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Der traurigste Tag meines Lebens

Bild von Uwe Kraus
Bibliothek

Vater

es ist alles vergebens, ich bin sinnlos krank. Ich bilde mir ein, stimmen zu hören und kann diese nicht von realität unterscheiden. Manchmal bin ich paranoid. Meine gedanken werden schon dupliziert!

Warum, so frage ich mich, höre ich etwas, das nicht da ist. Kann vielleicht mein vater mit mir sprechen?

Sind es die unmengen an zigaretten und cola, die mich bestrafen ... mein vater wollte nicht, dass ich sauf oder rauch. Er sagte, ich hätte keinen eigenen willen. Auch mein schlechtes gewissen macht, dass es mir schwerfällt, sein ende zu verarbeiten.

Hätte ich ihn ernst genommen oder versucht, ihm zu helfen. Meine gesamte aufmerksamkeit habe ich meiner mutter geschenkt. Er saß immer abends vorm fernseher.

Ich weiß noch den tag vor seinem selbstmord – wir haben gegrillt. Er wollte sich ein frisches hemd holen. In seinem schrank waren nur vom rauch vergilbte hemden. Er war am verzweifeln. Abends dann, las ich meiner mutter vor. Dann kam auch ein länderspiel, deutschland gegen kamerun. Er wollte lieber tatort schauen und meckerte über das spiel. Mein onkel und seine frau kamen uns besuchen. Sie sprachen mit meinem vater, ob er sich umbringen wolle.

Als sie gegangen waren, meinte er zu mir: er wolle sich nicht umbringen.

Am nächsten tag stieg ich früh auf und machte kaffee. Mein vater hatte wieder nicht geschlafen und war traurig, dass ich den kaffee machte. Es sollte sein erster richtiger rententag sein ... er fluchte wie immer vor sich hin und betete stoßgebete, während er sich fertig machte. Er war wie immer um 5:55 Uhr aufgestanden. Joachim und holger sollten heute ihren ersten einstand in der firma haben. – Ich ließ damals meinem bruder den vorzug, da für mich die umschulung geplant war.

Da es mein erster freier tag war, wollte ich in meine wohnung, um einiges zu messen. Mein vater glaubte nicht, dass ich meine 42 quadratmeter leer bekommen würde. Ich sagte ihm zwar, ich würde die möbel dem sozialkaufhaus geben, doch wie immer war er sehr skeptisch. Wir fuhren zum baumarkt. Ich wollte mir umzugskartons kaufen, für meine bücher. Mein vater war am verzweifeln, weil er nicht glaubte, dass mein kleiderschrank in mein zimmer bei meinen eltern passte.

Eigentlich war geplant, dass ich mein zimmer leer machen wollte um die wände zu streichen. Ich räumte meine 708 bücher in säcke und kisten und verfrachtete sie in vaters garage.

Als ich dann wusste, wie es hinter dem schrank aussah, wollte ich die lust verlieren ... ich räumte die bücher wieder zurück. Als dies geschehen war, wollte ich meinem vater zeigen, wie ordentlich ich die schränke aufgeräumt hatte.

Ich rief nach ihm, lautstark.

Dann ging ich die treppe hinauf zu meiner mutter, die sehr nervös wirkte, sie war heute beim frisör gewesen und sah für ihre krankheit eigentlich gut aus. Ihre chorea huntington äußerte sich wie immer durch bewegungen. Sie sprach schnell, immer wieder, dass mein vater sagte, er komme gleich wieder. Stunden vergingen, und ich war fest der überzeugung, mein vater wäre spazieren gegangen.
Komisch fand ich, dass er mittags zum essen nicht erschien. Mein bruder war sehr besorgt und sagte, ich solle ihn suchen gehen. Irgendwie konnte ich mir nicht vorstellen, dass er sich etwas angetan hätte. Ich schnappte mir den roller und befuhr beide waldstücke, und es wunderte mich mehr und mehr, da schon 2 stunden vergangen waren und ich nur die hoffnung hatte, er wäre auf einer lichtung eingeschlafen, wie es vor 20 jahren mal der fall war.

Fakt war, dass er seinen geldbeutel und seine brille nicht mitgenommen hatte, egal wo er auch sein mochte. Wir, mein bruder und ich, fuhren dann mit dem auto zu einem nahegelegenen bauernhof, und fragten, ob mein vater vorbeigekommen war.

Mein vater war um 11 uhr gegangen. Es war schon halb vier. Auch am weiher konnten uns die angler nichts zu dem verschwinden meines vaters sagen.

Erst jetzt, nach dieser langen zeit des suchens und spekulierens, kam mir ein schlechter gedanke, den mein bruder und alle anderen, schon nach dem verschwinden hatten.

Ich bekam angst; wie automatisch ging ich den weg zu unserem kinderfußballplatz, einem bombenkahlschlag des zweiten weltkriegs, der nach der langen zeit schon sehr dicht bewachsen war.

Durch das dickicht der büsche und bäume konnte ich ungefähr 50 meter vor mir, einen weißen, hellen fleck erkennen; das war er. Er war eingeschlafen, dachte ich. Ich versuchte ihn zu wecken, indem ich seinen namen rief. Als er nicht reagierte stürmte ich los; ohne acht auf meine behinderung am knie und wühlte mich durch die büsche.

Ich schrie: papa ich komme, ich helfe dir; im hirn lief die maschine. Muss das auch noch auf uns einbrechen.

Als ich ihn dann erblickte grauste es mich. Er hatte sich die pulsader der rechten hand aufgeschnitten. In der linken hand ein altes, beschissenes, blödes cuttermesser aus der werkstatt. Ich schüttelte ihn. Aus ihm drang der odem des letzten gedankens. Ich rannte, so schnell ich konnte, brüllend um hilfe zurück in den wald.

Joachim hatte meinen schrei gehört und war mit dem fahrrad den weg heraufgekommen. Ich erklärte, was passiert war und war einer ohnmacht nah. Ich versuchte ihm zu sagen, er solle die rettung holen, mein vater könne noch leben. Holger war durch mein schreien aus dem wald gekommen und schluckte schwer.

Ich ging mit joachim zu meinem vater, da joachim nicht genau wusste, wo suchen. Dann sah ich nochmals das blutleere gesicht meines vaters. Ich nahm das cutter messer aus seiner hand und küsste ihn, nachdem ich seine augen geschlossen hatte. Joachim lief vor mir her und telefonierte mit der polizei – inzwischen waren auch die sanitäter gekommen und der hubschrauber des adac ...

uwe kraus 19.08.2015

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Kommentare

30. Dez 2018

Das ist ein harter Text-Bericht -
Aus dem doch sehr viel Liebe spricht ...

LG Axel