Reise nach Fäkalien

von Lothar Peppel
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300 Kilo Kacke. Grob übern braunen Daumen gefühlt. Circa Sechs Zentner an nicht resorbierten Verdauungsresten habe ich also gefühlsmäßig über mit Rollstühlen verbarrikadierte Flure geschleppt, seitdem ich nun etwas über 6 Monate in der Altenpflege arbeite. Schieber werden nämlich, obwohl ihr Name gänzlich anderes verspricht, weit mehr getragen als geschoben. So gesehen müssten sie eigentlich Träger heißen. Doch auf den Träger darf man nicht scheißen. Denn was Pflegeheime betrifft, ist der Träger stets eine natürliche oder juristische Person, welche das Pflegeheim betreibt. Die kommen mit Stuhl eher wenig in Berührung. Mehr mit Sesseln. Und fachlich korrekt heißen ja Schieber auch gar nicht Schieber, sondern Steckbecken. Wohl, weil man sie unters Becken steckt. Was jetzt natürlich nicht bei Bauchschläfern funktioniert. Da muss man sie draufstellen. Wobei ich hier fachlich durchaus um einiges daneben liegen kann. Wie gesagt: sechs Monate. Manche sagen zum Steckbecken ja auch Bettpfanne. Was als Bezeichnung aber sowas von daneben ist. Geriatrische Fake News. Ich selbst habe nämlich noch nie ein Steak darin vorgefunden. Auch keinerlei Spuren von Röstaromen. Immer nur das Gegenteil. Und Steaks gibt's im Pflegeheim sowieso eher selten. Weil alles, was fester ist als Weißbrot ohne Rinde, hebelt gemäß Hebelgesetz zu oft Zahnprothesen aus. Was dann dazu führt, dass man Zahnersatz auf oder unter Küchentischen, in den unterschiedlichsten Tiefen von Klosettschlüsseln, oder auch in geheimnisvollen Matratzenritzen wiederfindet. Bestenfalls gleich neben dem Hörgerät. Denn alles, was nicht organisch mit dem Senior verschraubt ist, geht über kurz oder lang verloren. Man fällt im Alter eben auseinander. Haare. Zähne. Erinnerungen. Und man höhlt nach und nach aus. Wie ein Sandsack, dem eine Naht aufgeplatzt ist. Und das, was dann noch übrig bleibt, geben die Kinder im Pflegeheim ab. Aber nicht etwa, um es Tag für Tag nach Feierabend schön wieder abzuholen. Nein. Kevin bleibt allein zu Haus. Auch wenn er in diesem durchaus Duftbäume aufhängen könnte. Denn Senioren neigen nicht zum lüften. Wegen der Kälte. Besonders im Sommer. Und aus diesem Grund, den ich selbst wohl erst in ein paar Jahrzehnten nachvollziehen kann, sitzen sie auch an heißesten Juli-Tagen mit Strickjacke im ungelüfteten, an eine finnische Sauna erinnernden Zimmer und lassen sich bis knapp vor die Kernschmelze aufgeheizte Körnerkissen bringen. Da die Fenster also selten geöffnet werden, füllen sich die Zimmer sehr schnell mit Individuellem. Also Geruch. Man öffnet die Tür und weiß sofort, welcher Bewohner dahinter friert. Angebrannte Kartoffelecken mit einem Hauch Sofaleder: Herr X. Vergorene Fischsuppe in einer Wolke Kölnisch Wasser: Frau Y. Man erkennt seine Pappenheimer olfaktorisch. Auch nachts. In ohne Licht. Und selbst wenn von draußen die Zahnfee daran klopfen würde, um mal ausnahmsweise Vierte Zähne vorbei zu bringen: das Fenster bleibt zu! Denn irgendwie hält sich unter den Bewohner wohl hartnäckig das Gerücht, dass durch Zugluft regelmäßig Senioren aus der Einrichtung heraus geblasen werden. Insgesamt zeichnet sich ein langjähriger Pflegehelfer also wohl zuallererst durch die Fähigkeit aus, möglichst lange die Luft anzuhalten. Wie beim Apnoetauchen. Bei diesem geht es nämlich darum, mit einem einzigen Atemzug möglichst lange unter Wasser zu bleiben. Dieses gilt es aber hartnäckig zu trainieren. Luft holen ist dabei genauso dämlich wie sein Gegenteil. Und so, wie ein Apnoetaucher ohne Übung ohnmächtig auf den Meeresboden sinken kann, liegt unsereins dann untrainiert vielleicht besinnungslos mit dem Gesicht im Steckbecken auf dem Boden von Zimmer 12. Auch wenn man als Pflegekraft durchaus auch für ein gutes Maß an Unterhaltung zuständig ist. Humor hält ja bekanntlich gesund. Und was ist schon schöner, als wenn man mit einem Lächeln belohnt wird. Auch wenn die Mundhöhle schwarz und leer wie ein Blick in den Gotthardt-Tunnel bei Stromausfall. Und schon in ein paar wenigen Jahren bin ich es dann, der frierend, nach sich riechend, zahnlos nach dem Schieber klingeln wird. Und von wegen Lächeln: ich scheiß euch was. Mindestens 300 Kilo.

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