Ballnacht in Wien

von Oliver Schrot
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Musternd betrachtete er sich im Spiegel der oberhalb der Waschschüssel hing, um dabei die Krawatte seines Anzuges zurechtzurücken. Wie es sich für einen schneidigen jungen Mann anschickte, kämmte er sich sorgfältig sein leicht lockiges Haar elegant zur Seite. Der Stoff seiner Tracht roch noch leer. Neugierig dachte er darüber nach, welche Gerüche sein Jäckchen wohl noch aufnehmen werde. Ja es war sehnsüchtige Neugierde, die ihn in seinen Tagträumen beschäftigte. Ehe er das Licht in seiner bescheidenen Kammer löschte, öffnete er die unterste Schublade seines Schreibtisches. Eifrig, unter strengster Sorgfalt, schob er die Lehrbücher und Abhandlungen über die Prinzipien des deutschen Staatshaushaltes beiseite und griff nach seinem Ersparten, welches er stets darunter versteckt aufbewahrte. Halb zögernd zählte er das Geld, um es sich nun doch mit bestimmender Entschlossenheit in sein ledernes Portemonnaie zu stopfen. Unter einem lauten Krachen schnellte der Riegel seiner Kammer ins Schloss. Schallend breitete sich das Echo im einsamen Gang aus. Friedrich erinnerte dieser Laut an das einsame Jodeln des Wildschützes in den hohen Alpenbergen vor Sonnenuntergang. Herrlich wehmütig dachte er an die leuchtenden Gipfel und die dunklen Abgründe. Stumm warf er sich seinen schweren schwarzen Stoffmantel um und hastete zur Wohnungstüre. Schnell und flink tauchte er in die Weite der Großstadt ein. Es war bereits 7 Uhr abends und der winterliche Wind streichelte unsanft über seine Wangen. Sein Magen knurrte. Er versuchte so selbstbewusst wie möglich auf vorbeikommende Passanten zu wirken. Als er am alten Krankenhaus vorbeikam, ertappte er sich wie sein Blick an den fröhlich lächelnden Paaren hängen blieb. Der Friede und die Unbekümmertheit in ihren Augen schmerzten ihn. Verstört sah er zu Boden. Er zwang sich dazu, auch wenn er wusste Unrecht zu tun. Die Stadt schien wie verzaubert an diesem Abend. Wo sonst Hektik und Kälte ihre rauen Spielchen trieben, da erblickte er Menschen mit sorglosen Blicken, die es nicht recht eilig zu haben schienen. In ihren Gesichtern spiegelte sich das schöne Leben. Das weitere Ziel seines Weges aber war Alberts Wohnung. Er stolperte ungeschickt über verschneite Gehsteige, hastete an Kutschen vorbei und passierte Auslagen zahlreicher Gasthäuser. Er kannte Albert schon einige Jahre. Zufällig war er ihm auf der Universität begegnet. Nach dem Examen war es Albert der ihn zuerst ansprach. Zumindest meinte er sich daran erinnern zu können. Albert war ihm nun ein treuer Freund geworden. Dieser junge und frohe Studiosus gehörte für ihn zu der Sorte Mensch, die nicht erschrocken war über die unzähligen seltsamen Vorgänge in der Welt. Das mag wohl an seiner Intelligenz liegen, die ihm Ruhe und Sicherheit gab. Somit war Albert das genaue Gegenteil von ihm. Friedrich überfielen schon beim Antreffen neuer Gesellschaften eine derartige Ruhe und ein unaufhörliches Zittern der Hände, sodass es ihm unmöglich war ein Glas Wein in fremden Gesellschaften zu genießen. Zu groß war die Sorge entlarvt zu werden. Obwohl Friedrich bedrückende Kämpfe in seinem Innersten ausfocht, wirkte er stets charmant und humorvoll. Die Frauen waren hingerissen von seinen taktvollen Gesprächen und seinen schmeichelnden Witzen. Auch viele Männer waren angetan von seiner unverkennbaren Kunst sich selbst als unwichtiges Männlein darzustellen. Dabei wankte er stets auf dem Pfade der Ironie und Freundlichkeit. Friedrich war die Schauspielkunst inne. Aus seinem ursprünglichen Schauspiel wurde über die Jahre hinweg Kalkül und so war es ein leichtes für die Menschen, Friedrich in ihre Herzen zu schließen.
Nach einigen vollen Gläsern Wein und Bier begaben sich Albert und Friedrich zum abendlichen Ball, der wie stets große Feste der Stadt in den kaiserlichen Prunksälen abgehalten wurde. Die Stunden verrannten und Friedrich ergötze sich an den vielen architektonischen Besonderheiten dieser Hallen. Seine Wangen glühten voll Enthusiasmus. Auf dem Tanzparkett schwebten die Paare wie Blumenwiesen im Wind von der einen Ecke des Raumes zur anderen. Ein herrliches Treiben bot sich Friedrichs Augen. Während die Männer in Abendroben schön gekleideten Frauen mit bezaubernden Gesichtern durch die Rhythmen führten, saßen andere bei Wein und Gespräch an runden Tischchen. Die Musiker luden mit heiteren Klängen zum Tanze. Ehe er sich versah, zupfte es sanft an seinem Ärmel. Erschrocken blickte Friedrich zur Seite und seinen Augen offenbarte sich der überwältigende Anblick einer jungen Dame. Er spürte die zarten Hände dieser unbekannten Schönheit weich in seinen Handflächen ruhen. Wie schön war es doch ein solch liebliches Händchen halten zu dürfen. Seine Seele schien an Schwere verloren zu haben. Ihre Blicke trafen sich in der Leere des Raumes. Die Tiefe ihrer braunen Äuglein zauberte ihm ein Lächeln auf den Mund, sodass die Zähne fortan blitzen. Intensiv folgte er ihren leidenschaftlich roten Lippen. Ihr rotblondes Haar glänzte im Schimmer des Kerzenscheins, wie sonst nur der Polarstern über den dunklen Wellen des Ozeans. Auch die tanzenden Paare glitten ungehalten wie Wogen durch den Saal. Friedrichs Augen zehrten sich an ihrer Schönheit. Dies erinnerte ihn an jene klirrend kalte Winternacht, als er einsam durch einen Schneesturm wanderte und plötzlich ein Füchslein mit seinem edlen rotgoldgefärbten Pelz vor ihm erschien. Damals blieb er bewegungslos stehen und staunte über die wundersame und zugleich mitreißende Begegnung. Nun aber war es ein anderes Gefühl, welches sein Herz in der Brust zu wärmen vermochte. Als die beiden sich gegenüber standen und sie sich so unfassbar tief in die erwartungsvollen jungen Augen blickten, da vergaß Friedrich das wilde Treiben um ihn herum. Still wurde es, als ob der Herr nur ihnen Zweien seine gesamte Aufmerksamkeit schenkte. Die Musik riss ihn jedoch bösartig aus seiner süßen Gedankenwelt und stieß ihn rücksichtslos in den Moment. Sinnlich begannen sie sich im Rhythmus eines Walzers zu drehen. Ihr Schritt war der seine und sein Schritt der ihre. Gemeinsam verschmolzen sie zu dem, was ihnen die Musik vorgab; eine Einheit der Lust. Immer schneller und wilder wurden die Drehungen und die höfliche Distanz zwischen ihnen begann allmählich zu verschwinden, wie die letzten Schneeflocken unter der kraftvollen Frühlingssonne zum Weichen gezwungen sind. Schon konnte er ihren Atem spüren, wenn sie ihren Kopf zu seinem Ohr streckte, um seinen Namen zu flüstern. Sie wirkte erlöst, als habe sie eine Ewigkeit auf diesen Moment der Befreiung gewartet. Friedrich fasste seine Hand noch enger um ihre Hüften. Wellen der

Hofball um 1900

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