Überraschungskunst

von Robert Funk
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Geschepper, Gepolter, ein dumpfer Schlag, ein jäher Schrei reisst ihn aus dem Schlaf.
Was ist los? Zu Tode erschrocken springt er aus seinem Bett heraus und stürzt sich nach dem Geräusch, hinein in den Raum wo ihn das schiere Entsetzen überfällt. Sie liegt am Boden, blutüberströmt und wimmert fürchterlich.
Was ist hier passiert? Moment, ich mache Licht, versucht er sie hastig zu beruhigen und zieht schnell die Jalousie am nächsten Fenster hoch.
Sie schreit um Hilfe und flüchtet panisch, wie ein wund gebissenes, blutendes Reptil auf allen Vieren in die dunklere Ecke des Raums. Dort schiebt sie sich mit dem Rücken zur Wand ein Stück nach oben, sinkt aber sogleich wieder kraftlos auf den Boden zurück und kauert vor Angst schlotternd in der Ecke.
Was machst du denn Irmhild, es ist doch alles O.K, sagt Mathias, als er nach Ihren Schultern greift um sie durch vorsichtiges Anfassen zur Ruhe zu bringen. Sie schaut ihn an und erkennt ihn, Mathias. Sie fragt: Wieso, bist du hier? Wo bin ich überhaupt?
Du bist bei mir, in meinem Atelier, du hast im Dunkeln ein Regal mit Farbpigmenten umgestoßen und jetzt siehst du aus, als ob du aus dem Schlachthof oder von einem indischen Holi-Fest geflüchtet wärest.
Irmhild schaute misstrauisch an sich selbst herunter, wie an einer Fremden.
Er half ihr hoch und führte sie zu dem großen Standspiegel, wo sie sich einerseits total vor sich und ihrem blutrot und grün und schwarz eingefärbten, zerzausten Ebenbild erschreckte, aber sich auch zu wundern begann, wie sie überhaupt in diesen Zustand geraten konnte. Es dämmerte ihr langsam und sie sagte mit schleppender Stimme.
Waren wir gestern nicht zusammen auf dem Oktoberfest und haben ein paar Maß getrunken?
Genau, antwortete Mathias, und ein paar Obstler zuviel waren auch dabei!
Er erzählte ihr, wie es dazu kam, dass sie die Nacht über hier in seinem Atelier, auf der Couch schlief. Kann ich mich irgendwo sauber machen, fragte Irmhild.
Du kannst duschen oder baden und ich gebe dir meine Hosen, Hemden, Pullover und auch meine sexy Boxershorts zum Anziehen. Wenn du lieber Anzug trägst, kann ich dir was von Armani, Boss oder Cardin anbieten. Sie lächelte müde und fragte nach einem Schluck Wasser.
Mathias hatte sich am äussersten Ende seiner zweimeterfünfzig langen Sitzbank am Küchentisch gesetzt, die Ellenbogen aufgestützt, die Hände übereinander geballt, vor dem Kinn hin und her gewippt und gewartet und gewartet. Plötzlich ist ihm bewusst geworden, dass er nicht angezogen war. Er sass da in T-shirt und Boxershorts. Ins Schlafzimmer konnte er nicht, denn da würde sie sich gleich aus seinem Kleiderschrank bedienen und sich anziehen. Egal, wir sind keine Kinder mehr und sie wird meinen Anblick schon ertragen, dachte er, als sie auch schon in der Küchentür erschien. Sie hatte die dicken, warmen Socken angezogen, eine Jogginghose und ein T-shirt mit den untereinander stehenden Worten „Romeo / India / Oscar / Tango“ bei denen der Anfangsbuchstabe jeweils fett gedruckt ist und meinte, dass diese Klamotten, wie sie sie nannte, obwohl es sich um begehrte Markenprodukte handelt, noch am ehesten gepasst hätten. Danach glitt sie einfach lautlos am entferntesten Ende des Tisches auf die Sitzbank nieder und richtete eigenartig leere Blicke in die Ferne, ihr rechter Unterarm strich mehrmals auf der Tichplatte hin und her, so, als ob sie deren Glätte durch das Darüberstreichen erfühlen wollte. Schließlich wendete sie sich hin zu Mathias und fragte: Sind wir intim geworden?
Nein, um Gottes Willen, wo denkst du hin, entfuhr es Mathias, ich habe dir doch gesagt in welchem Zustand du warst und wie froh ich war, dich bis dort hin auf die Couch gebracht zu haben. Du warst eine Bier- und Schnapsleiche, bitte trau mir so etwas nicht zu.
Mathias, der sich plötzlich schäbig und unglaubwürdig vorkam, da er ihr in Unterhemd und Unterhose gegenüber sass, fügte hinzu: ich habe in meinem Bett geschlafen und du auf der Couch, in der Todeszelle, wie du es nanntest und worauf du gestern bestanden hast.
Jetzt, müsse er aber dringend duschen, sagte er, um die peinliche Situation zu beenden und verschwand in Richtung Bad. Vom Flur aus rief er ihr noch zu, dass sie inzwischen Frühstück machen könne und dass alles Nötige im zweiten Oberschrank der Küche zu finden sei. Ausserdem fiel ihm noch ein, dass ein Säckchen mit frischen Croissants vom Bäcker geliefert, aussen an der Wohnungstür hängen müsste.
Während Mathias duschte, schaute sich Irmhild in dem Atelierraum um, in dem sie völlig desorientiert und in panischer Angst vor den Wärtern, die sie in ihrem Traum zur Hinrichtung auf das Schafott holen wollten, aufgewacht war. Der Gedanke daran war ihr so unangenehm, dass sie schnell ein Fenster öffnete um belebende, frische Luft einzuatmen. Mit geschlossenen Augen atmete sie einige Male tief ein und wieder aus, dann spürte sie die hereinströmende Kühle an sich und sah, als sie langsam die Augen öffnete, dass es draussen regnete.
Oh Gott, ein Regentag, dachte sie, schloss das Fenster und wendete sich wieder dem Atelier zu, sah das umgestürzte Regal und daneben und drum herum viele leuchtend rote und andere Farben wie ein abstraktes Bild, auf dem Boden verstreut.
Dein Gemälde!, hörte Mathias' Stimme hinter sich.
Mit gespielter Entrüstung drehte sie sich nach einer kurzen Erschreckensstarre um und entgegnete ihm, dass er sie sowohl rüde erschreckt, wie auch bei der Definition eines neuen Kunstphänomens, nämlich des Phänomens der Überraschungskunst, gestört habe.
Tut mir leid meine Liebe, vor dem Frühstück habe ich überhaupt keinen Nerv für keine Kunst, aber, was du gerade gesagt hast ist tatsächlich phänomenal, lass uns das beim Frühstück besprechen.
Weisst du, sagte Mathias beim Frühstück, während er sein Croissant in die große Tasse mit seinem Milchkaffe eingetaucht hatte, wo wie immer das eingetauchte Ende nach dem Herausziehen abbrach und in die Melange zurück plumpste und wegtauche wie ein U-boot.
Mein Galerist will mehr als nur Bilder. Etwas besonderes, etwas wodurch sich seine Galerie von anderen Galerien abhebt, weil nur derjenige, der Aussergewöhnliches und Progressives bietet in die Presse kommt und dadurch auch mehr verkauft, sagt mein Galerist. Deine Erfindung, die Überraschungskunst, wäre sicher eine spannende Lösung.
Überraschungskunst, den Begriff habe ich irgendwo gelesen, gestand ihm Irmhild, wies aber darauf hin, dass ihr der Begriff erst wieder beim Anblick der auf dem Boden verstreuten Farben eingefallen ist, also sozusagen eine Kunst benennt, die sie selbst durch ihre Desorientiertheit verursacht, aber nicht beabsichtigt hatte, deswegen Überraschungskunst.
Genau, das ist es, was wir machen, entschied Mathias sofort.
Ich stelle einige leere, aber signierte Leinwände aus und erst wenn die ungemalten Bilder verkauf sind, male ich das Bild und du spielst dazu auf deiner Flöte alles, was dir einfällt und was du am liebsten spielen möchtest.
Oh je, entfuhr es Irmhild plötzlich, jetzt ist auch noch mein Croissant in den Kaffe geplumpst!

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Kommentare

14. Dez 2014

Schöne Geschichte, auch ohne "nervige An- und Abführungen". ;o))
MICH persönlich enttäuscht der banale "Schluss" ein wenig, nachdem der Text selber so phantasieanregend war. Und dann kam mir noch der ketzerische Gedanke, dass mit dieser "Überraschungskunst" wenigstens die kostbaren Farbpigmente noch eine wert-erhaltende Bestimmung erfahren hätten. Besonders nett fand ich die Verknüpfung mit dem "Regentag", die ich - in Erstberührung mit diesem vierten Deiner Texte aber erst herstellen konnte, nachdem ich mir Dein Profil "vorgenommen" hatte. Die anderen Texte werde ich mir - dem entsprechend - jetzt natürlich ebenso "vornehmen".

14. Dez 2014

Danke, noé, für deinen Kommentar.
Ja, der banale Schluss musste sein, weil eine Beschreibung dessen, was bei der Vernissage passieren würde nur langatmig geworden wäre. Als Schluss noch eine Überraschung der bekannten Art mit dem Croissant.

14. Dez 2014

Nach dem Lesen des ersten Teils, sitze ich hier mit einem Schmunzeln im Gesicht und bedauere doch sehr, dass wir erst zwanzig vor fünf haben und der Bäcker an der Ecke sonntags erst später aufmacht. Aber ich weiß, dass er GUTE Croissants hat. Am meisten amüsiert hat mich in Text Nr. 1 (ich vermute, "Malerei" ist Text Nr. 1, aus dem Kontext heraus) der Galerist sich vorstellt, dass man als Künstler einfach so "einen Quadratmeter pro Tag" vollmalen könne ...

14. Dez 2014

Aaalso: Nachdem ich jetzt alle Deine Prosa-Texte gelesen habe - Das Ganze scheint mit "Nichts" loszugehen, mit "Todesstrafe" weitergeführt zu werden, bis es dann über "Malerei" zu "Überraschungskunst" zu kommen scheint. Vielleicht wäre hier eine Gliederung doch hilfreich für Leser, da die Auflistung unter Deinem Profil alphabetisch erfolgt. So. Weiter. Text "Nichts" wirkt verwirrend, weil er in seiner Ausführung derart unterschiedlich zu Text 3 und 4 ist, dass man nicht meinen könnte, es handele sich um einen "dazugehörigen" Text. Sehr vergnüglich jedoch sind darin die elend langen Schlangensätze, für die ich seinerzeit schon äußerst unbeliebt war bei MEINEN Lehrern, was allerdings mich nur weiter animiert hat, in immer längeren Schlangensätzen meine Ideen vorzulegen und auszumalen. Die Kunst dabei ist ja, am Ende immer noch zu wissen, womit man angefangen hat und worauf man hinaus wollte. Der also jetzt als Teil 2 identifizierte Text "Todesstrafe" bedarf aber dringendst einer Überarbeitung, da ich mir nicht vorstellen kann, es sei dramaturgisch beabsichtigt gewesen, dass darin seitenweise Doppelungen ganzer Textpassagen auftreten. Gehörst du etwa auch zu denen, die einen Text "abwerfen" und ihn dann seinem Schicksal überlassen? ICH jedenfalls lese mir jeden eingestellten Text - auch Kommentare - noch einmal auf Richtigkeit und Schlüssigkeit durch. Das ist einfach leserdienlich. Auf alle Fälle führt Text 2 trotz der Hindernisse zu Text 3 und 4 und hinterlässt die freudige Erwartung auf eventuelle Texte 5 ff. Wobei ich als Leserin mir wünschen würde, dass die Abfolge der Texte auch einem später zur Lesergemeinde stoßenden Neu-Leser in irgend einer Form schlüssig gemacht würde ... Einen schönen dritten Advent Dir! Als Nachtrag: Die Muhagl (im Zug) haben mir sehr behagt. ;o)) (ganzbreitgrins)

16. Dez 2014

Ich entschuldige mich bei denen die den Text „Todesstrafe“ bereits gelesen haben und danke für deinen Hinweis auf die doppelten Inhalte, die irgendwie mit Hin- und Herkopieren zwischen 3 Programmen zustande gekommen sind. Konnte erst jetzt der Sache nachgehen, weil ich vorher zu beschäftigt war.

14. Dez 2014

Heh! Und auch Dein Gedicht "Bordsteinphilosoph" ist mehr als lesenswert! Ich hätte Dir ja gerne einen Kommentar zu dem angesprochenen ansprechenden jeweiligen Text selbst geschrieben, aber diese Funktion ist erst kürzlich freigeschaltet worden, so dass ich jetzt diese Version wähle(n musste).

16. Dez 2014

Hallo, Robert, das Problem hast Du ja prima gelöst. Zu Deiner Frage mal kurz: Unsere Künstlergruppe hat sich aus acht Schreibenden gegründet, Autoren, Dichtern, wie Du willst, die sich im Internet schreibend über ihre Texte und die Kommentare dazu kennen- und schätzen gelernt haben. So haben wir nach einer Zeit uns entschieden, uns persönlich kennenzulernen und das im Herbst 2014 so durchgezogen. Dazu haben wir eben jene Künstlergruppe gegründet, Künstler deshalb, weil wir nicht nur - aber in erster Linie - kreativ Schreibende sind, sondern andere Sparten uns auch wünschen und schon in unseren Reihen haben. Ich habe Deine Info an unseren u. a. malenden Alf Glocker weitergegeben, so könnt ihr ja vielleicht auf mal "fachsimpeln", wenn er sich mit Dir in Verbindung setzt und Du das auch willst. Ich habe Dir über das Forum geantwortet, weil andere Leser das vielleicht (möglicherweise) auch interssieren könnte. Eine schöne Weihnachtszeit wünsche ich Dir auf diesem Wege!