Nachwort zu Feueraugen - Page 3

von Alexander Zeram
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eine Behauptung aufstelle, gehe ich grundsätzlich von eigenen Erfahrungen, angelesenem oder erlerntem Wissen und dem Glauben aus, dass ich meine Gedanken beherrsche und meine Worte tatsächlich nach bestem Wissen und Empfinden suche, forme oder spontan bilde. Die Berücksichtigung eines Fehlers, eines Irrtums oder gar einer bewussten Verschleierung oder –in der Potenz- einer perfiden Lüge, findet in den meisten Fällen nicht statt ... jedenfalls nicht in einer ernsten, mit Überzeugung geführten Unterhaltung. Das, was sich an Abgleitungen in die Situation einschleicht, ist gewissermaßen der Effekt, der sich durch die Einwirkung verschiedenster Kräfte ergibt. Zwei gleichstarke Kontrahenten mögen in die Trick-Kiste greifen, um einander auszustechen – aber das widerlegt nicht meine Ansicht, dass Behauptungen zuallererst in nahezu kindlicher Naivität ausgesprochen werden (um sie vielleicht schon mit einem Nachsatz zu nivellieren, zu entkräften oder in ihrem Sinn gar zu verdrehen)!

Der Glaube an die Dualität des Seins wäre widersinnig, könnte man nicht voraussetzen, dass die äußeren Umstände berücksichtigt worden sind. Dabei können doch gerade diese 'äußeren' Umstände -wie der Begriff schon nahelegt - kaum erfasst werden, denn sie liegen 'jenseits' jenes Ringes aus unwiderlegbaren Fakten, der unseren geistigen Horizont wie eine alles blockierende Grenzlinie umspannt: kenne ich - kenne ich nicht, weiß ich - weiß ich nicht, kann ich beweisen - kann ich nicht beweisen, glaube ich – glaube ich nicht!

Gott und Satan - Gut und Böse - Reich und Arm ... oder sollte man nur die Extreme kennen und sich um deren Beziehung zueinander gar nicht kümmern?

Ist denn Glaube Reichtum?

Wäre dann Unglaube Armut?

Spiel

Das Dasein scheint mir ein kompliziertes Spiel zu sein - mit uns als den lächerlichen Figuranten, die der festen Überzeugung sind, selbst die Spielregeln aufgestellt zu haben.

Drahtzieher ist das Schicksal, welches seine und unsere Möglichkeiten genau kennt und dementsprechend ausschöpft.

Hin und her gerissen bin ich selbst ohne zu zweifeln - und wer wäre es nicht mit mir?

Links ein Magnet, rechts ein Magnet - wie unfassbar gewaltig ist der Zwischenraum, in dem wir leben!

Illusion

Ich bilde mir ein, gewisse Dinge erkannt zu haben und Zusammenhänge zu begreifen.

Wie verrückt muss der Mensch sein, wenn er zu solch einer wahnwitzigen Annahme gelangen kann?

Aber was müssen wir tatsächlich durchmessen, bevor wir klinisch für tot erklärt werden und ein paar Verwandte und Freunde unser Andenken zu bewahren beginnen - um es gleichzeitig verstauben zu lassen?

Mensch, wer bist Du wirklich?

Gedanke, wie weit machst Du den Menschen aus?

Ich möchte es gerne verstanden haben, dass FEUERAUGEN kein philosophisches Lehrbuch darstellen soll, in dem gesagt wird: 'So ist es, weil es so sein könnte!'

Spaltungen bestimmen das Denken in diesem Roman! Spaltungen -Verschiebungen - Fragen ohne wahrhaftige Antworten!

James Jones Baldwin & Co

Basierend auf einer frühen dadaistischen Drehbuch-Skizze mit dem Titel "CINEMATOGROPHO" (1975), entstanden die Helden dieser Geschichte. Nie ganz losgelöst von der Keimzelle ihres Ursprunges, bleibt auch der Roman FEUERAUGEN dort verhaftet, wo die Baldwinschen ihre Wurzeln haben: im Film, im Drehbuch.

Wörtliche Rede überwiegt; Beschreibungen, Schilderungen, Zustände ... das fehlt weitgehend, ergibt sich eventuell aus den Gesprächen der Protagonisten. Im Hintergrund begleitet Musik das ganze Spektakel – ich könnte den kompletten 'Soundtrack' aufführen, der weit über die wenigen, namentlich genannten Werke hinausgeht.

FEUERAUGEN – ein Drehbuch-Roman!

Die Baldwinschen – ein Dutzend unterschiedlicher Menschen, die in sich -sei's durch ihre Namen oder ihre spezifischen Handlungen oder Gedanken- bildhafte Erkennungsmerkmale besitzen. Der Leser soll sich 'vorstellen' können, wie die Helden aussehen ... und er soll sich aussuchen können, wie diese Personagen seiner Meinung nach auszusehen hätten – in Idealbesetzung!

Schließlich hat jeder eine andere Vorstellung von stereotypen Gestalten.

Humoristik

FEUERAUGEN treibt sich selbst durch Gags und sinnlos erscheinende Slapstick-Episoden voran, gestützt nur von einer zwar breit-gefächerten und komplexen, aber dennoch in sich wirren Handlung.

Aber ... Handlung steht nicht an erster Stelle, sie ist eine Art Dekoration für weiterreichende Gedanken!

Was diese Erzählung voranbringt, ist alleine die Kraft des Gedankens selbst. Auch wenn kein fesselndes Thema behandelt wird, kann ein guter Erzähler seine Zuhörer in den Bann schlagen. Ein interessantes, vielleicht sogar aufreibendes Thema bedarf keines wortgewandten Erzählers! Doch, was steckt hinter einem packenden Vortrag, der von Worten des Augenblicks lebt? - Ist es nicht viel befriedigender, wenn die sogenannte 'Handlung' nach dem Vortrag, natürlich auch nach der Lektüre eines Buches, einfach vergessen werden kann und nur noch die wahre, die wichtige Mitteilung des Erzählers/Autors an den Zuhörer/Leser bleibt, nicht nach wenigen Augenblicken bereits verschwimmt und etwas später in Vergessenheit gerät?

Action!

Ich lege selbstverständlich Wert auf eine Art Handlung, die das Gerüst einer 'Geschichte' bildet und dadurch zum wichtigen Träger der mitzuteilenden Gedanken wird … nicht zwangsläufig, aber -wie in diesem Fall- folgerichtig. Das Manko an wissenschaftlich-fundierten Fachbüchern ist jedem Romancier eine Lehre: Die Botschaft geht fast immer in einem unüberschaubaren Wust von kalten Tatsachen unter. Wie wundervoll verstehen es manche unterhaltsame Menschen, ihre Anliegen mittels einer kleinen Anekdote vorzubringen und dadurch ihre Gedanken nachhaltiger einzuprägen als ein Theoretiker, dessen präzise arbeitender Verstand oft genug dem des schwärmerischen Plauderers überlegen scheint. Jedoch: Scharfsinnigkeit führt nicht dann zum Erfolg, wenn ein Gedanke nach klarer Ausführung verlangt, sondern dann, wenn ein Zuhörer nur klare Ausführungen akzeptiert und mit der weitschweifigen Darlegung eines rastlosen Geistes nichts anzufangen weiß.

Dort, wo im Roman 'Handlung' verarbeitet wird, wo sich 'Action' ergibt, da will der Roman lediglich unterhalten ... amüsieren, spannend sein ... keine Komplikationen aufwerfen. Auch wenn (zum Beispiel) die Schlange in den Ruinen des Genter Hofes den Baldwinschen zum Problem wird, solch ein Kapitel sollte dem Leser eigentlich keine Probleme aufgeben – es sei denn er vermutet dahinter einen tieferen Sinn und sucht ... und sucht ... und sucht … (und vielleicht findet er ja sogar!)

Die Bedenkenlosigkeit der Protagonisten wird angeprangert - mehr nicht!

Dem Leser ist zu diesem Zeitpunkt längst aufgefallen, dass irgendetwas an den Informationen, die er über die Hintergründe der ganzen Geschichte kennengelernt hat, nicht ganz astrein ist.

Dennoch ... ebenso blind, wie sich die Baldwinschen in ihr Abenteuer stürzen, hätte ein unbefangener Leser sich von Kapitel zu Kapitel durch diesen Roman lesen sollen, um zu dem Punkt zu gelangen, an dem selbst für die Leute um James Jones Baldwin der 'Spaß' aufhört.

Dort, wo Xaber Dracer sein höhnisches Gelächter anstimmt, setzt die fadenscheinige Handlung aus - dort beginnt der Kampf um die Identität der Spähren endgültig. Die Auseinandersetzung mit der uns bekannten Wirklichkeit erlangt in dem Augenblick Geltung, da die 'Suche' der Baldwinschen geendet hat und sie ins Schloss eindringen. Die Wirklichkeit wird über Bord geworfen und von nun an gibt es keine herkömmlichen Werte mehr.

Wirklichkeit ... es ist nur ein Wort!

Notizen

Wie wenig Platz die eigentliche Handlung des Romans genaugenommen beansprucht, wird in der Tatsache angedeutet, dass Zeramov immer nur mit einem einzigen Notizblock bewaffnet ist – in den er unablässig schreibt ... und schreibt ... und schreibt!

Er zeichnet auf, was ihm interessant erscheint und bestimmt durch seine Notizen (vor allem im zweiten Teil) das Geschehen zeitweilig im Voraus. Im Zenit der Möglichkeiten wirft er den Notizblock – und damit die von allen akzeptierte Wirklichkeit - resignierend von sich. Worte und Gedanken, Ahnungen und Hoffnungen sind nutzlos geworden.

Zeramov

Wie armselig endet der Antreiber des zweiten Teiles am Schluss des Buches. Genauso ahnungslos wie seine Kameraden ist er auf die Nebelebene zurückgekehrt und kritzelt seine Phrasen in den Notizblock, der ihm wenige Buchseiten zuvor nichts mehr genützt hat.

Zeram

Wie entblößt stand ich selbst da, als ich mich in der Rolle des eigentlichen Autors zu Wort melden musste!

Das Spiel mit den Möglichkeiten hatte auch mich entmachtet. Der letzte Abschnitt FEUERAUGEN entstand alleine durch die innere Kraft, die mein Denken und Handeln bestimmt.

Unvorstellbar, dass der Leser eines Romans trotz der Tatsache, dass er ein -wie man es ausdrücken könnte- 'fertiges' Buch in den Händen hält, den exakten Werdegang des vorliegenden Textes nachvollziehen, ja mehr als das, miterleben kann!

Und doch ... gerade die letzten zwanzig Seiten FEUERAUGEN belegen die Entwicklung dieses Romans fast so, wie man es von einer Kamera hinter dem Autor an der Schreibmaschine (zu dieser Zeit, heute eher: Computer) gezeigt bekäme … als Dokumentation des Entstehungsprozesses. Handlung, direkte Aussage und sogar das Ziel ... das Ende der Romanhandlung, alles war mir zu diesem Zeitpunkt längst entglitten. Die Feueraugen hatten sich verselbstständigt und rasten einem ungewissen, mir kaum mehr vorstellbaren und auch planbaren Ende entgegen.

Wie erstaunt ich (immerhin der Autor!) zuletzt war, als sich die Protagonisten der Geschichte im - freilich leicht veränderten - Dorf des Beginns wiederfanden, ist nicht zu beschreiben. Aber staunen wir denn nicht, wenn manchmal im Alltag Momente auftreten, in denen wir nicht mehr so genau wissen, ob wir wachen oder träumen? - Wenn uns der klare Verstand sagt, dass sich irgendetwas verändert zu haben scheint und uns diese vage Möglichkeit nicht nur nicht einleuchten will, sondern wir sie auch nicht beweiskräftig untermauern oder auch ablehnen können?

Polymorph

Es gibt mehr als nur die Dinge, die wir sehen, hören, begreifen und erklären dürfen!

Die befriedigende Gabe, unsere Denkfähigkeit in jeder Richtung einsetzen zu können, sollten wir hoch einschätzen und würdigen. Denn ... vielleicht ist es gar nicht so selbstverständlich, dass wir mehr wissen, als wir zu verstehen und aufzunehmen in der Lage sind.

Dort wo FEUERAUGEN endet, kann man den Beginn eines völlig gewandelten Verständnisses ansetzen. Der feine Unterschied zwischen der einen und der anderen Wirklichkeit -der des Anfanges und der des Endes- birgt in sich die unendliche Kontroverse: Wo liegt das offiziell abgesegnete Mittel der Dinge? Wo beginnt und wo endet der Zustand, den wir als 'unsere Wirklichkeit' zu akzeptieren gelernt haben?

Xaber Dracer - das personifizierte Schicksal (der Baldwinschen) in diesem Buch.

Xabrudracaras - die Macht des Verhältnisses der gegensätzlichen Kräfte untereinander.

Er ist der eigentliche Held dieses Romans, denn auf SEIN Veto hin wurde alles anders, als geplant. Er hatte mich ebenso in der Hand gehabt, wie meine Romanpersonagen durch mich!

Feueraugen!

Es beobachtet mich, dieses unsichtbare Augenpaar, und ich beginne zu verstehen, dass es mehr gibt, als nackte Tatsachen, Erklärungen und die allgegenwärtige Logik, die uns dabei hilft, das Sein zu durchleuchten und unsere eigene Psyche zu begreifen. So wächst mein Verständnis dafür, dass man nicht sehen kann, was nicht sichtbar, nicht begrifflich und nicht im realen Sinn bestimmbar ist, ständig weiter an.

Das Feuer des Lebens flackert haltlos und die Gabe der Einsicht verbrennt in ihm, weil wir nach Schemata suchen, um unser Frage-Antwort-Spiel zu kategorisieren.

Dabei wäre es so einfach, die Möglichkeiten zu nutzen.

Denn dort, wo die Feueraugen glüh'n, da gibt es jede Antwort!

Für die Fragen … bin ich nicht zuständig!

Alexander N. Zeram
München, im Dezember 2010

Seiten

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