Das Urteil

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Er wusste, dass er bald sterben würde. Der Arzt hatte es ihm gesagt. Die Zahl hatte er sich auf das Notizheft geschrieben, gross und dick. Zu Hause begann er, alle wichtigen Ereignisse seines Lebens zu notieren. Er begann mit dem Geburtstag, er war jetzt vierzig, mit fünf Jahren war er in den Kindergarten gegangen, und während er am Schreiben war, merkte er, dass seine Geschichte nach wenigen Minuten bereits zu Ende war. Er begann den Lebenslauf noch einmal zu schreiben. Und wieder merkte er, dass ihm weite Teile seines Lebens unbekannt blieben. Während er aus dem Fenster in den Garten schaute, dachte er: Warum nicht Lügen erfinden, damit all die Lügen verschwinden? Und er begann sein Leben noch einmal zu erfinden. Vor sechzig Jahren wurde er in einer kleinen Stadt geboren. Mit einem Jahr konnte er bereits die ersten Worte stammeln, mit zwei Jahren sprach er ohne Stottern die wichtigsten Wörter: essen, trinken, schlafen. Seine Geschichte wurde immer länger, aber er kam nicht über das vierte Lebensjahr hinaus. Immer wieder begann er am Anfang und flickte neue Stellen in den Text ein. Als das Jahr vergangen war, hatte er seine erfundene Geschichte fast fertig geschrieben. Und eigentlich hätte er schon tot sein sollen. Den Doktor brachte er vor Gericht. Bei der Urteilsverkündung freute sich der Mann. Er hatte das letzte Kapitel seiner Lebensgeschichte beendet. Beim Hinausgehen fiel er tot um. Seine Geschichte hat noch keinen Verleger gefunden.

© René Oberholzer, 1992

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