Alles kein Beinbruch?

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Wie alltagstauglich man wirklich ist, merkt man erst, wenn eben dieser Alltag einen aus seinem gewohnten Trott hinauskatapultiert. Dann kommen Fertigkeiten zum Tragen, die man sich sein bisheriges Leben lang antrainieren konnte. Unter Umständen bekommt so auch die immer wieder eher ratlos gestellte Frage: „Wozu soll das gut sein …” eine ganz neue Erklärung. Dann nämlich, wenn man auf diese Weise nötig gewordene Erfahrungen zweckentfremden und ganz kreativ in anderem Konsens einsetzen kann.

Zum Beispiel rate ich dringend dazu, sich eine Hausapotheke „heranzuzüchten“. Damit meine ich keine gut sortierte Schublade oder einen abschließbaren Arzneimittelschrank, sondern eine Apotheke, in der man so guter Kunde ist, dass sie Wert darauf legen, einen nicht zu verlieren. Denn heutzutage ist ein Hausarzt in den seltensten Fällen noch ein Ich-komm-ins-Haus-Arzt, sondern eher ein Geh-mir-weg-mit-Hausbesuch-Arzt. Er kann fachlich noch so kompetent sein, aber nach einer Bein-OP nützt dir das wenig, wenn du zuhause bist und er in seiner Praxis bleibt.

Gott sei Dank kann man ja vieles telefonisch regeln, was ein Glück! Der Hausarzt, happy darüber, dass er nicht gezwungen wird, einen Hausbesuch zu machen, nimmt gerne die Gelegenheit wahr, nach Symptomschilderung in Telefondiagnose ein Rezept zu erstellen, dieses vorab an die Hausapotheke (!) zu faxen und das Original mit der Post hinterherzuschicken.

Die Hausapotheke nun freut sich, ebenfalls telefonisch von dir zu hören, denn du bist ja guter Kunde dort, ist bereit, das per Fax-Rezept gewünschte Medikament vorab zu besorgen und dir per Boten sogar ins Haus zu liefern – Wechselgeld bitte auf 50 Euro (oder 100, je nachdem). Das klappte bereits vor der Erfindung der Internet-Apotheke, zu deren Inanspruchnahme schließlich ebenfalls ein Rezept benötigt wird, in dessen Besitz man (wie?) gelangt, wenn man nicht gehfähig ist?

Als Familie kann man sich noch so nah sein, wenn die räumliche Nähe nicht gegeben ist, häufiges Phänomen der heutigen Zeit. Wenn man dann also in eine Lage kommt, die einen mehr oder weniger faktisch hilflos macht (wie geschickt man ansonsten auch sein mag), ist es Gold wert, Freunde, Bekannte oder Nachbarn zu haben, die man nicht nur einspannen kann, sondern die sich voller Empathie sogar von selber anbieten, einem zur Hand gehen zu wollen.

Jedoch sollte man sich davor hüten, diese hilfreichen Geister selbst im Notfall über Gebühr zu beanspruchen, sonst kommen sie sich bei aller Freundlichkeit dann doch irgendwann ausgenutzt vor.
Spätestens, wenn man so etwas verhindern möchte, lernt man die Segnungen des Internets kennen und ver-lernt ganz schnell, es als Fluch zu bezeichnen – wenigstens Teilbereiche davon.
So habe ich mir viereinhalb Monate lang alles Mögliche ins Haus liefern lassen, vom Radieschen bis zur Toilettenbürste, auch Bücher via Amazon (nicht zu knapp!). Nebeneffekt: Man benötigt kein Bargeld – denn: wie soll man drankommen bei oben geschilderter Konstellation? Zwar hat mir die Bank auf Wunsch die Kontoauszüge ins Haus geschickt, nicht aber Bargeld. So konnte ich das Vorhandene für Dringenderes „horten“ – den Salat, zum Beispiel, den der Onlinelieferant als „zur Zeit nicht lieferbar“ deklarierte, oder die Kartoffeln, die per Internet zu bestellen mir doch zu exzentrisch schien, oder die Zeitschrift, die nirgendwo zu bestellen war und für deren Beschaffung eben dann die freundlichen Nachbarn eingesetzt werden konnten, die zusätzlich meine Treppenwoche übernahmen, mir regelmäßig mein Altpapier vors Haus stellten, den Müll runter- und meine Post nach oben, direkt vor meine Tür, brachten – alles für lediglich ein Lächeln und ein Dankeschön.

Eins aber ging mir gehörig auf den Keks: Bei allem, was man per Internet bestellte, kam umgehend die Auf-Forderung (schon lange keine Bitte mehr) des Anbieters, eine „Bewertung“ abzugeben. Bei Direktkäufen findet sowas (noch) nicht statt, wie angenehm! Ganz aufdringlich empfand ich ein Modehaus, das sofort nach Auslieferung mir diese Mail zusandte, die ich wie gewöhnlich ignorierte. Am Folgetag (!) bereits bekam ich die zweite Aufforderung, diesmal schon in schärferem Ton, ich möge doch „meiner Verantwortung anderen Kunden gegenüber nachkommen“, denn schließlich würde meine Bewertung dazu führen, dass besagtes Modehaus seine Leistungen verbessern könne. Sind sie sich ihrer Leistung tatächlich so unsicher, dass sie Bewertungen derart hinterherhecheln müssen?

Auf meine nicht besonders fein formulierte Beschwerde an die Kundenbetreuung ob dieses von mir als Nötigung empfundenen aufgebauten Druckes, erhielt ich zwei Tage später eine begütigende Mail, es sei ein „automatischer Versand dieser Benachrichtigungen“, aus dem man mich – auf Wunsch, Mitteilung genügt – aber gerne herausnehmen werde, denn man könne „mein Anliegen sehr gut nachvollziehen“. Ich meinte, ein verständisvolles Schmunzeln zwischen den Zeilen entdeckt zu haben, denn ich hatte als Alternative angeboten, im Gegenzug MIR eine Beurteilung meiner Zahlungen zukommen zu lassen – und zwar nach JEDER Zahlung, aber bitte pronto! Und schließlich sind auch diese Leute anderswo selber Kunden.

Dieser Vorgang jedoch hat mich veranlasst, dem schon lange in mir schwelenden Groll auf besondere Weise Luft zu machen: Ich habe ein Formular entwickelt und abgespeichert, mit dem ich – nur bei Bedarf – auf derartige Bewertungsforderungen reagieren werde. Zur eventuellen Nachahmung gebe ich es hier gerne weiter:

noé
Kunden-Nr.: X0008761
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Mit freundlichen Grüßen
Ihre Kundin
noé

Einmal habe ich es schon verwendet und natürlich keinerlei Reaktion darauf bekommen, also auch keine Bewertung. Selbst, wenn es in der „runden Ablage“ gelandet ist, setzt es vielleicht doch bei dem einen oder anderen jeweiligen Mitarbeiter etwas in Gang – bis zur Geschäftsleitung? Wer weiß …

© noé/2018

Interne Verweise

Kommentare

27. Jan 2018

Kundenbefragerei wirkt kontraproduktiv -
Dein Formular jedoch ist kreativ!
(Ich soll zum HÖRTEST - permanent -
Als ob man dort die Krause kennt ...)

LG Axel

27. Jan 2018

Literarisch angemessen auf den
Punkt gebracht
ist diese Kritik!

LG Yvonne