Reise nach Fäkalien (2)

von Lothar Peppel
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Ich denke, Roy-Black-Filme geben jedweder Demenz einen Schub. Aber in die falsche Richtung. Bei mir jedenfalls - sehe ich einen Roy-Black-Schinken aus den 80ziger Jahren - hängt spätestens nach 30 Minuten die Zunge schräg raus und mein Schließmuskel verliert rundum an Spannung. Und dabei bin ich noch nicht einmal dement. Noch. Denn manchmal glaube ich schon, ich stecke mich auf Arbeit an. Im Seniorenheim. Als Pflegehelfer. Im Grunde gibt man dort nämlich kognitiv weit mehr als man einnimmt. Gesprochene Sätze sind dort zumeist sehr kurz und kurvige Kettensätze ganz und gar Mangelware. Ergiebig lange Gespräche kann man dort nur führen, wenn der Chef einen zusammen staucht. Was dann aber auch wiederum mehr einem Monolog gleicht. Auf Dauer insgesamt also ein Zustand, welcher das Hirn des Bediensteten in Nullkommanichts in Standby versetzt. Allerdings ohne jeglichen Verweis auf eine eventuelle Wiedereinschaltmöglichkeit. Und dann nicht mehr lang und auch ich bin nur noch ein wandelnder Schlafanzug. Und das mit 55. Ein Zombie mit Schwesternuhr. Nun gut. Schlagerstar könnte ich dann noch werden. Da kommts ja auch nicht so auf die Texte an. Hauptsache immer ein Grinsen in der Fresse. So wie Roy Black. Dem man ja nach sagte, er wäre der Traumschwiegersohn aller damaligen Mütter gewesen. Ich glaube aber, die wollten ihn ja eigentlich gar nicht der eigenen Tochter überlassen; die wollten ihn viel lieber selber ficken. Ja, klar. Daheim einen bierbäuchigen, halbglatzigen, bartstoppeligen Stinkpfropfen auf dem Sofa. Dagegen der Roy: wie aus Marzipan gedrechselt und mit Zuckerguss überzogen und einer schwer schwarz glänzenden Frisur, so als hätte man ihm einen toten Maulwurf auf's Haupt getackert, und dazu das unausgesprochene Versprechen einer moralisch sterilen Dauererektion. Also ohne sexualrevolutionärem Smegma. Einfach nur rein und raus. Rein und raus. Bis Mutti ganz Black vor Augen wird. So gesehen war der Roy nichts weiter als ein singender Dildo. Natürlich sind meine Überlegungen reine Spekulation. Wie auch der Gedankengang, ob unsere betagten Bewohnerinnen sich überhaupt noch an Roy Black erinnern können, wenn wir sie vor TV-Gerät und VHS-Recorder zwischenlagern. Wenn da vielleicht was feucht wird, dann allenfalls durch Urin. An sich heißt es ja, dass man sich bei fortgeschrittener Demenz an längst vergangene Dinge sehr wohl erinnern kann, aber das Kurzzeitgedächtnis liegt leider in mehr oder weniger feinteiligen Trümmern. Man weiß also nicht mehr, was es zum Frühstück gab, aber kann haarklein erläutern, dass man man am 23. Oktober 1927 bei Schulzens zu Gast Kartoffelsuppe auf dem Tisch hatte. Verrückte Sache. Und wenn ich dies alles so niederschreibe, dann nicht, um daraus boshaften Genuss zu ziehen. Demenz ist für alle Beteiligten eine sehr üble Sache. Auf der einen Seite Die, die nicht mehr wissen was wie warum. Und auf der anderen Die, die wissen warum was wie, aber nicht wofür. Denn alten Menschen zu helfen ist als Einkommensquelle eine äußerst riskante Wahl. Die Ziellinie heißt Altersarmut. Eine der wenigen Lebensumstände, in der eine Demenz hilfreich wäre. An was man sich nicht mehr erinnern kann, muss man auch nicht bezahlen. Kognitiv besehen. Real schüttelt der Schuldeneintreiber selbstverständlich auch an den Toren der krankhaft Vergesslichen. Ob der breitschultrige Russe eventuell ja aufgibt, wenn ich dann die Tür öffne und er sieht; ich in Unterhemd über dem Rollkragenpullover, im linken Ohr verdralltes Klopapier, im rechten eine Zahnbürste, wer weiß. Mit den Rentenpunkten, die ich womöglich in der Pflege erworben habe werde, kann man allenfalls zwei, drei Blindenarmbänder herstellen. Als Aussicht ein Blick in den Anus. Oder wie ich mal zu einem Bewohner sagte, nachdem ich ihn vom Schieber nahm: Wenn das alles Gold wäre, wären wir aus dem Gröbsten raus. Roy Black starb ja an Herzversagen. Wahrscheinlich hatte man ihm einen seiner eigenen Filme gezeigt.

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