Nicht

von Robert Funk
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Er wiederholt sich ständig und er behauptet augenblicklich das Gegenteil von dem was er gerade gesagt hat, um es sofort wiederum als sinnlos, krank und tödlich zu verdammen. Gleich darauf schreibt er z.B., dass das Leben ein einziges Verbrechen gegen die Lebenden ist, dem man nur durch Selbstmord entfliehen kann, der ganz bestimmt später noch kommen wird, wenn er die Abrechnung mit seinen niederträchtigen Erzeugern und dem unfähigen und verkommenen Staat in dem er lebt, beendet hat. So lässt er die Leser seiner Geschichten denken.
Das Denken ist für ihn sowieso ein großes Thema, er denke unentwegt während ausser ihm sonst niemand denke, denkt er. Oder er denkt es nicht, weil es vermutlich niemanden gibt, der mitdenkt und verstehen würde, was er denkt.
Es wäre auch ganz normal, dass heutzutage keiner mehr denkt, weil die Zeit für das Denken vorbei sei und deshalb das Denken nicht genug geübt werden könne, wo doch nur in der Übung des Denkens, also in der Gedankenübung, die wirkungsvollsten Gedanken erdacht werden könnten.
Wie denken Sie?
„Keine Ahnung“ antwortet mein Gegenüber.
Ich hatte heute auf einer Busfahrt eine aussergewöhnlichen Begegnung mit einer Dame, sagte ich. Ich dachte, wir hätten den Anschluss an die Bahn verpasst, aber die Mitreisende wusste, dass die nächste Bahn, nicht wie von mir erwartet, erst in einigen Stunden, sondern in viel kürzerer Zeit, nämlich schon in wenigen Minuten, abfahren würde und es war, obwohl ich ihre Behauptung bezweifelte, tatsächlich so. Auf der Zugfahrt zu meinem Reiseziel habe ich die Dame mit der ich mich zuvor angeregt unterhalten hatte und die mir sagte, das sie eine Musikerin sei, die ihren Mann in einer Rehabilitationseinrichtung besucht habe, nicht mehr gesehen, ich habe sie auch nicht gesucht. Über meiner Literatur, die ich immer im Zug lese, die ich vornehmlich um der Leseruhe wegen im Zug lese, hatte ich sie schnell vergessen.
Die erwartete Leseruhe erwies sich an diesem Tag jedoch als Trugschluss. In einem nachmittäglichen Zug, der von einem Ausflugsresort zurück in die Großstadt fährt, gibt es keine Leseruhe. Da rekapitulieren die Ausflügler und unter ihnen am penetrantesten die Älteren, von denen man den Eindruck bekommt, dass sie im verbleibenden Rest ihrer sinnlos vitalen Existenz unbedingt noch mehr erleben wollen, als jemals zuvor, ihre gerade erlebten Erlebnisse, vermutlich wegen ihres nachlassenden Gehörs, derartig lautstark, total überdreht und euphorisiert, von der Tatsache des Alterns ablenkend, genau so wie in einem Zug, der pubertäre Schüler transportiert, die alles was ihnen gerade in den Kopf schiesst, sofort lauthals aus sich heraus schreien.
Wenn ich unter diesen Umständen und in meiner Konzentration auf die Passage in meinem Buch, in der Er von Schopenhauer als Philosophen einerseits und von Schumann als Komponisten andererseits spricht und daraus folgert, dass Schopenhauer eigentlich auch Komponist und demzufolge Schumann auch Philosoph sein könnte oder müsste und dass er seit Jahren mit einer Studie beschäftigt sei, in der er in Schopenhauer den Komponisten und in Schumann den Philosophen nachweisen wolle, was ihn, ohne, dass er die geringste Reue verspüren würde, von seiner eigentlichen wichtigsten naturwissenschaftlichen Studie, von seiner existenziell wichtigsten, sogar überlebenswichtigsten Studie über Antikörper in der Natur abhalte, einerseits, aber andererseits er darüber auch froh wäre, weil ihm das Leben in seiner ganzen mörderischen Sinnlosigkeit für die große Studie die Kraft raube. Wogegen die Studie über den Komponisten in Schopenhauer und über den Philosophen in Schumann, zwar nicht einfacher, aber existenziell fruchtbarer wäre.
Genau da, an dieser Stelle, ertönte ein schrilles, ja geradezu obszönes, weibliches Lachen, dem sich sofort in allen erdenklichen Stimmlagen männliche und weibliche Gelächter hinzufügten um ihr rücksichtsloses Vergnügen noch rücksichtsloser und deshalb für mich und andere Geiste­smenschen, die hoffen im Zug Leseruhe zu finden, noch unverzeihlicher zu demonstrieren.
Das Gelächter hat mir alles Geistige geraubt, nicht nur von Ihm, von Schopenhauer und Schumann, von Philosophie und Komposition oder von Schumann und Philosophie wie von Schopenhauer und Komposition. Die brutale Unterbrechung meiner höchsten Konzentration hat mich völlig erschöpft und körperlich wie emotional total zerstört, verstehhen Sie das, fragte ich mein Gegenüber?
„Klar“, antwortete mein Gegenüber.
Es war die Landschaft, die am Fenster vorbei zog. Der Wald, die Lichtungen, Wiesen mit Kühen darauf. Bei den Pferden auf der Koppel ist sie mir wieder eingefallen.
Die Dame, die den Fahrplan ausgedruckt aus ihrer Tasche hervor holte, als ich den überraschend baldigen Abfahrtstermin des Anschlusszuges bezweifelte und mit der ich auch über Schopenhauer und Schumann gesprochen hatte. Mit „Natürlicher Verstand kann fast jeden Grad von Bildung ersetzen, aber keine Bildung den natürlichen Verstand“ zitierte sie sogar spontan Schopenhauer und seine Philosophie und überschwenglich begeistert sprach sie von Schumanns Abegg-Variationen und allen seinen
späteren Kompositionen.
Ob ich auch jemanden in der Rehabilitationseinrichtung am See besucht hätte, hat sie mich gefragt. „Nein, ich war im örtlichen Casino beim Roulettespiel“, sagte ich ihr. „Also, das interessiert mich gar nicht“, sagte sie mir und fügte hinzu, dass sie einmal mit ihrem Mann, auf einer Reise zu amerikanischen Nationalparks in einem Hotel in Las Vegas logierte, wo sie nur durch einen großen Spielsaal mit hunderten von klingelnden, gurgelnden und rasselnden Spielautomaten und zig Roulettetischen hindurch zu ihrem Zimmer gelangen konnten, was sie aber aufgrund ihres völligen Desinteresses am Glücksspiel am allerwenigsten gestört hat.
Übrigens, wäre nach ihrem heutigen Besuch in der Rehabilitationseinrichtung und nach einem Gespräch mit dem Arzt, endgültig sicher, dass ihr Mann keinesfalls an der bereits in vier Wochen beginnenden Kreuzfahrt, die sie beide gebucht hatten, teilnehmen können wird und dass aus ihrem Familien- und Bekanntenkreis niemand Zeit hätte, sie zu begleiten.
Die Amerikareise alleine anzutreten, sei ihr nicht nur wegen des sozusagen doppelten Preises, den sie jetzt koste, sondern vor allem auch wegen ihrer geringen Englischkenntnisse nicht angenehm. Sie bereue jetzt, hat sie gesagt, dass sie, während ihr Interesse für die Musik immer stärker und wichtiger wurde, sich für das Englische im geleichen Maße immer weniger interessiert habe, weil sie das Englische im Vergleich zur Musik nicht nur weniger wichtig genommen habe, sondern, als für ihre musikalische Existenz, die sie aufzubauen im Begriff war, für absolut unwichtig betrachtete. Es hätte ja in der Zeit niemand erahnen können, dass gerade das Englische in der Musik am wichtigsten werde und die englische Musik überhaupt zur wichtigsten Musik werden würde, weil es in der Zeit, in der sie sich nur noch für die Musik und überhaupt nicht mehr für das Englische interessierte, niemand gab, der diese Entwicklung voraussehen hätte können.
Mein Interesse an Schumann hätte sie naturgemäß mehr begeistert als mein Interesse an Schopenhauer sagte sie, obwohl sie sich selbst auch sehr für Schopenhauer begeistere, aber nicht für das Roulettespiel, für das ich mich, ihrem Eindruck nach, sehr begeistern würde.
Für sie wäre es jetzt die existenziell wichtigste Frage, ob ich mich mehr für das Roulettespiel oder das Englische begeistern würde, denn, dass ich das Englische perfekt beherrsche, hätte sie sofort geahnt, als ich ihr zu ihren Ausführungen über die Dominanz der amerikanischen Musik stumm zugenickt habe.
Genauso, wie sie instinktiv einen ungeheuern Drang verspürte, sich über alle Zugverbindungen zu und vom Ort der Rehabilitationseinrichtung, an den ihr Mann noch viele Wochen gebunden sein wird, zu informieren und diese sogar in ausgedruckter Form in ihrer Tasche mit-
zunehmen, verspüre sie jetzt den Drang schnellstmöglich eine geeignete Reisebegleitung zu finden, sagte sie.
Dass ich einerseits das Englische beherrsche und gleichzeitig das Roulettespiel spiele, für das sie sich überhaupt nicht interessiere, würde ihr nichts ausmachen, weil sie sich ja auch nicht für das Englische interessiere sondern nur für die Musik. Während ich mich im Bordscasino dem Roulettespiel widmen könnte, würde sie, genau wie Er, Schumann'sche Partituren lesen und dank ihres ebenso absoluten Gehörs die Harmonien glasklar und ohne jegliche Störung durch von unbegabten Musikern erzeugten Tönen in ihrem Kopf empfinden.
Der Zug kommt gleich, sagte sie zu mir. Sie müssen sich jetzt entscheiden ob sie mit mir auf die Amerikareise gehen wollen oder nicht, das habe ich meinem Gegenüber erzählt und dass sie, nachdem ich offensichtlich nicht schnell genug geantwortet habe, in der Menge der Reisenden verschwunden ist.
Was meinen Sie, fragte ich meinen Gegenüber. „Soll ich im Zug nach ihr suchen und mit ihr auf die Reise gehen?“ Er antwortete: „Besser nicht.“

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