Der rote Faden (1)

Bild von Lothar Peppel
Mitglied

1.
Meine Erinnerungen an die Kindheit sind sehr schmal im Gesicht. Minderdurchblutet. Und vergilbt wie ein von Vater auf dem Dachboden vergessenes Herrenheft. Insgesamt also sehr arm an tosendem Spektakel. Da wäre die ewige Schaukel. Ein Brett, blank von Dekaden des darauf sitzen. Befestigt an zwei starken Seilen. Und diese wiederum an zwei ebenso starken Haken. Mit genug Schwung konnte man mit den Füßen die Decke berühren, an der die Schaukel ganztägig ging. Und der blöde Ball. Der mich nie wirklich interessierte. Das war's. Damit konnte man zu meiner Zeit locker ein paar Jahre Kindheit überbrücken. Wenn man schaukelte, spielte man nicht Ball. Spielte man mit dem Ball, schaukelte man nicht. Versuchte man beides synchron, gab's blutige Knie und blutige Nasen und Erwachsene, die riefen: Siehste! Dann später, anfangs meiner aufknospenden Pubertät, das Federball spielen. Mit der Nachbarn jüngster Tochter. Sie war so ungefähr in meinem Alter. Ihre Schwester spielte eindeutig besser. Federball. Klar. Die war zudem schon reifer. Trug aber immer Hosen. Denn das Spiel über die Wäscheleine war das eine, der durch ihre Bewegungen hoch flatternder Rocksaum von Tochter 1 das andere. Hosen flattern nie hoch. Vielleicht auf der Wäscheleine. Aber sonst nie. Deshalb kann ich mich auch nur an den Namen Angelika erinnern. Und natürlich an den geschlossenen Bräter. Emailliert. Grau gesprenkelt. Ich fand ihn der Hitze eines wirklich großen Sommers. Am Zaun unseres Gartens. Angelockt durch den Gestank des Todes. Mehrere Tage traute ich mich nicht hinein zu schauen. Ich war schon immer ein großer Schisser. Also nicht so einer, der vor Angst abends vorm Schlafengehen vermeintlicher Monster wegen unters Bett guckte. Denn die Monster, so lernte ich später, die liegen ja unter keinem Bett. Die sitzen mit einem im Klassenzimmer. Oder im Großraumbüro. Was, wie gesagt, zu jener Zeit für mich als Erkenntnis ja noch in weiter Ferne lag. Nun gut. Eines nachmittags öffnete ich jedenfalls den Deckel des mystischen Kochgeschirr dann doch. Es lag eine Katze darin. Oder besser: das was von ihr noch übrig war. Haarige Haut. Und Knochen. Ihr Fleisch bestand aus Maden. Hunderte von Maden. Und da sie krochen, über, in dem, was einst eine Katze war, schien sie irgendwie noch lebendig. War sie aber bestimmt seit Tagen nicht mehr. Sie schwamm in einem Fingerbreit Leichenwasser. Ein Bild, welches wohl in keinem Adventskalender jemals Platz finden wird. Und noch mehr von dem penetranten Gestank. Kannte ich sonst nur aus den Umkleideräume der Turnhalle. Welcher mich aber nicht daran hinderte, weiterhin Fleischfresser zu bleiben. Samstags gab's bei uns immer Bratwurst. Klar: als Kind fällt man ja auch oft hin und holt sich dabei blutige Knie. Trotzdem neigt der erwachsene Mensch deshalb nicht vorsichtshalber beständig zum Kriechen. Außer beruflich. Wie gesagt: samstags gab's weiterhin auch für mich immer eine Bratwurst. Apropos: da war dann noch die große verbrannte Fläche, wo Mutter einst eine Brust hatte. Die hatte man ihr abgeschnitten. Wegen dem fucking Krebs. Und dann die Leere nochmals bestrahlt. Aber sowas von. Brandrodung. Es soll ja auch gutartige Tumore geben. Aber die reichen wohl nicht für jeden. Mutter hatte jedenfalls die andere Sorte erwischt. Hat Mutter nicht lange überlebt. Als sich ihr der lautlose Tod schnellen Schrittes näherte, begann sie zu trinken. Zu alt zum Schaukeln, begann ich damit auch. Mit dreizehn. Oder zwölf. Großvater hatte immer bulgarischen Rosenlikör unterm Stuhl stehen. Rot und süß und weichen Nebel hinter den Augen machend. Und lag Großvater auf dem Sofa, hatte er keinen Sichtkontakt mehr zum Likör. Und Opa lag oft auf dem Sofa. Wegen der fehlenden Zehen. Alle zehn. Die waren ihm vor Stalingrad abgefroren. Fürs Volk. Oder den Führer. Oder das Vaterland. Oder anderen Blödsinn. Die Aktion hieß irgendwas mit "Raum im Osten". Mir würde schon ein Hobbyraum im Keller reichen. Dafür würde ich aber keine Zehen opfern. Meine Frau auch nicht. Obwohl ich sie darum gebeten hatte. Menschen sind ja so leicht verführbar. Mindestens zu und auch mit 40 Prozent. Rosenlikör. Und Zigaretten habe ich Opa auch immer geklaut. Die hießen Juwel 72. Und wenn man zu wenig daran zog, dann gingen sie aus. Was wohl das Beste an ihnen war. Opa gingen die Zigaretten nie aus. Er zog daran, als würden sich ihm dadurch wieder neue Zehen ausstülpen. Oma war doppelt so viel wie Opa. Nicht in der Höhe. Mehr so in der Breite. Und in der Tiefe. Auch ein altes Kriegsleiden. Der Hunger. Da galt es eine Menge aufzuholen. Vor allem Butter. Und Fleisch. Mit Butter. Und Fleisch. Oma machte einen prima Kartoffelsalat. Mit Öl und Essig und was weiß ich. Das Rezept hat sie ja leider mit ins Grab genommen. Ein Wunder, dass da noch Platz für war. Opa hat immer versucht, Oma untern Rock zu fassen. Damals ahnte ich noch nicht, was der Grund für sein reflexhaftes Verhalten war. Heute weiß ich es. Nutzt aber nichts. Oma ist ja schon lange tot. Dauergast war ich in der muffigen Bibliothek. Meine Mitschüler haben hingegen gebolzt. So nannten wir in meiner Kindheit das Fußballspielen. Keine Ahnung, was für die kindliche Entwicklung besser ist. Bolzen oder Bücher. Einen tieferen Sinn sehe ich allerdings auch heute noch nicht darin, um einen Ball zu streiten. Vor allem, wenn an der Außenlinie noch etliche herumliegen. Vielleicht muss man ja, umso so etwas erstmal mit krauser Stirn und hochgezogenen Wimpern zu hinterfragen, Bücher lesen. Den Horizont erweitern. Für Fußballer: auch mal über die Außenlinie schielen. Dreimal habe ich den Stillen Don von Scholochow verschlungen. Trotzdem nie schwimmen gelernt. In der zweiten oder dritten Stunde Schwimmunterricht bin ich mal fast ersoffen. Ich hatte literweise Wasser geschluckt. Habe ich heute noch in den Beinen. Seitdem habe ich es nicht mehr versucht. Zu schwimmen. Bin ja auch kein Fisch. Überhaupt hatte ich es damals nicht so mit Sport. Außer Federball. Wegen dem Rock. In der Klasse hingegen gab es so einen richtigen Fußballfan. Der Steffen kam immer mit einem rot-weißen Schal um den Hals in die Schule. Ob's den wohl noch gibt? Wahrscheinlich ist er längst aufgetrottelt. Oder sogar beide. Und irgendwann hat mein Bruder mir mit einem Backstein die hintere Fontanelle eingeschlagen. Bis heute habe ich keine Ahnung warum und was aus dem Backstein wurde. Damals war mein Bruder ja dünner und jünger als ich. Heute ist er nur noch jünger. Das war sie, meine Kindheit. Mitgenommen habe ich nur ein latentes Alkoholproblem. Und Respekt vor historischen Backsteingebäuden. Und ein tadelloses Verhältnis zu Katzen. Jedenfalls so lange sie leben. Aber ich war wenigstens so eine Art Wunschkind. Denn wie oft hörte ich meinen Vater zu meiner Mutter sagen, er wünschte, es wäre nie passiert. Als meine Kindheit dann an einem Donnerstagabend endgültig hinter mir lag, begann ich mit dem Warten auf den Tod.

Dies ist das 1.Kapitel eines von mir geplanten Buchprojektes. Eine Art Biografie gemischt mit Gedanken zu Allem und Nichts. Nicht, dass mein Leben und meine Art zu denken das Drucken eines Buches rechtfertigen würde. Aber der letzte Baum ist gewiss bald gefällt. Da gilt es, die schriftstellerischen Beine in die Hand zu nehmen. 30 weitere Kapitel sind, wenn auch nicht druckreif, so doch wenigstens schon vorhanden. Achtung! Dies ist keine Drohung.

Rechtshinweis:
Dieser Beitrag ist urheberrechtlich oder durch Copyright geschützt und darf ohne Genehmigung nicht verwendet werden.

Interne Verweise

Kommentare

09. Aug 2020

Ganz toller Text. Vom ersten bis zum letzten Satz: LEBENDIG. Ereignisse müssen nicht addiert werden.
Danke
Olaf

09. Aug 2020

Danke! Wie gesagt: 30 weitere Kapitel sind fertig. Ich versuche es durchzuziehen. Auch wenn die Zeit knapp und so viel Anderes um Aufmerksamkeit bettelt. Ihr Kommentar hilft.