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Sauerstoff

Bild von rofu
Bibliothek

Er trug eine dunkelgraue Hose, eine karamelfarbenes Sacco, vermutlich aus Kaschmirwolle, darunter ein weisses Hemd, eine blaue Krawatte mit schwarzgelben Streifen, golden leuchtende, Manschettenknöpfe blinkten aus den Ärmeln hervor.
Der Mann, der mit ausholenden Armbewegungen anscheinend flott an mir vorbei gehen wollte, ließ sich aber urplötzlich mit einer geschickten seitwärtsrückwärts Drehung neben mich auf die Bank plumpsen. Er schlug sein rechtes Bein über das linke Knie sodass der Unterschenkel leicht auf und ab wippte und dabei den Glanz seiner eleganten Lederschuhe in der Sonne präsentierte. Sofort knallte er auch seine Nordic-Walking-Stöcke zwischen ihm und mir an die Kante der Sitzbank und schmettere seine schwarzen Lederhandschuhe, deren er sich fast gleichzeitig entledigt hatte, wie Fehdehandschuhe zwischen uns.
„Grüß Gott, Herr Edeljogger, wenns recht ist?“.
Den Nichtgrüßerfelegel werde ich mir kaufen, dachte ich.
„Entschuldigung“, antwortete er, „ich habe Sie überhaupt nicht bemerkt. Ausserdem, Walker, bitte. Auch wenn ich kein Nordic Walker und schon gar kein Jogger bin. Wie kommen sie denn zu der Annahme, dass ich Jogger wäre, wenn ich hier, wie sie sehen, mit Nordic-Walking-Stöcken anmarschiert bin? “
Mir blieb nur eine Entschuldigung meinerseits übrig.
Offensichtlich hatte ich ihn falsch angesprochen oder besser gesagt: ich hatte einfach gedankenlos gängige Begriffe verwendet. Sicher war mir klar, dass er kein Nordic Walker sein konnte, allein, weil er für diesen Sport absolut falsch angezogen ist.
Es sähe völlig grotesk aus, wenn jemand zur falschen Jahreszeit mit Skistöcken im Business Outfit marschiert, habe ich ihm einfach geantwortet.
„Richtig, mein Freund! Nichts ist grotesker als Nordic Walking. Sie hätten die Dame erleben sollen, von der ich vorhin die Stöcke bekommen habe. Sie hat die Stöcke an ihren Handgelenken baumelnd hinter sich her geschleift, obwohl sie keinen unsportlichen Eindruck machte.
„Wie erhalten? Geschenkt?, Gekauft?, fragte ich ihn.
Nein, sagte er, sie hat sie mir geradezu aufgedrängt, als ich sie im Vorbeigehen anspornen und motivieren wollte.
„Ja, ja, machen Sie sich ruhig auch lustig über mich. Meine Freunde und Freundinnen haben sich die Mühe gespart und sind stur weitergestampft, als mir die Puste aus ging“, hat sie mir entgegnet. „Es liegt am Sauerstoff, müssen Sie wissen. und an dem verbissenen walken, das geht mir auf den Geist, genau so wie das permanente radeln und die Ausflüge in die Berge mit meinen Freunden in grausam überfüllten Zügen! Und noch mehr satt habe ich die Gondelfahrten auf Berggipfel wegen der ewig schönen Alpenpanoramen und idyllischen Bergseen. Ich möchte einfach mal meine Ruhe haben von all den Festen, den Schlössern mit den endlosen Schönheiten und der ganzen hyperaktiven Mitmachgesellschaft.“
„Aber Nordic Walking ist einer ausgezeichnete Sport um fit zu bleiben und am besten betreibt man es non mal zusammen mit Gleichgesinnten, dann macht es mehr Spaß und wird nicht langweilig. Bewegung ist wichtig, gerade für ältere Menschen ist Bewegung unerlässlich, “ erklärte ich ihr und mit mahnendem Zeigefinger fügte ich hinzu: „Wer rastet der rostet – eine alte Tatsache!
“Ich bitte Sie,“ sagte die Frau, „wo steht geschrieben, dass man sich in Massen bewegen muss. Immer im Pulk. Immer im Haufen. Ich habe meinen Pulk davon ziehen lassen und was meinen Sie, was ich zu hören bekomme, wenn ich die wieder treffe? 'Ja wo warst du denn? Habe gar nicht gemerkt, dass du nicht da warst'. Ich bin fest überzeugt, dass die ganze Horde schon die nächste Gastwirtschaft überfallen hat. Die genehmigen sich jetzt gerade den weit und breit allerbesten Braten natürlich mit dem grössten und schönsten Knödel überhaupt, dazu eine Radler Maß, die nirgendwo besser schmeckt als dort, wo sie gerade sind. Die sind doch alle krank. Die haben nichts im Kopf ausser ihren selbstgefälligen Freizeitaktionismus, nur Schwarm und schwärmen im Schwarm. Und wenn sie ihr Blech erzählen von ihren Schwarmerlebnissen, dann dröhnen die Biergärten von dem ganzen Blech das sie schwafeln“. Sie hielt mir ihre Stöcke entgegen und sagte: „Hier, wenn sie sie haben wollen, ich brauche sie nicht mehr. Bis 5 Prozent mehr Sauerstoff verbraucht man bei vorschriftsmäßigem Einsatz der Stöcke, sagen Sportärzte. Vorschriftsmäßig? Wer schreibt was vor? Sagen Sie mir, wie viel Sauerstoff der Verkauf der Stöcke in die Kassen der Skistockhersteller weht? Wir haben geglaubt, dass Nordic Walking etwas ist, das gesund ist, das gesund macht. Das haben wir alle geglaubt und die meisten die ich kenne Glauben es immer noch - nur ich glaube es nicht mehr! Zuerst glaubt man den Sportlern die die Vorzüge des Nordic Walking loben ohne zu ahnen, dass sie für ihre Lobeshymnen bezahlt werden. Dann glauben die Ärzte den Sportlern um auch bezahlt zu werden und loben Nordic Walking wissenschaftlich. Und wir hoffen auf die Gesundheit und an ein langes Leben ohne alt zu werden. Das ist doch unlogisch und irre! Die ganze Welt ist krank, weil wir nur noch glauben was uns andere vorbeten. Alle rotten sich in Nordic-Walking-Gruppen zusammen und bewundern sich gegenseitig mit ihrem Stöckewahnsinn.
Da machte mein Banknachbar eine kleine Pause. Ich konnte fragen: „…und warum treiben Sie jetzt den Wahnsinn mit den Stöcken weiter?“ „Warum nicht?“, antwortete er und fügte hinzu: ich interessiere mich mehr für den Sauerstoff. Sauerstoff für mein Sportgeschäft!“
„Das Geschäft wird nämlich immer schwieriger, weil die Menschen heutzutage alles haben, weil sie schon überall waren und alles kennen, alleine durch das Internet, und viele – oftmals auch junge – wollen nicht mehr. Sie sprechen sogar von Konsumterror oder sie verdienen einfach nicht genug um mitmachen zu können“, meinte er und rieb die Hände auf den Oberschenkeln gegen das Knie und wieder zurück und wieder zum Knie und sein Kopf nickte dabei auf und ab.
„Es geht doch nicht anders“ stieß er plötzlich aus sich heraus. „Wo sollen wir es den her holen? Von einem der nichts hat kann man nichts holen. Aber wen interessiert das? Die Lieferanten brauchen uns nicht mehr für den Absatzt, den Kunden sind wir zu teuer, weil die Hersteller im Internet die ihre Produkte selbst billiger anbieten. Meine Angestellten werden monatlich von geldgierigen Vermietern bestohlen, die selbst von noch gierigeren Banken erpresst werden, also bestehlen, betrügen und erpressen sie auch mich mit Gehaltsansprüchen, Arbeitszeitverkürzung, Gratifikationen!!! mit allem!
Er war derart in Erregung geraten, dass ich ihn bat sich zu beruhigen. „Wie beruhigen?” schrie er plötzlich und sprang von der Bank auf. Er stellte sich direkt vor mich hin, er beugte sich nach vorne und schmetterte mir wütend und gleichzeitig lachend entgegen: „Ja, ja, beruhigen wir uns, nachts, im Schlaf beruhigen wir uns und wenn am Morgen der Gerichtsvollzieher kommt, dann sagen wir ihm, dass er sich beruhigen soll!
Dann griff er blitzschnell nach den Stöcken, die immer noch neben mir an der Sitzbankkante lehnten und stieß mir die Faust, die die Stöcke senkrecht umklammerte bis kurz vor das Gesicht: „Kaufen Sie diese Stöcke“, schrie er mich an. Er schüttelte die Stöcke direkt vor meiner Nase hin und her. „Sie sind ein Sonderangebot, greif-fen Sie zu! Nur 10 Euro! Greifen Sie zu! Greifen Sie zu! Jetzt zugreif-fen!“
Beim letzten ’Jetzt zugreif-fen’ wanderte sein Blick seltsam nach oben, sein Kopf legte sich in den Nacken, die Knie knickten plötzlich ein und er sackte zu Boden wo er sich mit einer Hand an den Hals fasste und röchelte.
Mir schoss sofort in den Kopf: Herzinfarkt.
Gott sei dank hatte ich mein Handy nicht zu hause vergessen und ich fand trotz der Aufregung, in die ich geraten war, schnell die Notrufnummer. Wie soll ich ihm helfen? Zuerst die Krawatte öffnen, dachte ich und dann das Hemd aufmachen, klar, stabile Seitenlage herbeiführen. Atmet er noch? Lebt er überhaupt noch?, fragte ich mich.
„Ich weiss nicht. Ich weiss es nicht mehr“, soll ich auf erste Erkundigungen eines Sanitäters geantwortet haben. Ich erinnere mich aber deutlich, wie jemand von der Ambulanz gesagt hat: „schnell, er braucht Sauerstoff“.

Interne Verweise