Nuss-Sahne-Torte

von Sigrid Hartmann
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Der Weg war lang und beschwerlich. Die alte Frau stellte ihre volle Einkaufstasche zum wiederholten Mal auf den Bürgersteig. Sie lehnte sich an die Hauswand und seufzte.
Dann bückte sie sich keuchend und nahm die Tasche wieder auf.
„Beim nächsten Mal kaufe ich weniger!“ murmelte sie leise vor sich hin.
Langsam ging sie die Straße entlang: „Noch drei Blocks, dann habe ich es geschafft. Dann koche ich mir erst mal eine schöne Tasse Kaffee und lege die Beine hoch!“ Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht, als sie an den Kuchen dachte, den sie eben noch beim Bäcker gekauft hatte. Nuss-Sahne-Torte! Ihre Lieblingstorte. Schon lange hatte sie sich diesen Luxus nicht mehr gegönnt.
Das Paket mit dem Kuchen lag ganz oben auf ihrer Einkaufstasche. Vorsichtig wechselte sie die Tasche von der rechten auf die linke Seite, immer darauf bedacht, dass der Kuchen nicht herunterfiel.
An der Ampel wartete sie darauf, dass das grüne Männchen ihr den Weg frei gab, als sie von hinten einen Stoß bekam. Sie stolperte auf die Straße direkt vor ein Auto, das gerade noch bremsen konnte. Ihre Tasche fiel zu Boden, und das Paket mit dem Kuchen lag – natürlich – unter der Tasche.
Der junge Mann, der sie angerempelt hatte, lief weiter, ohne sich nach ihr umzudrehen. Auch der Autofahrer kümmerte sich nicht um sie, er schüttelte nur ungehalten den Kopf und brauste davon. Mittlerweile hatte die Ampel umgeschaltet und das grüne Männchen grinste sie an, als sie ihre Einkäufe einsammelte. Aber so eine Ampelphase dauert nicht lang und das grüne Männchen wurde wieder von dem roten abgelöst. Der Autofahrer, der vor der Ampel stand, hätte jetzt fahren können, doch er schaltete sein Warnblinklicht an und stieg aus dem Auto.
Die alte Frau hob den Kopf, als der Mann auf sie zukam.
„Kommen Sie, ich helfe Ihnen!“ sagte er freundlich und sammelte die Tomaten ein, die bis auf die andere Straßenseite gerollt waren. Dann sah er das zerdrückte Kuchenpaket, aus dem die Sahne herausquoll.
„Aber bitte mit Sahne!“ grinste er.
Die Frau schaute ihn zuerst böse an, musste dann aber selber lachen, als sie in sein verschmitztes Gesicht sah.
„Ist wohl ganz gut so, da muss ich mich hinterher nicht ärgern, wenn meine Waage mich wieder zurechtweist!“
„Aber – sie können sich das doch leisten, bei Ihrer Figur!“ lachte der Mann.
„Junger Mann! Sie flirten doch nicht etwa mit so einer alten Frau wie mir!“ schmunzelte sie.
„Man ist so alt, wie man sich fühlt! Wo müssen Sie denn hin?“ fragte der Mann noch immer lachend und nahm ihr die Tasche aus der Hand.
„Da sagen Sie was!“ stöhnte sie und hielt sich den Rücken. „Geben sie mir die Tasche, ich wohne gleich da vorn!“ Sie deutete auf das nächste Haus. „Sie können doch auch ihr Auto hier nicht stehen lassen!“
„Stimmt, so mitten auf der Straße geht das wirklich nicht, und wenn Sie es nicht mehr weit haben, Frau …“
„Schmitz!“ sagte sie, ohne zu zögern.
„Also Frau Schmitz, dann fahre ich jetzt, ich wünsche Ihnen noch einen schönen Tag!“
„Vielen Dank junger Mann, das wünsche ich Ihnen auch!“
Der Mann stieg ins Auto und fuhr winkend davon.
„Hätte ich ihm etwas geben müssen für seine Hilfe, aber wovon denn, eine Tomate hätte ich ihm anbieten können oder den Kuchen - ach nein, der ist ja nicht mehr zu genießen!“ Nachdenklich schüttelte sie den Kopf. „Warum er wohl nach meinem Namen gefragt hat, seltsam, hoffentlich – aber bei mir ist ja eh nichts zu holen, das hat er sicher gesehen!“ dachte sie und besah sich ihren Mantel, der seine besten Jahre schon lange hinter sich hatte.
Inzwischen war sie vor ihrer Haustür angekommen und holte den Schlüssel aus ihrer Manteltasche. Sie öffnete die Tür und stieg die 2 Treppen zu ihrer Wohnung hinauf.
Auf dem Treppenabsatz blieb sie stehen um zu verschnaufen. Dann schloss sie ihre Wohnungstür auf.
„Kaffee muss sein, auch ohne Kuchen!“ dachte sie und stellte die Kaffeemaschine an. Gluckernd lief der Kaffee in die Glaskanne und ein herrlicher Duft erfüllte die Küche, als sie ihre Einkäufe in den Kühlschrank räumte.
Als sie fertig war, nahm sie eine Tasse aus dem Schrank, stellte sie mit der Milch und der Kaffeekanne auf ein Tablett und trug alles ins Wohnzimmer. Sie hatte es sich gerade auf dem Sofa gemütlich gemacht, als es an der Tür klingelte. „Nanu!“ dachte sie erstaunt. „Wer kann denn das sein?“
Sie ging in den Flur und schaute durch den Spion. Es war niemand zu sehen. Sie hakte die Sicherheitskette ein und öffnete die Tür einen Spalt. Niemand da.
Gerade wollte sie die Tür wieder schließen, als ihr Blick auf ein Paket fiel, das vor ihrer Tür stand.
„Guten Appetit“ war mit schwarzem Filzstift zwischen die aufgedruckten Brezeln auf dem Papier geschrieben worden, und daneben grinste ein Smiley.
„Na so was, darum hatte er nach meinem Namen gefragt. Dass es so etwas heutzutage noch gibt …“
Sie öffnete die Tür, holte das Paket herein und wickelte das Papier ab.
„Nuss-Sahne-Torte!“ rief sie voller Vorfreude und brachte den Kuchen vorsichtig ins Wohnzimmer.

Interne Verweise

Kommentare

25. Nov 2016

Deine Geschichte erscheint mir wie ein bescheidenes, aber dennoch strahlendes Licht in ansonsten oft nahezu allgegenwärtig anzutreffender zwischenmenschlicher emotionaler Finsternis! Danke!
Liebe Grüße vom Alfred

26. Nov 2016

Was für eine wunderbare Geschichte. In der Mitte fürchtete ich, die Frau würde überfallen, oder Schlüssel und Geldbörste würden gestohlen (bin wohl fernsehgeschädigt) und dann so ein schönes Ende. Das tut der Seele gut.
Vielen Dank und herzliche Grüße, Susanna