Der Zimmerer/ Ein modernes Märchen

von A. d. Tiefe
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*Eigentlich fand niemand sie in den helllichten Tagen, doch sofern die Sonne unterging, rief er sie hervor, die zarten, ohne ihn wohl nie Gewesen. Sie kamen nicht ratlos, so wie er, denn sie taten ihre Schritte erhaben in seichte Wässer, sodass ihre Spiegelung es eben war, bescheiden ist das jedes Mal gewesen. Er war einer der schon sehr jung begann zu sagen, alles war früher schöner. Das unerträgliche an einer glücklichen Zeit wird immer sein, dass sie gewesen ist. Darum fühlte er sich wohl in allem zwischen den Dingen. Diesen Dingen, die einen Namen trugen, an dem man sie erkannte und die sich gewiss waren, zwischen ihnen unter sich kann kein genanntes mehr sein. Doch er fand die umgetauften, die so kamen wie es ihnen niemand verbot, diese Dinge waren unersetzlich, aber gingen sie frei durch die Lande und winkten ihm zum Gruß, da hat er jedesmal gelacht und ihnen entgegengerufen, wild und frei vor seinem Eigen. So fand er einmal wieder diese Dinge zwischen den Städten, als er auf Reisen war, der kleine Zimmerer. Da gab es schon einen Zug oder große Busse, in die er hätte steigen können, doch er nahm den selben Weg allein bei einem Fremden mit im Wagen. Er war nicht auf dem Weg nach Hause, obwohl er von der Arbeit kam, sein Feierabend wurde ihm eins auf dem Weg, als sei er sein Beruf gewesen, so kam er an. Der kleine Zimmerer öffnete endlich seine Augen, nachdem er ausgestiegen war. Sein fremder Fahrer musste sich gewundert haben, die ganze Fahrt, ich hatte da fast gedacht, er sei bloß aus Scheu so still geblieben, die ganze Fahrt. Jetzt ist er vielleicht niemals da gewesen, der Fremde, die ganze Fahrt. Der kleine Zimmerer wusste je auch um Niemanden. Er ließ einen einsamen Wagen hinter sich, auf der Straße, vorbei fahren, den nur ein möglicher Fremder vielleicht um die nächste Straßenecke biegen ließ, denn auf einmal war er verschwunden und der kleine Zimmerer war wieder allein angekommen.
Es war wieder eine Stadt, an der er angekommen war. Da war ein Stadtrand und da war eine weite Straße, die weiter über den Rand hinein führte. So sahen viele dieser Städte aus. Und der kleine Zimmerer war ausgestreut dazwischen. Und der Tag war alt. Also ging er an der weiten Straße hinein, bis er ein Haus finden sollte, das seine Türen offen ließ, wenn er hindurch wollte. Es gab so manche dieser hier davon, aber er nahm das erste. Das war ein altes Haus. So sahen viele dieser alten Häuser aus. Seine Steine waren auf ihre Weise ungenau und die Mauern, zu denen sie gemacht ruhten, waren nicht bemalt. Da hatten einmal vielleicht große Buchstaben gehangen, die einen Namen dann ergeben haben mussten oder hat dort mal ein Spruch gestanden, dachte der kleine Zimmerer, der Schatten da verrät es und auch Schrauben sieht man noch, was haben die wohl tragen können? Der kleine Zimmerer neigte denkend seinen Kopf, als ein Anderer aus dem Haus nach draußen trat und ihn je aus allen Plänen riss. Beide zuckten sie zusammen, wie sie sich entdeckten und vergaßen dabei kurz einander zu grüßen, wie es zu später Stunde üblich war, da reichte beiden auch nur mehr ein Laut, der alles hätte heißen können und dann tauschten sie noch träge ihre Plätze, zögerten und dann ließ der kleine Zimmerer den Anderen doch draußen stehen, allein. Das Wirtshaus oder das Stammlokal stand auch, im Haus selbst, wie ein Wagen auf der Straße davor einfallslos abgestellt, aber der Ofen schien in Betrieb genommen worden zu sein und so kehrte man doch gerne ein. Nur da saßen wieder fremde Andere und sie sahen nicht mal auf, sowie der kleine Zimmerer sich seinen Platz zu suchen begann und blieben starr in ihrer Runde. Also bestellte, trank und aß er für sich allein gleich am ersten Tresen und das Gericht schmeckte ihm trotzdem sehr, ja, er hatte ganz vergessen, dass er so hungrig war, die ganze Fahrt schon, so schlang er gierig und dachte sich nichts dabei, denn ihm war wohl ums Herz mit einem mal. Und dann bestellte er noch mehr und trank dazu so viel er konnte, bis ein Wort gewordener Ton ihn sich verschlucken ließ.
Weißt du, was du gerade isst, fragte eine tiefe Stimme hinter der Theke vor ihm. Er hielt an, blickte aber nicht auf. Ein Anderer hatte sich wohl ganz nah vor ihm platziert und fuhr fort. Weißt du welchem Vogel oder welchem anderen Tier das Leben, mit dem es dieses Fleisch durch die Welt getragen hat, gehörte, in das du gerade beißt?
Der kleine Zimmerer überlegte erst, um dann den Kopf schütteln zu müssen. Welches Tier schmeckt so wie dieses, oder sind sogar zwei verschiedene in einem Topf gekocht worden, fragte der Andere weiter. Der kleine Zimmerer besah seinen Teller und hörte sich die Fragen weiter an. Hast du so ein Fleisch überhaupt schon einmal geschmeckt, es könnte das erste mal sein, dass du ein solches isst, ich hoffe doch es bekommt dir auch.
Kurz blieb eine Pause da, dann atmete der Andere rasch, um erneut zu fragen, doch da brach die andere Runde der anderen Fremden an hinteren Tischen der Stube auf, durch ein Raunen, das zur Stille riet. Der kleine Zimmerer wand sich nicht um. Die Stille hauchte kühl durch den beheizten Raum in seinen Nacken und setzte sich dort ab. Er blickte immer noch nicht auf, ja, lieber blieb er bei diesen fremden Fleischstücken auf seinem Teller, die zerstochen Soße zogen, sie waren ihm hier am vertrautesten geworden. Und so schwiegen alle Anwesenden. Der Andere vor ihm ließ auch das Fragen nun und kramte ansonsten hinter den Gläsern und Geschirrren umher. Der kleine Zimmerer blickte einmal auf, er hatte gedacht, diesen anderen unbemerkt betrachten zu können bei dessen tun, doch in diesem Augenblick hatte dieser dort dies wohl auch gedacht und so gingen sie einander Aug in Aug. Das war dem kleinen Zimmerer nicht angenehm. Er merkte, dass er etwas nicht begreifen sollte. Das sagten ihm diese fremden Augen so genau, indem sie

Text von 2014

Abbildung eines unMenschen Kostüme

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