonnenstrahl hierher. Dann schimmert das eisblaue Schloss, das in der Mitte des Landes liegt, zart in den Farben des Regenbogens.
Die Farben sind nicht leuchtend wie auf der Erde, sondern hell, als hätten sich wenige Farbtröpfchen mit dem Eis vermischt. Und genauso zart schimmert dann auch das Kleid der Eisprinzessin, die mit ihrem Vater, dem Eiskönig, und ihrer Mutter, der Eiskönigin, im Schloss lebt.
Jeden Tag nach dem Mittagessen setzt sich die Prinzessin auf die Stufen vor dem Schloss und wartet ungeduldig auf den Südwind. Wenn er ein wenig Zeit hat, erzählt er ihr die schönsten Geschichten von der Erde, von der Sonne, dem Regen und dem Regenbogen, von Tieren und Pflanzen und von Bäumen, die so hoch sind, dass sie die Wolken berühren, die der Wind zu ihnen bringt.
Der Südwind und seine Freunde, der Nordwind, der Westwind und der Ostwind kommen jeden Tag ins Eisland. Sie bringen das Wasser, das in der Wärme der Sonne über den Meeren verdunstet, zum Eiskönig. Dort wird es zu Eis, und wenn es irgendwo auf der Erde regnen soll, verwandelt der Eiskönig es wieder in große, dicke Wolken aus winzig kleinen Wassertröpfchen.
Die Winde pusten und wirbeln die Wolken dann wieder über den Himmel. Zuerst fliegen sie ganz niedrig und dann, wenn sie das Land, in dem es regnen soll, erreicht haben, steigen sie hoch hinauf, dorthin, wo die Luft sehr kalt ist. Die Wassertropfen versuchen sich gegenseitig zu wärmen. Sie drängen sich dicht aneinander, fließen zusammen, werden groß und dick und fallen schließlich als Regen vom Himmel.
Manchmal haben es die Winde sehr eilig. Dann stürmen sie davon und treiben die armen Wolken so schnell vor sich her, dass es denen ganz schwindelig wird. Die Winde toben auf und ab, fahren zur Erde herunter und wirbeln Bäume und Sträucher durcheinander.
Als der Südwind der Prinzessin einmal davon erzählte, lachte sie so laut, dass der Eiskönig vor Schreck ein riesiges Eisstück abbrach. Auf der Erde regnete es danach tagelang und die Flüsse und Bäche traten über die Ufer und überschwemmten ein ganzes Land.
Der Eiskönig war sehr böse und der Südwind durfte die Prinzessin ein ganzes Jahr lang nicht mehr besuchen.
Eines Tages erzählt der Wind der Prinzessin von einem kleinen Land weit im Süden, in dem es so heiß ist, dass kein Tier und keine Pflanze dort leben können.
Das Wasser der Wolken verdunstet schon in der Luft und kein Tröpfchen erreicht den Boden.
„Ach, wenn ich es doch einmal sehen könnte!“ seufzt die Prinzessin.
„Ihr guckt genauso sehnsüchtig wie das Land, wenn es zu den Wolken hinaufschaut, die über ihm hinwegziehen!“ schmunzelt der Wind. „Ich würde Euch gerne dort hinbringen liebe Prinzessin, aber ich kann es nicht tun. Ihr wisst nicht, wie heiß es dort ist! Ihr würdet es nicht überleben, denn die Sonne kann so unbarmherzig sein. Sie würde Euch sofort verbrennen!“
„Ach lieber Südwind, wir können es doch versuchen, ich möchte das Land so gerne einmal sehen. Ich könnte mich in einer gaaanz dicken Wolke verstecken …“
„Nein, nein, nein! Auf gar keinen Fall. Das ist viel zu gefährlich!“ sagt der Wind besorgt, denn er ahnt, was er mit seiner Geschichte angerichtet hat.
Wenn sich die Prinzessin etwas in den Kopf gesetzt hat, lässt sie sich von nichts und niemandem davon abbringen und so ist es auch in diesem Fall. Sie will das Land unbedingt sehen und so schleicht sie eines Nachts zum Wolkenhafen. Sie kriecht in eine besonders dicke Wolke hinein und wartet darauf, dass die Reise beginnt.
Sie muss nicht lange warten. Gerade, als sie es sich in der knuddeligen Wolke gemütlich gemacht hat, beginnt die zu schaukeln. Zum Glück hat es der Wind nicht besonders eilig. Ganz langsam setzt sich der Wolkenzug in Bewegung. Die Prinzessin schaut zur Erde hinunter. Dort ist es sehr dunkel. Wo sind die bunten Farben, von denen der Wind ihr erzählt hat. Hat er sich das alles nur ausgedacht?
Gerade, als sie aus der Wolke herausklettern will, um den Wind zu fragen, erscheint die Sonne am Horizont wie ein feuerroter Ball und die Welt beginnt zu leuchten, so herrlich und bunt, wie es sich die Prinzessin nicht hatte vorstellen können. Entzückt schreit sie auf. Als der Wind ihren Schrei hört, bläst er entsetzt in die Wolke hinein. Dabei wirbeln die Wassertröpfchen wild durcheinander und die Wolke beginnt sich aufzulösen. Die Prinzessin verliert den Halt, rutscht heraus und fällt zur Erde hinab. Gerade noch rechtzeitig pustet der Wind eine zweite Wolke hinunter. So kann er verhindern, dass sie auf den Boden fällt.
„Prinzessin, was macht Ihr denn hier?“ jammert er.
„Der König wird mich verbannen, wenn er davon erfährt!“
„Er muss es ja nicht erfahren, lieber Wind!“ flüstert die Prinzessin und sieht den Wind bittend an.
„Lieber Wind, zeig mir doch bitte das traurige Land, von dem du mir erzählt hast!“
„Ach Prinzessin, das ist nicht so einfach! Ich weiß nicht, ob die Wolken dick genug sind, um Euch vor den heißen Strahlen der Sonne zu schützen. Was ist, wenn sie nicht ausreichen und die Sonne Euch verbrennt?“
„Es wird schon reichen!“ sie schenkt ihm einen so lieben Blick, wie es nur eine Prinzessin kann.
„Also gut, versuchen wir es!“ seufzt der Wind. Er fliegt um die Wolken herum, drückt und schiebt sie zu einer einzigen dicken Wolke zusammen, in die die Prinzessin hineinklettert. Der Wind macht ein kleines Loch in die Wolke, durch das die Prinzessin hinausschauen kann und dann fliegt er vorsichtig los. Ihm ist nicht wohl dabei, aber jetzt gibt es kein Zurück mehr.
Sie fliegen über eine riesige Eisfläche, die so aussieht wie das Eisland. Dann ändert sich die Landschaft. Unter ihnen liegt das Meer, das in der Ferne blau schimmert. Unter dem Wolkenzug jedoch ist es grau und hohe Wellen bäumen sich auf, als wollten sie zu den Wolken hinaufsteigen und mit ihnen davonfliegen.
Dann lassen sie das Meer hinter sich und fliegen über etwas Grünes und Braunes und dann über etwas Graues. Das müssen Wälder und Wiesen, Felder und Städte sein, denkt die Prinzessin. Sie erinnert sich an die Geschichten, die ihr der Wind erzählt hat. Die Farben sind so wunderschön, viel schöner, als sie es sich vorgestellt hat.
Plötzlich sieht sie in der Ferne etwas, das schimmert wie pures Gold. Als sie näher kommen, sieht sie Berge und Täler, die von der Sonne beschienen werden. Das Land sieht sehnsüchtig zu der Wolke hinauf. Es kann sich noch gut daran erinnern, wie schön es ist, wenn Wassertropfen herabfallen. Auch wenn es schon lange her ist, so hat es doch einmal eine Zeit gegeben, in der Pflanzen und Tiere hier gelebt haben.
Die Prinzessin ist wie verzaubert. Sie rutscht ein wenig nach unten, um besser sehen zu können. Die Wolke, die von der ungeheueren Kraft der Sonne schon sehr dünn geworden ist, gibt nach und die Prinzessin purzelt heraus. Der Wind kann sie nicht mehr auffangen und so fällt sie hinunter in den heißen Sand.
Benommen sitzt sie auf dem Boden. Doch wie erstaunt ist sie, als es dort, wo sie sitzt, zu grünen und zu blühen beginnt. Sie steht auf und wandert umher und überall dort, wo ihr Fuß den Boden berührt hat, wachsen Pflanzen, als hätten die Samen in der Erde nur auf sie gewartet. Bunte Blumen, saftiges Gras und Bäume, die so schnell wachsen, dass sie bald ein schützendes Dach bilden, bedecken die Erde. Die Prinzessin aber beginnt in der heißen Sonne zu schmelzen.
Der Wind, der sich von seinem Schrecken erholt hatt, weht den Sand, der das Land in mitten den Bäume bedeckt, fort und schafft so eine kleine Mulde, in die sich die Prinzessin legt.
„Ach Prinzessin, was soll nun geschehen? Was wird aus Euch? Was soll ich Eurem Vater und Eurer Mutter sagen?“
„Lieber Wind!“ die Prinzessin schaut ihn mit leuchtenden Augen an.
„Sag meinen Eltern, dass sie sich keine Sorgen um mich machen müssen, es geht mir gut! Es ist so schön hier! Ich habe schon immer gewusst, dass mein Platz nicht im Reich meines Vaters ist. Ich will hierbleiben, hier in dieser kleinen Oase, in diesem Land, das darauf gewartet hat, dass ich zu ihm komme. Hier ist mein Platz!
Besuche mich sooft du kannst und bringe Regen hierher, damit die Pflanzen gedeihen können. Das Land und sie werden mich beschützen.“
Und so bleibt sie in der Oase. Sie schläft am Tag, wenn die Sonne ihre heißen Strahlen herunterschickt. In der Nacht aber, wenn die Sterne den Himmel verzieren, verlässt sie den Teich und tritt hinaus in den Wüstensand. Dann liegt ein zartes Leuchten und Schimmern über der Wüste, eisblau und golden drehen sich die Prinzessin und der Wüstensand im Tanz.

Interne Verweise

Kommentare

23. Jan 2017

Die Geschichte wärmt und blüht -
Wobei sie Poesie VERSprüht ...

LG Axel

23. Jan 2017

Schön mal in einer anderen Welt gewesen zu sein!!!
LG Soléa