Franz Kafka an Milena Jesenská

von Franz Kafka
Aus der Bibliothek

Prag, Ende März 1922

Nun habe ich Ihnen schon so lange nicht geschrieben Frau Milena, und auch heute schreibe ich nur infolge eines Zufalls. Entschuldigen müßte ich mein Nichtschreiben eigentlich nicht, Sie wissen ja, wie ich Briefe hasse. Alles Unglück meines Lebens - womit ich nicht klagen, sondern eine allgemein belehrende Feststellung machen will - kommt, wenn man will, von Briefen oder von der Möglichkeit des Briefeschreibens her. Menschen haben mich kaum jemals betrogen, aber Briefe immer und zwar auch hier nicht fremde, sondern meine eigenen. Es ist in meinem Fall ein besonderes Unglück, von dem ich nicht weiter reden will, aber gleichzeitig auch ein allgemeines. Die leichte Möglichkeit des Briefeschreibens muß - bloß theoretisch angesehn - eine schreckliche Zerrüttung der Seelen in die Welt gebracht haben. Es ist ja ein Verkehr mit Gespenstern und zwar nicht nur mit dem Gespenst des Adressaten, sondern auch mit dem eigenen Gespenst, das sich einem unter der Hand in dem Brief, den man schreibt, entwickelt oder gar in einer Folge von Briefen, wo ein Brief den andern erhärtet und sich auf ihn als Zeugen berufen kann. Wie kam man nur auf den Gedanken, dass Menschen durch Briefe miteinander verkehren können! Man kann an einen fernen Menschen denken und man kann einen nahen Menschen fassen, alles andere geht über Menschenkraft. Briefe schreiben aber heißt, sich vor den Gespenstern entblößen, worauf sie gierig warten. Geschriebene Küsse kommen nicht an ihren Ort, sondern werden von den Gespenstern auf dem Wege ausgetrunken. Durch diese reichliche Nahrung vermehren sie sich ja so unerhört. Die Menschheit fühlt das und kämpft dagegen, sie hat, um möglichst das Gespenstische zwischen den Menschen auszuschalten, und den natürlichen Verkehr, den Frieden der Seelen zu erreichen, die Eisenbahn, das Auto, den Aeroplan erfunden, aber es hilft nichts mehr, es sind offenbar Erfindungen, die schon im Absturz gemacht werden, die Gegenseite ist soviel ruhiger und stärker, sie hat nach der Post den Telegraphen erfunden, das Telephon, die Funkentelegraphie. Die Geister werden nicht verhungern, aber wir werden zugrundegehn.

Ich wundere mich, dass Sie darüber noch nicht geschrieben haben, nicht etwa, um mit der Veröffentlichung etwas zu verhindern oder zu erreichen, dazu ist es zu spät, aber um "ihnen" wenigstens zu zeigen, dass sie erkannt sind.

Man kann "sie" übrigens auch an den Ausnahmen erkennen, manchmal lassen sie nämlich einen Brief ungehindert durch und er kommt an wie eine freundliche Hand, leicht und gut legt sie sich in die eigene. Nun, wahrscheinlich ist auch das nur scheinbar und solche Fälle sind vielleicht die gefährlichsten, vor denen man sich mehr hüten soll, als vor andern, aber, wenn es eine Täuschung ist, so ist es doch jedenfalls eine vollkommene.

Etwas Ähnliches ist mir heute geschehn und deshalb ist es mir eigentlich eingefallen, Ihnen zu schreiben. Ich bekam heute von einem Freund, den auch Sie kennen, einen Brief, wir schreiben einander schon lange Zeit nicht, was äußerst vernünftig ist. Es hängt ja mit dem vorigen zusammen, dass Briefe ein so herrliches Anti-Schlafmittel sind. In welchem Zustand kommen sie an! Ausgedörrt, leer und aufreizend, eine Augenblicksfreude mit langem Leid hinterher. Während man sie selbstvergessen liest, erhebt sich das bisschen Schlaf, das man hat, fliegt durch das offene Fenster weg und kommt lange nicht zurück. Deshalb schreiben wir also einander nicht. Ich denke aber oft, wenn auch zu flüchtig an ihn. Mein ganzes Denken ist zu flüchtig. Gestern Abend aber dachte ich viel an ihn, stundenlang, die wegen ihrer Feindseligkeit für mich so kostbaren Nachtstunden im Bett verwendete ich dafür, ihm in einem vorgestellten Brief einige mir damals äußerst wichtig vorkommende Mitteilungen mit den gleichen Worten immerfort zu wiederholen. Und früh kam wirklich ein Brief von ihm und enthielt überdies die Bemerkung, dass der Freund seit einem Monat oder vielleicht richtiger vor einem Monat das Gefühl gehabt habe, er solle zu mir kommen, eine Bemerkung, die merkwürdig mit Dingen übereinstimmt, die ich erlebt habe.

Diese Briefgeschichte hat mir den Anlass gegeben, einen Brief zu schreiben und wenn ich schon geschrieben habe, wie sollte ich dann nicht auch Ihnen schreiben, Frau Milena, der ich vielleicht am liebsten schreibe. (Soweit man überhaupt gern schreiben kann, was aber nur für die Gespenster gesagt ist, die lüstern meinen Tisch umlagern).
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Schon lange habe ich nichts von Ihnen in den Zeitungen gefunden, außer die Modeaufsätze, die mir in der letzten Zeit bis auf kleine Ausnahmen fröhlich und ruhig vorkamen, gar der letzte Frühlingsaufsatz. Vorher habe ich allerdings 3 Wochen die Tribuna nicht gelesen (ich werde mir sie aber zu verschaffen suchen) ich war in Spindelmühle.

1) Frühlingsaufsatz: Milena Jesenká, "Klobouky na jaro. Dopis z Vidně" [Frühlingshüte. Ein Brief aus Wien], in: "Tribuna", IV. Jg., Nr. 47 (2. 4. 1922), S. 1 f.g
2) Spindelmühle: Vom 27. Januar bis zum 17. Februar war Kafka auf einem Erholungsurlaub in Spindelmühle/Špindlerův Mlýn (Riesengebirge).

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