Animusa

von Brigitta Wullenweber
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Gern würde ich Ihnen, lieber Leser, die Protagonistin dieser wahren Geschichte präzise vorstellen. Wäre es möglich, ich würde es tun. Das können Sie mir glauben.
 
Mir wäre recht, wenn Sie sich ein genaues Bild machen könnten. Ist es doch das, was Sie, lieber Leser, die Sie an Leben und Tod glauben, für Ihre Identifikation mit der Geschichtstragenden brauchen. Ist es nicht so, dass es Ihnen am liebsten wäre, ich würde Ihnen genau sagen, wann sie gelebt hat, lebt und leben wird.  Wüssten Sie nicht gerne, wie sie aussieht, welchen Beruf sie hat, ob sie Kinder großzieht oder großgezogen hat, ob sie arm oder reich, schön oder hässlich, dick oder dünn ist? Bräuchten Sie nicht eigentlich Informationen über Glücksmomente, Zweifel, Schicksalsschläge und die Umstände ihres Todes und ihres Lebens, um sich in sie, unsere Animusa hineinzuversetzen? Wäre Ihnen nicht recht, wenn Sie eine Ahnung davon hätten, ob sie gesund oder krank war, ob sie hilfsbedürftig oder helfend ist und ob sie glücklich sein wird?
 
Animusa selbst wird mich bitten, Ihnen von ihrem Experiment zu berichten. Sie ermahnte mich, es leidenschaftslos und faktenbezogen zu tun. Zuletzt verlangt sie mir das Versprechen ab, mich mit Rücksicht auf Ihre begrenzt gefühlte Zeit, kurz zu fassen. Ich versprach, es zu versuchen und konfrontiere Sie nun, auch anlässlich Ihres Interesses an Zeitmaschinen, ihren Getrieben und Sand, von dem sie weiß, mit meiner Zusammenfassung.
 
Eines Tages mitten außerhalb dessen, was wir gemeinhin Leben nennen, erfuhr Animusa von einem Projekt, das sich „Mensch auf Erden“ nannte und ohne besonderen Grund beschloss sie, teilzunehmen.
 
Man schloss sie an den allgemein üblichen irdischen Gedankenstrom an, erklärte Ihr kurz die Vorgehensweise zur Erschaffung von Materie und wies sie darauf hin, dass das Ziel des Spiels der Rückweg in die ewige Glückseligkeit sein würde, die sie ja bekanntermaßen sei.
 
Animusa freute sich ihrem Naturell entsprechend auf das, was dann sein würde und überhörte, die Mahnung, dass sie stets Beobachter der Geschehnisse bleiben solle.
 
Ihren ersten Eintritt in einen von ihr selbst durch Gedankenkraft erschaffenen Körper bereitete sie noch penibel vor. Mit Freude, Liebe und Glück wollte sie das Projekt, von dem sie hauptsächlich wusste, dass es zeitgebunden und deshalb materiell war, bereichern.
Doch hatte sie schon zu diesem frühen Zeitpunkt die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Die Geburt in einen winzigen, abhängigen Babykörper war eine Tortur, die ihresgleichen suchte und in den Personen ihrer Eltern und den Umständen fand. Es dauerte nicht lange und sie verlernte im Lernen, wer sie war und hielt das, was sie sah zunächst auch für wahr und dann für das einzig Wahre. Sie war Mensch unter Menschen auf Erden. Sie sehnte sich stets nach Glück und litt doch. Wie alle.
 
Natürlich kannte sie sich bald in Geschichte aus und auch die Uhr konnte sie lesen. Und doch starb sie und wurde geboren, wurde geboren und starb. Immer wieder und scheinbar linear. Manchmal glaubte sie den Wissenschaftlern, dass mit dem Tod das Leben endet, auch wenn die Religionen dem widersprachen. Manchmal glaubte sie der jeweiligen Religion des Landes, in dem sie gerade lebte und widersprach den Wissenschaftlern, die Gegenteiliges  behaupteten.
Sie lebte ihr Leben in Männerkörpern und solchen von Frauen, als guter und als schlechter Mensch, mit frühem Tod und spätem Tod. Sie lernte das Lieben und das Hassen, erkannte im Dunkeln das Licht und die Dunkelheit im Lichten. Jedes Leben nahm sie gefangen als gäbe es kein anderes.
 
Als sie als bettelarme indische Frau im ausgehenden 20. Jahrhundert lebte, schloss sie selbstverständlich aus, gleichzeitig auch der chinesische reiche Handelsmann des siebten Jahrhunderts oder die Hexe auf mittelalterlichem Scheiterhaufen zu sein. Stattdessen glaubte sie mal mehr, mal weniger an Lernschritte, die sie, immer entlang der Zeitachse zu vollziehen hatte und manchmal erfolgreich oder auch nicht, vollzog. Oft waren ihr die Zusammenhänge auch egal. Gefangen von Leid und Sehnsucht in unterschiedlichen Kleidern, starb und lebte sie immerzu irgendwann und irgendwo.
 
Wie das Wunder der Befreiung geschah, weiß auch sie nicht zu berichten. Die genauen Umstände und die Antwort auf die Frage, ob sie selbst es herbeigeführt hat und wenn ja, wie oft und wann, wird sie selbst nicht finden können.
Eines Tages war ihr als erwachte sie aus einem leidvollen Schlaf und wach wie sie dann war, erkannte sie das, was sie bislang für die einzige Wahrheit hielt als Traum. Für einen kurzen Moment war sie Freude, ist sie Glückseligkeit und wird alles sein. Plötzlich wusste sie, dass sie selbst ihre Welten schafft und immer wieder schaffen wird. In der Sekunde erinnert sie sich an den Anfang des Projekts und die Lehre der Erschaffung von Materie durch Gedankenkraft. Immer wieder. Vergessen und Erinnern. Gedanken beobachten und machen. Erinnern und Vergessen.
 
Als ich sie traf wird Animusa zum wiederholten Male die Wahrheit erkennen, sie selbst sein und vorerst dieses Projekt beenden.
Die Leute werden vielleicht sagen, sie sei lethargisch oder gestorben und sie weiß, nun lebt sie. Nicht identifiziert mit Körpern und Welten wird sie sein, was sie war und ist. Kurz oder lang, im Jahre 300 vor oder 2250 nach Christus, um 7 oder um 20 Uhr. Egal, gleichgültig. Glückselig. Frei. Bis zum nächsten Mal oder bis damals oder jetzt. Frei beobachtend oder identifiziert gefangen. Vielleicht gleichzeitig oder gar nicht.
 
Eben las sie den für Sie verfassten Text, ist mit den verwendeten Zeiten einverstanden und lässt mich noch hinzufügen: Sand existiert auch nicht.
 

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