Codename Sandmann / Teil 5

von Frank Tegenthoff
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Die letzte Nacht hatte durchaus seinen Reiz. Waren das nicht magische Stunden mit einem ihr fremden Mann. Diese Frage bohrte sich ihr beim Aufstehen ins Gedächtnis. Sie hatte sonst kein anderes Verlangen mehr. Letzte Nacht war sie aus ihrer gewohnten Rolle geschlüpft. Und ihr Gang hatte was von einer ,,Monroe" und lockte damit ihre Opfer an. Sie kokettierte mit ihrem Spiegelbild,maß dabei jeden ihrer kurzen Schritte - in Richtung Toilette. Fast wäre sie auf's Herrenklo gelandet. So sehr war sie an diesem Abend verknallt - in ihr Spiegelbild.
Hier im ,,Chez Moulin" konnte sie auf Mata Hari machen und unbemerkt den Saal auskundschaften. Es gab kleine Nischen im hinteren Teil. Eine große Bar als Blickfang. Niemand kannte hier eine Nora van Ween. Niemand ahnte etwas,dass sie etwas anderes sein könnte. Hier war sie eine Frau: Impulsiv,undiszipliniert und mannstoll. Sie genoss es jedes Mal. Dabei blieb auch kein Martini trocken. Das ,,Chez Moulin" war sowas wie ein Hafen,wo sie anlegen und für eine Nacht bleiben konnte. Sie fühlte sich oft eingezwängt,in einer ihr zugedachten Rolle. An Wochenenden fuhr sie oft ziellos durchs Land -mit ihrem Wohnwagen im Schlepptau. Hier und da fand sie eine flüchtige Zuneigung,einen Flirt und manchmal auch mehr. Anderntags überfiel sie der Alltag. Den musste dann die Frau Dr.Dr. van Ween ausfüllen;mit ihrer penetranten Akribie und Obsession für Zahlen. Nora hatte es eigentlich gut getroffen. Beruflich als Frau hoch angesehen. Sie hatte dafür auch hart gestritten. Sie entwickelte ein kleines Gespür für ihre Arbeit. Nora war auch streng mit sich selbst. Sie hatte eine Vorbildfunktion und die erfüllte sie werktags. Sie war aber auch emanzipiert genug,um sich an den Machtspielchen der männlichen Kollegen nicht zu beteiligen. Vielleicht hatte sie deshalb der ,,BLITZ" kontaktiert. Sie galt als unbestechlich - auf der Arbeit. Aber Faller vom Blitz dachte wohl anders,indem er Sie und keinen Mann instruierte. Er wusste von ihrem Kontrollbesuch in der Fabrik von Thorsten Sand.
Rein ,,zufällig"landete der Auftrag auf ihrem Schreibtisch. Plötzlich war wieder ihre Sucht nach Erfolg erwacht. Wie Faller witterte sie etwas. In ihrem Fall aber keine Story. Aber bagatellisieren wollte sie ihren Auftrag auch nicht. Beim Gesundheitsamt hatte sie einen Achtstundentag - mit festen Abläufen. Nur diesmal wollte sie aus diesem Trott herausfinden. Da ist wieder ihre ,,Mata Hari",die der Spur nachgehen will,ob sich Fallers Verdacht bestätigt oder nicht. Dieser Sand ist zwar nicht ihre erste Adresse,aber es gehe auch um einen gewissen Spass,diesen mogulen Herren ein Schnippchen zu schlagen!
So stakst sie aus ihrer Dreizimmerwohnung im dritten Stock,zu ihrem mausgraulackiertem R4. Wie immer würgt sie zuerst den Motor ab,um dann neu zu starten. Allmählich steigt auch ihr Geduldspegel. In solchen Momenten kann sie nicht nur beten und gibt endlich Gas. Zum Glück ist der Verkehr noch ruhig und sie erwischt sofort eine grüne Welle,sodass sie ungehindert zur Fabrik durchfahren kann.
Bis hier hatte sie alles,was einem guten Tag ausmacht. Sie bekam ihre Manege. So betrat sie den Aufzug zur Chefetage. Die Fabrikhalle wirkte ziemlich monströs auf sie. So erstaunt bleibt sie im Flur stehen. ,,Wie kann ich helfen?",war sofort eine Person auf sie zu gegangen. Es war die Sekretärin von diesem Thorsten Sand! Mit einer solchen netten Anrede hatte Nora nicht gerechnet. Zugleich hörte sie jemand aus einem der Büros rufen:,,Ist das die neue Putzfrau?"
Natürlich nicht;dachte sich wohl auch Frau Wacker -seine persönliche Sekretärin! Dabei agierte sie souverän und klärte das Missverständnis diplomatisch auf.
,,Ich benötige all ihre Listen!" Sofort nickte Frau Wacker kurz und stürmte los. Es dauerte nicht lange und ein Stoß von Unterlagen landeten auf einen kleinen Ecktisch.
Eine Kolonne von Zahlen reihten sich darauf auf,sowohl als auch Auflistungen und Vermerke. Ganz nach Noras Obsession für Zahlen und Stil. Zahlen kennen keine Grenzen,aber bestimmen eine entsprechende Größe! Zahlen besitzen eine Ordnung,die Nora fast abgöttisch liebt,denn sonst fiele sie in ein Chaos.
Immerzu liest sie die Zahlen auf der Liste und macht sich Notizen.
,,Zeigen Sie mir jetzt die Arbeitsräume und Maschinen!" Ihre Stimme wechselte zu einem Befehlston. Als sie den Maschinenpark entdeckt,ist sie erst einmal überwältigt.
,,Haben die Arbeiter entsprechende Schutzkleidung?" Aber wo sind die Arbeiter?
,,Wir haben zur Zeit Kurzarbeit!" kam es kurz und knapp aus dem Hintergrund. Plötzlich steht er vor ihr! Thorsten Sand blickte düster und schien genervt zu sein. Nora schaut noch einmal auf's Blatt,um diesen Blick auszuweichen. Gleichzeitig weckte es ihren Missmut.
,,Dann muss ich noch einmal kommen!"
Frau Wacker blieb stumm und wartete auf Anweisung:,,Dann geben sie ihr schon einen neuen Termin!"
Dann wollte er sich eigentlich von beiden Frauen abdrehen,aber hielt kurz inne. Seine Stimme schwankte und brodelte aus einer Tiefe heraus,die seine ganze Abneigung demonstrierte. Einen verbalen Seitenhieb in Richtung Nora konnte er sich nicht verkneifen:,,Ihnen gehört doch der R4 mit dem Wohnwagen dran." Ja,den hatte sie total vergessen. ,,Sie stehen auf einem Behindertenparkplatz!"
,Dieser arrogante Kerl.' dachte sich Nora.Der Punkt ging an Sand. Chapeau! Sie würde sich bei ihm revanchieren. Nur nicht heute. Heute gönnt sie ihm diesen kleinen Sieg.

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