Der 17-Kronen-Tag - Page 2

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auf den Shetlands. So sollte der neue König in die Fußstapfen seines Vorgängers treten. Symbolisch.

Auf dem Hügel von Dunadd sollte die große Zeremonie stattfinden, direkt neben dem felsigen Fußabdruck. Dunadd (auch Dunadd Fort o. Dunadd Hillfort, eigentlich aber ursprünglich Dun Add) liegt westlich des Flusses Add, nördlich von Lochgilphead, und südlich von Kilmartin, nahe dem River Add, dem Namensgeber für Dunadd, in Argyll and Bute (Schottland), auf einem etwa 50 m hohen Felsen.

Am frühen Morgen des 31. Oktober 848 stand König Kenneth auf diesem Hügel, sah die lange Reihe der Gäste, auf den Pferden und in römischen, gefederten Reisewagen, in gewaltiger Zahl, denn alle brachten ja auch ihre Gefolgschaft und die Bediensteten mit, langsam näherkommen. Er trug sein bestes und teuerstes Wams, hatte edelste Beinkleider und einen erlesen schönen Mantel an. Stolz trug er die Königskrone des Reiches Alba. Bald würde er sie mit der Kaiserkrone tauschen. Er lächelte zufrieden.

Gemessenen Schrittes näherten sich, vorgeblich unterwürfig, die vielen Könige und Herrscher. Als, etwa gegen Mittag, alle auf dem Felsen Platz gefunden hatten, alle Pferde versorgt, alle Kehlen benetzt und sämtliche Mägen mit einem kleinen Happen befüllt worden waren, hob König Kenneth das Widderhorn an die Lippen und stieß in seliger Vorfreude auf die Feierlichkeiten hinein. Glücklich hatte er bemerkt, dass alle 16 Machthaber eine Kiste in Händen hielten. Eine jeweils recht große Kiste. Es waren wohl die Geschenke für ihn. Eitel Gold, wunderbare Preziosen, edle Pelze und sicher auch die feinsten Gewürze.

Er brüllte: „Aus jeder Gemarkung erschien einer der Könige, der Fürsten, und einige der weiteren Edelleute, die nunmehr Zeugnis ablegen sollen. Ich werde mich, vor all Euer Augen, in einem Akte der Selbstkrönung, hiermit vom König zum Kaiser krönen. Heute ist Inaugurations-Tag für Kaiser Kenneth I, dem Beherrscher aller Schotten und Pikten. Ich bin der Kaiser! Der Herrscher bin ich!“ Und er entnahm die kaiserliche Krone dem dargereichten Samt-Kissen, wunderprächtig anzuschauen, wollte sie sich gerade aufs Haupt stülpen....

Da trat Aedh, der Weißfuß, vor und brüllte: „Nein, das einzig wahre Recht auf diesen Thron besitze nur ich!“ Und er entriss seinem Kästchen eine Krone, die er sich recht flott auf den Kopf stülpte. Verblüffung bei Kenneth. Etwas unsicher setzte er seine Krone reichlich schief aufs Haupt.

Nicht faul, trat Eochaid vor, entnahm seinem Kästchen eine Krone und setzte sie sich auf: „Der Kaiser kann nur ich alleine sein!“ Unruhe. Kenneth zog seine Stirn in Falten. Dieser große Tag verlief bislang rein gar nicht nach seinen Wünschen.

Als dann auch noch die Könige Giric, Konstantin und Donald zusammen kreischten und brüllten, es sei IHR alleiniger Herrschaftsanspruch, der sie hier die Regentschaft antreten lasse, kamen tumultähnliche Zustände auf. Alle 16 Anwesende hatten jetzt die Kronen aus ihren Kisten genommen und sie sich auf den Kopf gesetzt. Zusammen mit Kenneth I. (der hatte seine Kaiserkrone recht kläglich und schief auf dem Haupt platziert) hatten wir hier nun 17 neue Kaiser. Das ist in dieser Form in der Geschichte der Menschheit nie wieder vorgekommen. Auch zuvor hatte es so etwas noch nie gegeben. Ein recht klägliches, hohes Stimmchen aus dem Hintergrund tönte noch abschließend: „Ich bin der legitime Herrscher übers ganze Reich!“ (Wobei sich alle 16 nun ihm zuwandten - und ihn mit einem Blick bedachten, der ihn, es war König Indulf, der Verzagte, später dazu brachte, sich als Leibeigener im Vorläufer des ostslawischen Großreiches Rus, mehr schlecht als recht zu verdingen. Seine Spuren verlaufen im Sande) Auch Dubh und Culen protestierten mächtig, und wurden zum Schweigen gebracht. Durch wen??

Ein schmächtiger Bursche namens MacBheatha mac Fhionnlaigh, spindeldürr und so rein gar nicht mächtig wirkend, trat vor und rief: „Zu viele Kaiser zerstören das ganze Reich, Ihr Herren! Da soll er also stehen, Euer neuer Kaiser?“ Und Macbeth deutete auf Kenneth. „Dort also? Ich denke nicht, dass dies Euer neuer Kaiser ist!“ Auch der blutjunge Lulach meldete sich zu Wort: „Recht mag er haben, der Jüngling MacBheatha mac Fhionnlaigh, grundsolide sein Wort, und stolz seine Haltung! Respekt mag man ihm zollen für sein hehres, mutiges und besonnenes Wort!“ Und Lulach schlug vor, nun mögen doch bitteschön alle 17 ihre Kaiserkronen abnehmen und endlich zur Vernunft kommen. Es genüge doch letztlich ein König für jede Gemarkung. Mit einem Obermotz, dem Beherrscher des Königreichs Alba. Und er zeigte auf den verlegen grinsenden Kenneth. „Einen Kaiser? Den brauchen wir nicht! Und schon gleich keine 17 davon! Auf zu Tanz, Trunk, Tamtam! Wein, Weiber und Whisky her...“

Man einigte sich auf eine Orgie im Königshof zu Dalriada, bei bestem Whisky und zünftigem Schmaus. Jeder König mag doch König bleiben, solange er nur will. Bis... bis auf Indulf natürlich, den es ins Kiewer Rus verschlug. Das war keine leichte Zeit dort. Es gab keinen Whisky, nur schwere Arbeit, Spott und Hohn. Der Verzagte versagte auf ganzer Linie. Schließlich verstarb er, völlig verarmt. Seine letzten Worte sollen gewesen sein:

Rìoghachd airson crùn ---

Das ist Gälisch und bedeutet, in etwa: Ein Königreich für eine Krone!

Kenneth I. blieb also Herrscher der Pikten und Schotten, aber er blieb auch, leider, ohne die erhoffte Beförderung zum Kaiser. Ein einfacher König, umphh... Er zeigte sich ab dem 1. 11. 848 etwas verschmollt, sowohl im Umgang mit den Untertanen, als auch im weiteren Verlauf im Umgang mit den anderen 15 Königen, Herrschern, denn Indulf, den Verzagten, gab es ja nicht mehr. Der hatte sich während des Inaugurations-Tages davon gemacht. Und er ward nie wieder in Schottland gesehen. Nur so konnte er der Hinrichtung entgehen.

Am 02.11.848 n. d. Z. wurden alle 17 zuvor neu gefertigten Kaiserkronen gesammelt und in einem hierfür eigens gefertigten Saal im Schlosse des Königs Kenneth I. sehr sorgsam arrangiert ausgestellt. Im Scone Palace, auf dem Moot Hill, nahe der Stadt Perth, heute die Heimstatt der Earls of Mansfield, sind diese 17 Kronen noch immer zu bewundern. Besonders eine sticht hervor: Die eigens gefertigte, wunderschöne, herrliche anzusehende, etwa auf einen Wert von 1,9 Mio. Pfund geschätzte Kaiserkrone Kenneth I. Sollten Sie jemals Perth besuchen, müssen Sie auch die 17 Kronen im Scone Palace sehen! Und quasi nebenan finden Sie dann auch den „Stone of Destiny“. Geschichtsträchtiger kann kein Stein in Schottland sein. Und am 27.04.849 n. d. Z. einigten sich wirklich alle auf den neuen (und alten) Stand der Dinge: Viele Könige, und ein Oberkönig.

An jedem 27.04. wird daher in ganz Großbritannien, und selbstverständlich auch in allen Commonwealth-Staaten (Ausnahmen bilden da leider Ghana, Kiribati, Samoa, fragen Sie mich bloß nicht, warum dem so ist!), der 17-Kronen-Tag gefeiert, der ja, so richtig streng genommen, nur ein 16-Kronen-Tag sein dürfte. Einige Hardcore-Fans in Schottland, Puristen genannt, tragen zum 17-Kronen-Tag nur Hüte, die mit einer güldenen "16" geziert sind. Wenn sie dann auf die "Truth Keeper" treffen, die das "Einzig Wahre" in sich tragen, und die selbstredend auf ihren Mützen, Kappen und Hüten die goldene "17" spazieren tragen am 17-Kronen-Tag, kann es schon mal zu Whisky geschwängerten, harten Auseinandersetzungen kommen. Haben Sie schon einmal Kilt tragende Männer mit gewaltigen Backenbärten, lustige Papierkronen tragend, aufeinander einschlagen gesehen? Nein? Das muss man auch wirklich nicht erleben.

Nachwort:

Kenneth I., geboren um 810 n. d. Z., gestorben 858.

Das von dem Skoten Kenneth aus dem Clan der MacAlpins gegründete Reich Alba war die Keimzelle des späteren Schottlands, und er selbst wurde zum Stammvater des Königshauses MacAlpin, das erst im Jahr 1058 nach der Zeitrechnung mit König Lulach endete. Der gute Kenny wurde auf der Insel Iona begraben. Sein Bruder Don I. folgte ihm, gemäß des alten Tanistry-Brauches, auf den Thron. Zur Inauguration trat Donald I. in die steinernen Fußstapfen auf dem Hügel zu Dunadd. Geschichte. So lebendig, so schräg, so wunderbar. Haben Sie schon Ihre Papierkrone für heute? Der 27. April 2020 sollte auch Ihnen ein echter Feiertag werden. Sie sollten Whisky kaufen gehen, denn ein anderes Getränk wird nicht akzeptiert!!

Man isst heute gern Getreidegrütze, trinkt (ausschließlich schottischen) Whisky, wirft mehrere Kleinmünzen in die Luft (das soll Glück bringen; man darf sie aber danach nicht wieder aufheben!), und ruft entfesselt: „Three cheers for 17 crowns!“ Für jede Krone ein Shot (ein kleines Glas Whisky)! Halten Sie durch? Lang lebe der 17-Kronen-Tag! Oder, falls Sie Purist sind: Lang lebe der 16-Kronen-Tag! Den meisten ist es egal, wieviele Kronen gefeiert werden. Hauptsache ist die Trunkenheit!

Papierkronen finden Sie in jedem gut sortierten Fachgeschäft für die 17-Kronen-Feierlichkeiten in nahezu allen europäischen Ländern. Ohne Krone keine Feier

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