Schokolade - und (k)ein Ende - Page 2

von Monika Laakes
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Gelegenheiten zugelegt hatte. Die Hose saß knapp, das Hemd machte Schwierigkeiten. Wotan fischte nervös nach der Schokolade. Der gepflegte Herr braucht zur Steigerung oder Erhaltung seiner Attraktivität schon eine gute Stunde. Nun wurde die Zeit knapp.
Wotan stöberte nach seinem Hausanzug. Verflixt, wo war nur dieser Hausanzug? Mit hochrotem Kopf zerrte er an einem schwarzseidenen Kleidungsstück. Seide war angesagt. Seide musste es sein. Seide, Sinnbild von Luxus. Mit seinen achtundfünfzig Jahren war Wotan noch ein begehrenswerter Mann. Kultur und Intellekt als gesunde Mischung in einem leistungsfähigen Körper. Welch junger Schnösel mochte es wagen,
ihm ins Gehege zu kommen? Seine kleine Mira, dieses witzige, junge Ding, gab ihm die Zeit zurück, die die Natur ihm abzuzwacken versuchte. Wotan brauchte keine Reisen. Wotan hatte den Jungbrunnen vor der Tür.
Eine Klingel, scharf wie ein Messer, stach sich durch den Vorraum, den langgezogenen Flur, ins Schlafzimmer und in sein Ohr. Rasch im Vorüberhasten noch einen Riegel Schokolade ergattert. Schwungvoll die Türe geöffnet.
"Mira!"
"Oh, nicht so fest, Du erdrückst mich ja", hauchte die Frau.
Diesmal bot sein Bauch keinen Widerstand, er hatte ihn, als er die kleine Person an sich drückte, einfach vergessen. Und die restliche Schokolade blieb bis zum nächsten Morgen unberührt.

Wieviel Flugstunden braucht man von D. nach Peru?
Eintauchen in eine fremde Welt. Aufregende Gerüche einer unbekannten Süße, Sattheit und Moder, Stimmengewirr, beinahe beängstigend und fremd. Dann Bildausschnitte einer Film- oder Fernsehreportage - life.
Nochmal hınschauen, um die Moglichkeit eines Irrtums auszuschließen. Peru - life. Eintauchen in eine andere Welt.

Wotan verbrachte Stunden um Stunden. Der Geruch einer Süße und Sattheit machte sich im Zimmer breit. Wotan vergaß Peru.
Als dann das Telefon durchs Haus schrillte, merkte er, dass sein Wecker versagt hatte. Ein Mann braucht schließlich nach so viel ausgepumpter Energie ein-Quentchen Schlaf, denn er hatte sich in der Nacht gehörig verausgabt. Das nimmersatte Busenwunder neben ihm schlief, trotz des penetranten Telefons, trotz der Helligkeit im Zimmer, wie ein narkotisiertes Wesen. Wotan schlurfte mit weichen Knien zum Telefon.
"Ich bin's, Denies. Wollte nur Bescheid sagen, dass alles wie geplant läuft. Bin gut angekommen und untergebracht. Rufe bald wieder an. Denke an Deine guten Vorsätze. Nur eine Tafel Schokolade pro Tag. Bis bald, mein Lieber."
"Hallo, hallo Denies!" brüllte Wotan in den Apparat, doch Denies hatte aufgelegt.

Inzwischen hatte Wotan 12 Tafeln Schokolade, übrigens seine Lieblingsmarke, extra dick mit besonderem Schmelz auf der Zunge, verspeist.
Ausserdem fühlte er sich verpflichtet, vom ersten Tage abgesehen, sich an die gewünschte Tagesration zu halten, da er die Hilfe Miras mit Begeisterung annahm und diese Ablenkung auch seine oralen Bedürfnisse gut und gerne stillte.
Dieser Novembertag, der übrigens der Vorstellung eines Novembertages gerecht wurde, hatte den Bungalow eingenässt, und es fand sich nur unter dem ins Haus gebauten Eingangskarree eine trockene Stelle. Wotan hastete von seiner Garage über den Kiesweg an den Blumenbeeten vorbei zur Türe. Seine braunen Haare, die sich kranzförmig um den Kopf legten, trieften vor Nässe, und der blanke Schädel glänzte wie eine polierte Kugelleuchte.
Das Telefon schrillte, lang anhaltend.
"Hier Wotan Bolster", polterte er in den Apparat.
"Denies hier, ich bin's. Hast Du schlechte Laune?"
"Schon gut, es ist nur das Wetter. Was machst Du jetzt. Wie geht es Dir?"
"Prächtig. Wollte nur nachfragen, ob alles in Ordnung ist. Wollte Dich hören. Bitte Wotan, denk an die Schokolade. Nicht mehr als eine Tafel pro Tag."
Du meine Güte. Sıe gab sich solche Mühe mit ihm. Jeden dritten Tag rief sie an. Blitzgespräche vom anderen Kontinent, Sorge um den Daheimgebliebenen, liebe Grüße. Bis auf die ersten Jahre war die Bemühung um ihn nie so groß gewesen. Wotan lächelte, und seine runden Augen bekamen die dazugehörenden tiefen Falten. Wotan hatte ein großes Herz, das sich in viele Teile zerlegen ließ. Eines hatte er jedenfalls für Denies reserviert, und nie und nimmer, so schwor er, dürfe sich das ändern. Die anderen Teile ließen sich über die Jahre, je nach Lust und Laune, neu besetzen.
Nun federte Wotan wie ein Riesenball drei Treppen abwärts durch das weiträumige Wohnzimmer, drei Treppen aufwärts, den Flur entlang zum Bad. Gestern noch hatte er sich einen Tag Ruhe gegönnt, doch auf diesen Abend freute er sich wie ein Baby. Das Schlafzimmer wohltemperiert, die Betten frisch mit Seidenwäsche bezogen, oh, diese Frau Mantau, eine unentbehrliche und verschwiegene Person, ein wahrhaft guter Hausgeist, auch für sie hatte Wotan ein winziges Stückchen Herz parat.
Wie rasch sich doch so ein duftendes und glattgebügeltes Bett in eine Knitter- und Faltengrube verwandeln lässt. Nun lag Wotan ermattet neben Mira und schob ihr zärtlich einen langen Riegel Schokolade in den Mund.
Für sie hatte er, trotz guter Vorsätze, die zweite Tafel angebrochen. Allerdings sollte diese nur für Mira sein. Langsam, mit einem saugenden Geräusch, verschwand der Riegel zwischen den vollen Lippen und hinterließ einen kleinen Rand, der sich wie ein Ring um den Mund legte. Mira sprach gewöhnlich wenig. Jedoch war sie ansonsten eine aktive Frau. Wotan war zufrieden, und so ließ er sich mit Schwung und Genuss in den Schlaf bringen.

Mira schlummerte. Der Wecker stieß hässlıche Töne aus, das Morgenlicht warf unfreundliche Helligkeit ins Zimmer und Mira schlief wie ein Stein.
Wotan hatte lange stillgelegen und auf den üblichen Morgenkuss gewartet, auf das Rascheln und Summen und Klappern in der Küche, auf den Kaffeegeruch und auf "Liebling komm, das Frühstück wartet ." Doch Mira schlief.
Wotan strich über die langen, blondierten Haare, wanderte mit der Hand abwärts über den Hals und weiter, wühlte sich ins weiche Voluminöse.
Jedoch keine Reaktion. Wotan schüttelte den Körper, der sich nur zäh und schwer bewegen ließ. Sein Gehirn registrierte, 'etwas hatte sich verändert'.
Wotan fühlte den Puls, legte seinen Kopf dorthin, wo er das Herz vermutete, zog mit Daumen und Zeigefinger ein Auge auf. Und jetzt züngelte die Gewissheit wie eine giftige Schlange durch seıne Gehirnwindungen.
Mira war tot!
Ein Stückchen Herz wartete auf eine neue Besetzung!

Von Jugend an hatte Wotan es vermieden, sich einer körperlichen Anstrengung auszusetzen, es sei denn, sie verbände sich mit einem ungeheuren Lustgefühl. Nun schwang er mit einem verbissenen Überlebensdrang die Spitzhacke, die sonst sein Gärtner benutzte, um den aufgeweichten und schweren Waldboden zu lockern. Dabei behinderte ihn die Dunkelheit. Er hatte Mühe, die aufgelockerte Stelle zu treffen, und so lockerte er

Veröffentlicht / Quelle: 
1990 in Bolero und Peitsche

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Kommentare

27. Okt 2016

Diese subtil aufgebaute Spannung ist großartig. Der Bogen hält sich bis zum Schluss. Ich gestehe, während des Lesens bin ich in die Küche gegangen und habe mit ein Stück Schokolade geholt.
Herzliche Grüße, Susanna

27. Okt 2016

Die Kommentare gefallen mir sehr,
da fällt mir das Danken wirklich nicht schwer.
Merci an Axel und Susanna. Bitte nicht an der Schokolade verschlucken.
LG Monika

27. Okt 2016

Hat Spaß gemacht. Und Schokolade geht immer :-)

Liebe Grüße Lisi

27. Okt 2016

Hat Spaß gemacht. Und Schokolade geht immer :-)

Liebe Grüße Lisi

28. Okt 2016

Hat mir auch Spaß gemacht, Eure Kommentare zu lesen, lieber Alfred, liebe Lisi. DANKESCHÖN.
LG Monika
Auch bei allen, die geklickt haben, ein fettes MERCI.

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