Das Morgen-Land

Bild von Alf Glocker
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Der Morgen legt sich auf das Land und es entsteht eine große Leere. Im Schatten dieser Leere glänzt eine große Vergangenheit, in der es die Menschen beinahe geschafft hätten frei zu werden. Der Wohlstand für alle ist vergessen. In den Slums gedeiht die Kriminalität, aber niemand kann das eindämmen, denn die Erfinder sind tot. Gott hat sie hinweggerafft!

In seinem Auftrag waren die Polizisten des Rechts unterwegs, die überall für die neue Ordnung sorgten – und da hatten die Menschen von einst einfach keinen Platz mehr: Sie waren zu unmoralisch geworden. Warnende Stimmen wurden totgeschwiegen, oder körperlich beseitigt, denn in der neuen Weltordnung hatten nur noch Mehrheiten Platz!

Mehrheiten, von denen eine noch verschwindend geringere Minderheit als es einst die wirklichen Menschen gewesen waren glaubte, sie steuern zu können, weil es technische Möglichkeiten gab, Hirne zu manipulieren. Und außerdem war in den letzten Tagen der sporadisch auftretenden Zivilisation ja noch die Gesinnungspolizei unterwegs.

Eine bestimmende Frage tauchte, in der Übergangszeit von Kultur zur Leere, auf, die alles in eine pseudo-magnetische Starre versetzte. Sie lautete: Braucht man einen Glauben? Und aus den Slums kam der Zukunft kam eine zwar noch imaginäre, aber sehr eindeutige Antwort: „Ja, man braucht unbedingt einen Glauben!“

Und wer damals aufgepasst hatte, der wusste, insofern er ein Mensch war, was bis dahin geschehen war. Zuerst war immer der Glaube gekommen. Sobald man ihn tolerierte, kamen die moralischen Sprengkommandos, die jede freie Entfaltung mit Gewalt verhinderten – und dafür war nicht einmal eine Mehrheit erforderlich gewesen …

nur eine schweigende Mehrheit der Täter, die sich in einem voll und ganz einig war: Wer nicht an Gott, an unseren Gott glaubt, der ist unmoralisch und muss ausgelöscht werden. Und alle, auch die letzten Kulturmenschen, arbeiteten diesem Prinzip zu. Denn es war sehr stark, sehr primitiv und von daher absolut unwiderstehlich.

Niemand kann eine Kombination von Stärke und Primitivität aufhalten! Und zwar auch dann nicht, wenn er unermesslich reich ist und über alle technischen Mittel verfügt, die ein sogenannter „moderner Staat“ bieten kann. Das ist ein Trugschluss, das war ein Trugschluss, das wird immer ein Trugschluss sein!

Und deshalb wird sich aus den fortpflanzungsstarken Slums immer eine zukünftige Leere entwickeln, die nur eines duldet: den Glauben an einen gerechten Gott, der nur primitive, starke Kinder beschützt, um ihnen eine vertrackte Welt zu übergeben. Das ist das Gesetz der Natur! Fragt das Krokodil, warum es nicht sofort töten kann?

Es muss Glied für Glied, Muskel für Muskel und Organ für Organ aus dem angegriffen Opfer reißen, bis dieses eben grauenhaft ums Leben gekommen ist. Fragt ein Katzenjunges, warum es von den Eltern schwerverletzte Tiere zum Spielen bekommt, damit es spielerisch lernt, wie man an sein Fressen gelangt?

Fragt ein Soldat Gottes, warum ein Mensch ohne Glauben einfach am Leben bleiben und frei kreativ sein möchte? Wenn sich der Morgen auf das Land legt, dann sind alle Fragen, die über die Knechtschaft hinausgehen, überflüssig geworden – dann kämpfen nur noch die Glaubensrichtungen gegeneinander.

Glaubst du an die Partei (Gottes)? Glaubst du an den großen Vorsitzenden (Propheten)? Glaubst du an das Gute im Menschen? Dann lerne es kennen und sei freundlich, aber bestimmt! Verteidige deinen Anspruch auf die Durchführung der Gesetze, die nur ein sehr großes Vorbild (Gott oder der Parteivorsitzende) gemacht haben darf!

Und denke ja nicht, du selbst seist beauftragt, die Welt zu verändern. Solltest du dergleichen beabsichtigen, dann steht dir das System zur Verfügung, das es dir jederzeit ermöglich, es noch extremer auszulegen. Dann kannst du dich an den Empfindungen der Slumbewohner weiden, wenn sie wieder einmal mehr vom Leben haben wollen als nur ihr ewiges Elend!

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Kommentare

21. Nov 2020

Wer nicht dran glaubt, der muss dran glauben:
Dann killt und grillt man Friedens-Tauben ...

LG Axel