Morgenblut

von Annelie Kelch
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Wieder ein junges Jahr – die alten Gedichte:
Meine gestrigen Worte flehen
um neues Gehör.
Ich grabe sie mit nackten Händen
aus dem Flussbett der Nacht

und bringe sie alphabetisch
in Reih und Glied und zur Raison.
Nun hügeln sie wieder im Diesseits
und füllen mein Herz.

Nein, du musst nicht sterben,
damit ich dich lieben kann.
Wirf deine Seele zu meiner,
sie ruht in der Mandel und wartet.

Ach, nach dem elterlichen Verhör
(Wo – warst du – mit wem – bis jetzt?)
breitet sich wieder das alte eisige Schweigen aus ...
wie eine stillgelegte Kaserne –
So reden nur Steine, mein Herr.

In der Schwebe ist alles Gesagte ...
Getan wurde viel; aber es rostet bereits.
Grünspan – aus meinem Wecker quillt
rot morgens das Blut; Es ist der Dorn
der Zeit, der mich sticht.

Quelle: pixabay, verändert; copyright: Annelie Kelch
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Kommentare

14. Jan 2018

"Ich grabe sie mit nackten Händen aus dem Flussbett der Nacht"- dein Prosagedicht ist wunderbar plastisch fromuliert, Annelie ... auch mich sticht der Dorn der Zeit ohne Unterlass, ich sehe ihn vor mir ...

Liebe Grüße - Marie

14. Jan 2018

Dank, Dir, o liebe Marie, für Deinen Kommentar, mir pflichtend bei:
Der Zahn der Zeit, er schmerzt und sticht - und lässt uns nimmer frei.

Liebe Sonntagsgrüße und angenehme Lektüre der FAZ,
Annelie

14. Jan 2018

Hier auch die Poesie besticht -
Wie sie den Zahn der Zeit schier bricht!

LG Axel

14. Jan 2018

Dank, Dir, o lieber Axel, für den bestechenden Kommentar:
Er war - wie stets - bis in die kleinste Silbe - MOLE KULAR.

LG Annelie

14. Jan 2018

Den und einen schönen Abend wünsche ich Dir auch, liebe Sabrina.

LG Annelie

15. Jan 2018

>Es ist der Dorn der Zeit, der mich sticht.<
Schon diese Aussage, liebe Annelie, berührt mich sehr,
und ich bedanke mich für dies starke Gedicht.

Beruhigende Grüße in den stürmischen Abend,
Monika

15. Jan 2018

Danke, liebe Monika. Ja, es ist bereits etwas stürmisch heut (was sich in den nächsten Tagen noch steigern soll), und es schneit ein wenig hier. Aber der Schnee bleibt nicht liegen. Ich freue mich sehr, dass Dir mein Gedicht gefallen hat und danke Dir fürs Lesen und Liken.

Ganz liebe Grüße zu Dir und Khalessi,
Annelie

15. Jan 2018

Hier stürmt und regnet es unentwegt. Muss gleich mit Khalessi raus. Bin sehr viel unterwegs, denn ein so junger Windhund braucht viel Bewegung. Zudem kämpfen wir mit ihrer Angstneurose. Danke, liebe Annelie, für Deine Grüße - auch an Khalessi.

LG Monika + Khalssi