Auf den Kopf gestellt

Bild von Anita Zöhrer
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Neuer Arbeitsplatz, neue Wohnung, neue Bekanntschaften. Meine Welt hatte ich guten Gewissens komplett auf den Kopf gestellt. Nur, dass ich mich verlieben würde, hatte ich nicht eingeplant.

Als Barkeeper in einer Bar war er beschäftigt, auf Anhieb fand ich Gefallen an ihn. Jedes Mal, wenn ich in seine Augen sah, lichteten sich die Schatten der Einsamkeit, die über meinem Leben hingen. Ich fühlte mich wohl bei ihm und wusste mich an seiner Seite gut aufgehoben. Meine Freunde drängten mich, es ihm zu sagen, doch aus Furcht vor seiner Reaktion blieb ich stumm.

Nicht lange blieb er allein. Ausgerechnet eine meiner Freundinnen eroberte ihn für sich und ich stand kampflos daneben und ertrug ihr Glück. Obwohl meine Leute mir das Gegenteil einzureden versuchten, war ich mir sicher, dass dank meiner Feigheit mein Zug abgefahren war. Nichts hätte es mehr genützt, ihm zu offenbaren, was ich für ihn empfand, jetzt, wo er eine andere liebte.

Nächtelang lag ich wach in meinem Bett und weinte um ihn. Nichts Schlimmeres konnte ich mir vorstellen, als dass er mit einer anderen Frau zusammen war. Doch das Schicksal belehrte mich eines Besseren.

Es war mitten im Sommer, als der Barkeeper und meine Freundin beschlossen, in Urlaub zu fahren. Wir verabschiedeten uns voneinander. Ein Kuss war sein letztes Geschenk an mich, als wir unter uns waren. Mir verschlug es die Sprache. Hatte er sich denn wirklich auch in mich verliebt?

Nie bekam ich die Gelegenheit, es in Erfahrung zu bringen. Bis ich wieder bei Besinnung war, waren meine Freundin und er bereits fort. Unterwegs auf einer Reise ohne Wiederkehr.

Ein schwerer Autounfall auf der Autobahn mit zahlreichen Verletzten und zwei Toten. Ich dachte mir weiter nichts dabei, nahezu tagtäglich brachte man solche Nachrichten im Radio. Erst als Stunden später ein Freund von mir mich anrief, begriff ich, was geschehen war. Die beiden Toten auf der Autobahn – es waren der Barkeeper und meine Freundin gewesen.

Keinen Lichtblick gab es mehr in meinem Leben. Ich hatte verloren und musste es mir von meinen Leuten auch ständig anhören. Dass ich ihn gehen gelassen hatte, verzieh ich mir nie. Aber es war nun einmal passiert.

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