Codename Sandmann / Teil 6

von Frank Tegenthoff
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Er steckte sich die Zigarette etwas nachdenklich zwischen beide Lippen, zündete sie an und inhalierte mit kräftigen Zug, als sei es seine Letzte.
Es ist seine erste Nachtschicht. Die Nächte in der Fabrik können zum einsamsten Ort werden. Es gab hier nur ein Geräusch. Ein klick-klack vom Schlüsselbund.
Bei seinem nächtlichen Rundgang taxiert er jeden Winkel, auch jede Tür und natürlich den Maschinenpark. So arbeitet er jeden Posten einzeln ab, kontrolliert und gleicht alle Vermerke mit seiner Liste ab. Dann endet sein Gang vor einer grauen Tür. Sie wurde noch vor kurzem frisch lackiert. Von Luigi wusste er, das sie verschlossen bleiben soll. Er habe die strikte Anweisung vom Chef bekommen. Und schließlich ist er der Vorarbeiter und Mittelsmann. Er hinterfrage nichts. Basta! Außerdem sei alles in Ordnung. Die viel zu engen Arbeitsschuhe wurden ihm inzwischen ersetzt.
Am Tage käme hier nur selten jemand vorbei. Schließlich habe Sand die Tür verschließen lassen. Hierher verloren sich auch keine Putzfrauen.
Luigi erzählte es Ferner im ,,Burnout". Irgendwie hatte er sich doch Gedanken dazu gemacht. Man sah es an den Dackelfalten auf seiner Stirn. Aber weitere Details hätte er nicht mehr. Sein Informant aus Gera litt an Demenz und hatte anderntags wieder alles vergessen. So fehlte Ferner ein wichtiges Puzzleteil. Für eine Schlagzeile im ,,Blitz" kaum der Druckerschwärze wert. Nichts als nur losen Sand hatte er in der Hand. Auch kein Hanf. Dann fand er eine ,,7 days"-Tabakdose. War das der fehlende Teil seines Puzzles?
Eine weitere Tabakdose nicht weit vom Büro entfernt - in einem Papierkorb entsorgt. Die Aufschrift war nicht mehr ganz leserlich:,, Babyblou" las er laut. Allmählich ahnte er etwas. Ferner schlich mehr als er wollte. Er war doch allein. Im Büro öffnete er die Tür zum Hinterzimmer. Dort stand er mitten im Biotop aus Gewächsen. Damals sah er Frau Wacker ein und ausgehen. Er hatte einen Verdacht. Heute könnte er Faller vom größten Reinfall oder Selbstbetrug erzählen. Er hatte den größten Skandal vor Augen gehabt. Nichts davon ist übrig geblieben. Sein persönliches ,,Sandgate" im Blickfeld - auf einer Ablage: Eine Shisha!
Daraus hatte es geblubbert. Nun musste sich Ferner schnell etwas einfallen lassen. Sonst würde ihn Faller umschulen lassen. So versuchte er es erneut bei seinem Vorarbeiter. Nur, Luigi hatte andere Dinge im Kopf!
,,Stellt euch vor, was ich hier habe!" Mit beiden Händen packt er einen Metallkoffer und hievt ihn auf den Thresen. Dabei vergessen alle ihre bestellten Drinks. Sie hängen an seinen Lippen fest. Und Luigi trommelt im Morsetakt auf den Deckel. Alle sollten es sehen! Zugleich setzt er sich eine dunkle Brille auf die Nase und macht auf Karl Kellerfell - den Modedesigner aus der Stadt. Von ihm habe er sich einen Anzug maßschneidern lassen. Den gäbe es nämlich nicht von der Stange.
Beide Schlösser schnackten auf und sprangen fast heraus. Ganz behutsam öffnete Luigi den Kofferdeckel und ein kleiner Zettel wurde sichtbar. Das sei der Hauptgewinn!
,, Eure Schuhe! Eure Schuhgrößen!", donnerte er los. Er hatte doch ihre Schuhgrößen aufgeschrieben. Ein zweitesmal blieben die bestellten Drinks stehen. Luigi begann zu tanzen und schmetterte sein wohl bestes Solo:,,Mit Arbeit fin, fin, finito. Trinken mehr Vi, Vino und ma,ma,machen Bam, Bambino!"
Schließlich endete seine Arie im Halbrausch. ,,Mensch, lasst uns noch feiern!", er käme sonst noch zur Nachtschicht. Dann lallte er nur noch; torkelte mehr als er gehen konnte. Von draußen heulte die Fabriksirene. Und Ferner musste noch einmal zur Nachtschicht. Er musste auch an den morgigen Tag denken und an Luigi's Lottogewinn.

Hier endet die sandige Geschichte.

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