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Was mich alles nichts angeht

Bild von Alf Glocker
Bibliothek

Holla, der Regenwald brennt ab! Muss ich mir jetzt gleich Sorgen machen, oder kann ich das noch ein wenig verschieben? Ich glaube, ich verschiebe das – denn heute Abend gibt es erstmal Spaghetti. Das kann man immer essen. Noch ein Schlückchen Rotwein dazu und die Welt ist in Ordnung. Die Nachrichten schalte ich sowieso ab. Erstens bringen die, wovon sie glauben, daß wir das mitkriegen sollen, und zweitens will ich nicht einmal sehen und hören, was sonst noch Blödes passiert ist. Ich bin momentan einigermaßen zufrieden.

Hach, es gibt neuerdings ja auch bei uns eine ganze Menge Leute, die von ihrer Religion dermaßen verblendet sind, daß einem richtig schlecht werden könnte – aber wir gehen heute, soviel ich weiß, ins Kino. Da läuft die neueste Komödie. Dabei kann ich mich wunderbar ablenken. Vor dem Zubettgehen gibt’s dann noch einen Kurzen als Absacker. Ich werde also seelenruhig einschlafen können und die allerschönsten Träume haben.

Irgendwo findet grad wieder mal ein absurder Krieg statt. Darüber muss ich gelegentlich ausführlich nachdenken, von wegen den Waffenlieferungen und so. Da spielen ja auch die Arbeitsplätze eine Rolle … das wird schwierig. Zur Zeit brauche ich allerdings meine ganze Kraft für die Urlaubsplanung. Wir müssen uns noch Hotels ansehen, Preise vergleichen und vielleicht auch ein Zimmer buchen. Nehmen wir nun all inklusiv oder nur Bed and Breakfast? Das lässt sich nicht einfach so über den Daumen brechen – da ist der Verstand gefragt!

Gestern ist, glaube ich, der 8-milliardste Mensch geboren worden. Ein wenig unheimlich ist mir schon bei dem Gedanken. Aber das war zum Glück nicht direkt in der Nachbarschaft. Der wird schon nicht gleich bei uns vorbeikommen wollen, weil es bei ihm zuhause nicht genug zu essen gibt. Ich habe kein Zimmer frei und sicher erfindet irgendwer in Amerika dann ein Hochhaus, wo eben alle Platz haben und irgendwer in Frankreich, wie man noch größere Kürbisse ernten kann, damit das Futter nicht ausgeht und irgendwer in Deutschland einen neuen Kontinent, wo sämtliche überschüssige Geburten untergebracht werden können, wenn es das überhaupt gibt.

Überschüssig ist eigentlich nichts mehr, wie es den Anschein hat. Wir können grade noch so „normal“ leben, obwohl dieses „Normal“-Leben nur für ca. 8 % der Weltbevölkerung gilt. Wer drauf gekommen ist, daß unser Leben „normal“ ist, möchte ich mal wissen, wenn 92 % der Menschheit ganz anders leben als wir. Dann sind doch, ehrlich gesagt, deren Lebensumstände normal und unsere eher schwer erworben und furchtbar gefährdet. Aber ich treffe mich heute mit ein paar Kumpels von früher und wir machen einen drauf. Das ist doch auch nicht schlecht.

„Man muss aus allem immer das Beste machen“, hat meine Oma immer gesagt und heutzutage wird dieser Spruch anscheinend wieder modern, denn ich höre ihn überall. Von allen Dächern pfeifen die Spatzen ihre betont fröhlichen Lieder und an jeder Straßenecke finden betont nette Begegnungen statt. Es ist fast, als hätte der „liebe Gott“ etwas zu verbergen … etwas, das wir nicht verstehen würden, wenn man uns genau sagen würde worum es sich handelt. Aber was könnte das sein? Vielleicht kommt es heute, nach Feierabend, im Fernsehen?

Und wenn nicht, dann kann mich das auch nicht erschüttern. Schließlich bin ich verliebt: in mich, in mein Auto, in meine Wohnung (die wir sehr „geschmackvoll“ eingerichtet haben) und in alles, was es gibt. Nichts ist von Natur aus schlecht, oder böse! Und das bedeutet, daß es, genau genommen, auch keine wirklichen Probleme gibt, die uns Sorgen machen sollten. Alles wird gut – und wenn nicht, dann gehe ich erst mal ins Kino, esse Spaghetti (weil man das immer kann) und trinke ein Schlückchen Rotwein dazu …

Morgen sieht dann die Welt schon wieder ganz anders aus! „Worauf du einen lassen kannst“, sagt eine, mir unbekannte, innere Stimme zu mir. Das finde ich unhöflich! Kann man mich denn nicht in Ruhe lassen? Ich will doch auch bloß „ganz normal leben“, denke ich und mache mir keine weiteren, „unnötigen" Gedanken mehr dazu. Die rasante Erderwärmung, die gefährlichen Dogmen und die „überschüssigen“ Geburten lassen mich kalt. „Es kommt wie es muss“ bete ich mir vor, und „mich geht das alles ja nichts an!“

Veröffentlicht / Quelle: 
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Interne Verweise

Kommentare

26. Okt 2019

Wer brav sich an Spaghetti hält,
Den schleudert nichts aus dieser Welt!

LG Axel

28. Okt 2019

Sehr gerne gelesen.
HG Olaf