Bäume sind anders

von Annelie Kelch
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Bäume sind anders

Ich erinnere mich noch gut an jenen Tag, als meine Mama still und heimlich meinen Lieblingsteddy „Brumm“ verschwinden ließ, der mich auf allen Wegen begleitet hat. Schon damals war ich mir ganz sicher, dass sie ihn mit dem Hausmüll entsorgt hat, weil er nicht mehr so schön und sauber war wie am Anfang, als ich ihn geschenkt bekam.
Mama wollte mir weismachen, Brumm sei in die weite Welt hinausmarschiert, um nach einer Frau Ausschau zu halten; aber das konnte ich mir nicht vorstellen: Nie und nimmer hätte Brumm mich verlassen, ohne mir nicht wenigstens Lebewohl zu sagen; und eine Frau wollte er schon gar nicht: er hatte ja mich.

Ich war stinksauer auf Mama und nur noch am Heulen, so sehr vermisste ich das putzige Zottelkerlchen.

„Sei tapfer, Eddalein; sei wie ein Baum“, sagte Papa, der meine Tränenflut nicht länger ertragen konnte. „Bäume verlieren jedes Jahr ihre Blätter, die sie ebenso lieb haben, wie du deinen Brumm lieb hast; aber sie zeigen ihre Tränen nicht, bleiben stolz und unerschütterlich. Bäume sind Helden! Sei auch du eine Heldin, meine Edda.“

„Ich will aber keine Heldin sein", Papa, schluchzte ich. „Ich will meinen 'Brumm' zurück. Und Bäume sind auch keine Helden. Bäume sind anders als Menschen. - basta!“

2013 Annelie Kelch

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