Denkmal für kleinen Kater mit großer Seele

von marie mehrfeld
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Guten Tag, ich bin Mia, Ritas Mutter. In meinem Leben habe ich verschiedene Erfahrungen mit Haustieren gemacht. Keine ist vergleichbar mit der Herrchen-Frauchen-Kater Wohngemeinschaft, die leider vor sechs Jahren ein natürliches Ende gefunden hat. Der Kater, von dem gleich die ausführliche Rede sein wird, war auf vielfache Weise mit mir und meiner Familie verbunden. Heute noch bin ich froh darüber, dass er uns die Ehre erwiesen, bei uns gelebt hat.
Anfang 1992 hatten Franz und ich einen kleinen Traum verwirklicht und waren in ein Häuschen mit Garten gezogen. Wir wünschten uns dazu einen ansehnlichen, möglichst pechschwarzen Kater. Das hörte unsere Freundin Vera. Sie war eine zeitlang im Nebenberuf Katzenlebensretterin, brachte die Tiere in teilweise erbarmungswürdigem Zustand aus allen Teilen der Welt mit nach Frankfurt, um sie hier in gute Hände abzugeben. Eines schönen Januartages tauchte sie bei uns zum Tee auf, grade zurück von einer Fernostreise. Aus ihrer Handtasche zog sie ein winziges lebendes Etwas und setzte es auf unseren großen grauen Teppich. Das Tier war klitzeklein und dünn. Seine rosa Haut schimmerte durch das schüttere weiße Fell, der dürre schwarze Schwanz zeigte steil nach oben. Der relativ große Kopf trug fledermausartige Riesenohren; die Augen leuchteten grün. Dieses katzenähnliche Geschöpf stakste auf vier mageren, aber hohen Beinchen einher. Es hatte überhaupt keine Ähnlichkeit mit meiner Wunschkatze. Ohne Worte überließ uns Vera das ungewöhnliche Tier und verabschiedete sich.
Zuerst war ich nur entsetzt. Was sollten wir mit dieser schwächlichen und hässlichen Kreatur anfangen? Der kleine Fremdling zeigte uns als erstes, dass er fror. Er marschierte stracks auf den Heizkörper zu, reckte sich hoch und steckte seine winzigen Magerpfoten zwischen die Heizungsrippen. Dieser Anblick rührte uns. Es dauerte keine vierundzwanzig Stunden und wir hatten das Katzenvieh ins Herz geschlossen. Von da an waren wir unserer Freundin dankbar für das Fernostmitbringsel. Wir gaben ihm den indischen Namen Tarek.
Das Minikaterchen passte anfangs in unsere Handinnenfläche, so winzig war er. Da fühlte er sich auch am wohlsten. Gefressen und getrunken hat er sofort gut, überhaupt war er mit großem Überlebenswillen ausgestattet. Der erste Tierarztbesuch muss grässlich für ihn gewesen sein. Er bekam Spritzen aus Kanülen verpasst, die länger waren als er selbst. Ihm wurden Tinkturen eingeflößt, er musste gegen Würmer, Läuse und Flöhe behandelt werden. Aber er hat es überlebt und verwandelte sich innerhalb von weiteren sechs Wochen in ein wunderschönes kleines Katzentier, das jeder Besucher bewunderte. Weißes Fell, schwarz-weiß geringelter Schwanz, schwarzes rechtes Ohr und dazu diese ausdrucksvollen grünen Augen. Er wurde von uns, vor allem dem Enkel Jan heiß geliebt. Wie gut, dass wir ihn in diesem Entwicklungsstadium geknipst haben. Sehr pittoresk sitzt er auf unserem schwarzen Designersofa, der teuersten Anschaffung unseres Lebens, das er übrigens nicht lange danach mit seinen scharfen Klauen völlig wertlos gemacht hat. Das Foto füge ich ein.
Bis vor fünf Jahren waren wir ein eingefleischtes gutes Team, der Tarek, der Franz und ich. Wir verstanden seine Sprache, er unsere. Wollte der Kater uns dazu zwingen, dass wir ihm einen bestimmten Gefallen taten, hatte er verschiedene Möglichkeiten, sein Ziel zu erreichen. Zum Beispiel biss er mich dezent in die Ferse und maunzte fordernd. Wenn ich dann aufstand, und fragte, was ist los, dann führte er mich an den von ihm gewünschten Ort. Entweder an die Badezimmertüre im Untergeschoss, hinter der sein Katzenklo stand; manchmal war sie geschlossen und er konnte seine Geschäfte nicht erledigen. Oder an den Fressnapf, weil ihm Futter fehlte. Oft aber wollte er die Balkontüre geöffnet bekommen, um einen kleinen Spaziergang zu machen. Wenn wir seine Wünsche nicht umgehend erfüllten, hatte er eine wirksame Methode, um uns zum sofortigen Handeln zu bewegen. Dann stellte er sich ostentativ neben mein wunderbares rot bezogenes Biedermeiersofa und hob drohend eine Pfote: Wenn ihr jetzt nicht sofort … dann kratze ich! Das tat er allerdings nur, wenn wir ihn dabei beobachteten, er kannte die Wirkung seiner Drohgebärde genau. Das war für uns die höchste Alarmstufe, dann konnte er alles von uns erpressen. Umgekehrt hörte er auch an unserem Ton, ob es ernst gemeint war oder nicht. Wenn er seine Krallen am Teppich wetzte, brauchte ich nur drohend Taarekk! zu rufen, und sofort ließ er davon ab. Morgens fragte ich ihn, na, haste gut geschlafen, und er antwortete Entsprechendes. Wir standen den ganzen Tag über mit ihm im Trialog.
Komisch war, wie er Franz und mich gegeneinander ausspielte. Einer von uns lag zum Beispiel auf dem Sofa, der (die) andere saß auf dem Sessel. Tarek stand sprungbereit da und kündigte damit an, dass er gleich zu einem von uns auf den Schoß hüpfen würde. Eigentlich wollten wir ihn beide haben. Er genoss das und schaute lange hin und her, bevor er sich einen der Schöße aussuchte. Meistens war es der vom Franz, er hatte mehr warme Liegefläche zu bieten, denke ich mal. Seinen Mittagsschlaf hielt der Kater immer mit seinem Herrchen. Kaum hatte Franz sich gelegt, hatte es sich das Tier schon auf seiner breiten Brust gemütlich gemacht. Bald darauf ertönte ein deutliches zweistimmiges Schnarchen.
Tarek hatte mindestens sechs Kuschelecken in der Wohnung, die er nach gründlicher Beschnüffelung stets aus Neue in Besitz nahm. Gegen Abend hatte er seine Tobestunden, dann sprang er auch noch in höherem Alter aus dem Stand auf sehr hohe Schränke. Hüpfte hinter Fliegen her, versuchte in komischen Rundtänzen seinen eigenen Schwanz zu fangen. Oder er suhlte sich genüsslich auf dem Rücken liegend auf dem Berberteppich, dann wollte er gelobt werden, braves Tier, feiner Tarek!
Er bereitete seinen Mitbewohnern große Freude – und hatte sie zugleich fest im Griff. Eigentlich hatten wir uns nämlich das Seniorenleben so vorgestellt, dass wir uns jetzt in neuer Unabhängigkeit unbelästigt von Stundenplänen jeder Art auf Reisen begeben. Was gab es da nicht alles zu erkunden, die Toskana, den Süden Italiens, Sizilien, noch mal die Provence … unsere Reisewünsche in Wort zu fassen würde Seiten füllen. Aber da war nun mal der neue Hausgenosse, dieser Inder mit der schweren Kindheit, und stellte seine Forderungen - nur durch sein Dasein. Hin und wieder an Wochenenden ließ er sich zwar auch von der Nachbarin das Futter hinstellen, danach aber zeigte er uns deutlich, dass er beleidigt war. Er konnte mit seinen Augen alles ausdrücken, belustigt, klagend, spöttisch - aber auch zornig und strafend gucken. Wer behauptet, dass Katzen keine Seele haben, hat nie mit einer zusammen gelebt.
Einmal hatten wir die Kanaren gebucht und vorher eine Katzenpension der Nähe von Hanau ausfindig gemacht, die von einer sehr guten Freundin hoch gelobt wurde. Leicht verzagt aber entschlossen schoben wir unser Tier am Tag vor der Abreise in den Transportkäfig, um ihn dort abzuliefern. Leider entpuppte sich das Heim als Asyl für alte, herrenlose Artgenossen, die teilweise schwanz- und ohrenlos oder dreibeinig einen sehr räudigen und wilden Eindruck machten. Man sah sie im umzäunten Garten des Asyls umherschleichen und ahnte Gefahr. Und das, wo unser Tier so gepflegt, korrekt geimpft und säuberlich war. Und so zart besaitet! Mit sehr schlechtem Gewissen überließen wir ihn zwei Wochen lang seinem Schicksal. Den Urlaub haben wir nicht richtig genossen, weil wir mit Sorge an unser Tier dachten. Als wir ihn endlich abholten, saß er verschreckt unter’m Bett der alten Katzenwirtin, sie hatte ihn nicht in den Garten lassen können, weil die verwilderten Artgenossen (ihrer Aussage nach) sonst Hackfleisch aus ihm gemacht hätten. Wir haben eine größere Spende hinterlassen, um unser Gewissen zu beruhigen. Danach sind wir trotzdem noch ab und an verreist, aber nie länger als eine Woche weggeblieben.
Unser hochbeiniges Katerchen konnte sich in ein brüllendes gefährliches Raubtier verwandeln, wenn sich ein fremder Artgenosse in sein Revier verirrte. Und das geschah oft; die Gegend wimmelt von Katzen. In aufgeplustertem Zustand mit buschigem Riesenschwanz und martialischem Geschrei vertrieb der zierliche Kerl aber jeden Rivalen sofort, auch die ganz fetten und doppelt so großen. Wir waren dann immer ganz stolz auf unseren besonderen Kater.
Im Februar 2010 zeigte sich bei unserem Tarek eine schwere Nierenerkrankung. Er nahm kein Futter mehr an, schrie oft erbärmlich vor Schmerzen, war abgemagert und schwach. Die Tierärztin riet uns nach Mitteilung des Befundes, nehmen Sie ihn gar nicht mehr mit nach Hause, sonst schaffen sie es nicht, die für Sie und das Tier richtige Entscheidung zu treffen. Er wurde eingeschläfert. Wir durften in einem abgelegenen Praxisraum sitzen, es wurde eine Kerze angezündet. Erst kam die Beruhigungs-, dann die Giftspritze. Tarek der Kater ist schmerzfrei auf dem Schoß seines Herrchens gestorben. Ich habe sein rechtes Vorderpfötchen gehalten. Das war in Ordnung so. Er hatte einen guten Tod. Aber es ging uns unter die Haut. Wir empfanden große Trauer, die wieder auftaucht, wenn wir darüber sprechen. Unsere kleine Raubkatze wurde fast 20 Jahre alt. Das ist ein biblisches Katzenalter. Seiner indischen Herkunft entsprechend wurde Tarek nach dem Tod verbrannt. Die ganze Familie hat um ihn getrauert. Der Enkel hat einen großen Stein mit Acrylfarbe bunt bemalt und im Garten zwischen die Rosen gelegt. Den kann man heute noch bestaunen.
Eine Katze haben wir uns nicht mehr zugelegt und stattdessen mit gutem Gewissen noch ein paar schöne Reisen gemacht.
P.S.: Schaut ihn euch an, so sah er sehr jung aus, ist oder war er nicht …!!??

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Interne Verweise

Kommentare

23. Okt 2016

Als Frauchen von zwei Katzen habe ich Deine Geschichte sehr gern gelesen. Er hat ein langes gutes Leben gehabt, dieser kleine Kater. Und er war ja wirklich eine Schönheit. Ein sehr gelungenes Foto.
Herzliche Grüße, Susanna

23. Okt 2016

Freue mich über deine Zuschrift. Nur wer mit einem Tier, vor allem aber Katzen, "zusammenlebt", wird sich für die Geschichte interessieren. Ich wünsche dir weiterhin viel Freude an deinen Kätzchen. Liebe Grüße! Marie

Detmar Roberts
23. Okt 2016

Hallo, Marie, ich bin zwar "nur" Hundebesitzer, habe aber deine Geschichte trotzdem mit großem Vergnügenm gelesen. Was die Seele betrifft - auch meine Hündin hat ganz klar eine. Ich grüße dich. D.R.

23. Okt 2016

Hallo, Detmar, mit deiner Hündin wirst du sicher auch viel Erheiterndes erleben. Liebe Grüße Marie

23. Okt 2016

Hab die Geschichte gerne gelesen. Bin davon überzeugt, dass auch Tiere Seelen haben. Und evolutionäre Tiere - Haustiere - sind besonders ansprechbar durch uns und umgekehrt. Liebe Grüße von Nube (meine Hündin) und Monika

23. Okt 2016

Danke, Monika. Es ist menschliche Arroganz, ihnen Seele abzusprechen. Wobei "Seele" schwer zu definieren ist. Grüße an dich - und an Nube.Liebe Grüße Marie

23. Okt 2016

Auf jeden Fall hat jedes Tier eine Seele. Davon bin ich überzeugt. Und meine Hündin beweist es mir jeden Tag :-)

LG Lisi

23. Okt 2016

Hunde sind viel treuer als Katzen, in meiner Kindheit hatten wir einen frechen Dackel, den ich geliebt habe. Danke, Lisi.
Und noch viele "Gassis" mit deiner Hündin.
Liebe Grüße Marie

26. Okt 2016

Danke, Eva, freut mich, dass dir die Katergeschichte gefällt.
Liebe Grüße Marie