Besuch

von Robert Funk
Mitglied

In der Großstadt zu leben heißt vom frühen Morgen an bis in den späten Abend hinein, jeden Tag, zwischen den Menschenmengen hindurch zu kommen. Vom Startpunkt zum Zielpunkt hindurch kommen müssen. Alle Großstadtmenschen verbindet der gemeinsame Gedanke an das Hindurchkommen und Ankommen. Hat man z.B. einen Gedanken, der, weil der Gedanke für eine Arbeit ein nützlicher Gedanke ist, bis zum Eintreffen am Arbeitsort bewahrt werden will, um ihn dort zur Verbesserung der Arbeitsleistung zu verwenden, dann kann es passieren, dass der Gedanke z.B. nach einem hastigen Hindurchspringen durch sich gerade schließendende U-Bahn Türen, noch in vollem Umfang, mit allen seinen Nebengedanken, in seiner ganzen Komplexität also, in einem Kopf und in Folge dessen auch in einem Gehirn, vorhanden ist. Es kann aber auch sein, dass während des hastigen Hineinspringens durch die sich schließenden U-Bahn Türen, der Blick zufällig auf eine Person fällt, die einem denken lässt: die Person kenne ich doch!
Schon ist der nützliche Gedanke, der die Arbeitsergebnisse verbessern sollte, aus dem Kopf, sprich Gehirn, verschwunden und durch einen anderen Gedanken, nämlich den Gedanken, der uns sagt, dass wir dieser Person freundlich grüßend zunicken sollen, ersetzt. Aber die Person, der wir zunicken, reagiert nicht wie wir erwarten mit einem ebenso freundlichen Kopfnicken oder vielleicht sogar mit einem erfreuten Lächeln, sondern wendet ihren Blick in eine andere Richtung und denkt sich: kennt der mich? Oder, kenn ich ihn? Auch hier hat der/die Gegrüßte seine eben noch gedachten Gedanken aufgegeben und/oder verloren. Was habe ich gedacht, denkt er/sie sich, bevor ich gedacht habe ob er mich kennt oder ob ich ihn vielleicht kenne und woher könnte er mich oder ich ihn kennen?
Selbstverständlich denken wir im Zustand das Nachdenkens über einen entfallenen Gedanken oft über die Zuverlässigkeit unseres Gedächtnisses nach, nicht ohne ängstlich an die Folgen eines langsamen, weil in letzter Zeit öfter wahrgenommenen, Gedankenverlustes, eventuell sogar über einen sich anbahnenden Gedächtnisverlust nachzudenken und wie wir uns davor schützen können. Aber die Stadt und ihr Transportsystem lässt uns keine Zeit, denn ein neuer Gedanke an die Ankunft bei einer Haltestelle und an den Ausstieg aus der U-Bahn, beansprucht unsere volle Aufmerksamkeit. Nicht rechts, sondern links aussteigen und nicht links sondern rechts den Bahnsteig entlang gehen, denken wir. Am Vordermann wollen wir links vorbei gehen, aber wir können nicht, weil der Weg versperrt ist, also denken wir, dass wir rechts vorbei gehen, aber das ist auch nicht möglich, weil eine ganze Traube von Menschen schon das gleiche gedacht hat und somit ein Hindurch- und Weiterkommen unmöglich ist.
Während wir fast auf der Stelle tretend hinter der Menschentraube hergehen, bereuen wir, den für unsere berufliche Absichten so wichtigen, den uns völlig entfallenen Gedanken, nicht vorher notiert zu haben. Wir beschliessen, ab jetzt alle Gedanken zu notieren, was wir aber wegen der ungeheueren Gedankenmenge die wir unentwegt produzieren, nicht bewältigen können werden und verwerfen deshalb den Gedanken sofort als unzweckmäßige Gedankenspielerei.
Wir kommen hinter der Menschentraube hergehend am Beginn einer Rolltreppe an und fahren auf ihr völlig gedankenlos abwärts und denken plötzlich, dass irgendwas nicht stimmen kann, weil wir sonst immer aufwärts fahren um rechtzeitig an unser Ziel zu gelangen. Nie abwärts, immer aufwärts, denken wir und stellen uns, unten angekommen, sofort hinter der Menschentraube an, die die Aufwärtsrolltreppe benützen will und fahren mit ihr aufwärts. Gleichzeitig sehen wir, dass auf der Abwärtsrolltreppe, viele junge Menschen in zerrissene Jeanshosen gekleidet nach unten fahren. Noch im Gedanken mit dem Anblick der zerrissenen Jeanshosen beschäftigt und von meinen eigenen Gedanken durch die zerrissenen Jeanshosen abgelenkt, stelle ich mich oben angekommen hinter der Menschentraube die mit der Abwärtsrolltreppe fahren will an und fahre wieder völlig gedankenlos nach unten, bis ich merke, dass ich abwärts und nicht aufwärts fahre und darüber erschrecke. Wo habe ich bloß meine Gedanken, denke ich. Aufwärts, immer aufwärts, nie abwärts, lautet schließlich meine Devise.
Es wird höchste Zeit in meine Firma zu kommen, denke ich, gleich um 9.30 ist ein wichtiger Besuch aus China angemeldet. Beim Anblick der Menschenmenge, die zur Aufwärtsrolltreppe drängt, verspüre ich Übelkeit und wende mich ab.
Beherrscht von dem Gedanken des rechtzeitig Hindurchkommenmüssens entschließe ich mich hier unten mit der nächsten U-Bahn weiter zu fahren, auch wenn das einmal mehr umsteigen bedeutet, werde ich doch schnell genug durch die Stadt hindurch und rechtzeitig am Ziel ankommen, denke ich.
Durch das Fenster der hereinfahrenden U-Bahn erkenne ich einen direkt am Fenster sitzenden Arbeitskollegen, der erst kürzlich bei uns angefangen hat und drängle mich sofort rücksichtslos an den am Bahnsteig wartenden Personen vorbei und zu dem Abschnit hindurch, in dem mein Kollege sitzt. Ich schaffe es zu dem freien Platz bei ihm und lasse mich erleichtert mit einem fröhlichen „Good morning, Herr Stein“ neben ihn nieder sinken. Hallo, erwidert er knapp und fügt an: Steinkopf, ich heiße Steinkopf. Entschuldigen Sie Herr Steinkopf, wie konnte ich nur…
Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen, die für sich ein schlechtes Namengedächtnis diagnostizieren, muss ich sagen, dass ich normal über ein ausgesprochen gutes Namengedächtnis verfüge, sage ich zu ihm. Nur heute, heute bin ich scheinbar etwas unkonzentriert. Haben wir vielleicht Föhn? Und was für einen Föhn wir haben, das sag ich Ihnen, sagt mein Kollege. Mich quälen fürchterliche Kopfschmerzen. Seit ich hier in München bin, bekomme ich diese mörderische Föhnmigräne. Da helfen nur noch Morphiumtropfen, deshalb fahre ich jetzt auch nach Hause. Nach Hause? Wir fahren nach Hause? Falsche Richtung, denke ich. Wir fahren nicht ins Büro sondern in die entgegengesetzte Richtung, sage ich zu meinem Kollegen. Ich muss sofort aussteigen Herr Stern, ähh Kopf, ähh SteinStern, Herr Sternkopf, ich muss aussteigen, gute Besserung, alles Gute Herr SternStein, auf Wiederkopf… äh…sehen. Aussteigen, links aussteigen, denke ich. Ich steige links aus. Auf dem Bahnsteig stehend fällt mir ein: Vorwärts, wir müssen zurück!
Wo bleibt der chinesische Besuch, äh die U-Bahn? Ich rufe laut und ungeduldig: Wann kommt endlich der Besuch? Hat die U-bahn schon wieder chinesischen Besuch? Menschen treten zur Seite. Bei Verspätung treten Menschen immer von uns zurück. Wir aber müssen nach vorwärts hindurch, rechtzeitig zum Empfang für den chinesischen Besuch zurück.
Die U-Bahn fährt viel zu spät ein ist aber pünktlich. Wir steigen ein. Drei Stationen Zeit zur Konzentration auf den entscheidenden, verloren gegangenen Gedanken. Zwischen der ersten und der zweiten Station ist immer der beste Zeitpunkt um einen verlorenen Gedanken wieder zu finden, denken wir, aber je mehr wir den Gedanken denken, desto weniger können wir ihn finden.
Zwischen der zweiten und dritten Station denken wir, dass wir nicht mehr an den Gedanken denken, sondern abwarten und darauf hoffen, dass der Gedanke sich von selbst wieder meldet, aber er meldet sich nicht, sondern ein anderer Gedanke meldet sich. Da denken wir plötzlich: aussteigen, bei der dritten Station aussteigen, obwohl wir gar nicht aussteigen denken wollten, denken wir: aussteigen.
Dritte Station. Wir steigen aus und wir denken an einsteigen. Gerade erst ausgestiegen denken wir gleich das Gegenteil, nämlich einsteigen, weil wir den Aufzug gesehen haben denken wir Aufzug ohne dass wir Aufzug denken wollten und denken auch gleich danach an einsteigen. Wir steigen in den Aufzug ein und drücken auf die Taste „aufwärts“ und der Aufzug fährt abwärts obwohl wir aufwärts gedrückt haben. Abwärts angekommen öffnet sich die Aufzugstüre zuerst und dann schliesst sie wieder. Eine Person springt noch schnell durch die sich schliessende Aufzugstüre hindurch herein. Der Aufzug fährt aufwärts und die Person jammert: wieso aufwärts, ich will doch abwärts! Der Aufzug kommt durch den Aufzugschacht oben auf der Oberfläche an und wir steigen alle aus, bis auf die Person, die nach oben gefahren ist, aber nach unten wollte. Uns fällt auf, dass die Person zerrissene Jeanshosen trägt und wir denken, dass alle Träger oder Trägerinnen von zerrissenen Jeanshosen immer nach unten wollen und wir nehmen uns vor das Phänomen bei Gelegenheit gedanklich zu analysieren. Jetzt gilt es aber weiter zu kommen, durch die Stadt hindurch zum Ziel kommen. Nur nicht ablenken lassen, keine Gedanken an verlorene Gedanken verschwenden, auf das rechtzeitige Ankommen konzentrieren.
Die Luft, die Föhnluft erschwert das Hindurchkommen ungemein. Jetzt denken wir, welches ist das geeignetste Verkehrsmittel um weiter zu kommen? Nach links zum Bus gehen oder nach rechts zur Tram gehen. Sind wir nach links zur Tram gegangen, drehen aber wieder um und gehen nach rechts zum Bus. Beim Bus angekommen denken wir, zurück zur Tram und gehen wieder nach rechts zur Tram. Von der Tram gehen wir wiederum nach links zum Bus und vom Bus wieder zur Tram. Nach tausend Fehlentscheidungen und mehreren Stunden hin- und hereilen zwischen Bus und Tram oder Tram und Bus, denken wir, dass wir, weil wir uns verspäten, den Besuch wieder nicht zu Gesicht bekommen werden.
Ein junger Mann mit Schirmmütze auf dem Kopf erscheint und fragt ob wir Hilfe brauchen und wie wir heißen. Wir antworten:
Im Gegensatz zu vielen Zeitgenossen, die für sich ein schlechtes Namengedächtnis diagnostizieren, verfügen wir normalerweise über ein ausgesprochen exzellentes Namengedächtnis, aber heute kommt der mexikanische Besuch.

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