Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten / 132

von Alf Glocker
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132. Schritt

Ich sitze im Garten und trinke einen Schluck Wein. Anscheinend vertrage ich heute keinen Wein, denn ich sehe etwas, das ich nicht sehen dürfte; ein seltsames Tier schält sich zwischen Farnen, unter den Büschen hervor. Es ist irgendwie grau, es ist irgendwie braun, es hat einen langen, kugelrunden Kopf und einen schlangenartigen Stummelschwanz.

Ich sehe genauer hin, es sieht mich kurz an und verschwindet. Es war überhaupt nicht da! Langsam wird es dunkel, ich sitze noch im Sterngefunkel, als sich die Zweige der Eibe im Wind bewegen. Es geht kein Wind!

Über der Eibe fliegt ein riesiger Schmetterling. Seine Flügelspannweite von ungefähr einem Meter achtzig ist beeindruckend. Der Flügelschlag peitscht die Eibenzweige hin und her. Aber da ist kein Schmetterling, kein Vampir, da sind keine Sterne und es ist auch nicht Nacht. Es ist Mittag!

Ein Zeppelin rollt durch die Wolken heran. Er ist winzig klein, so klein wie die Wolken tief hängen – etwa 4 Meter über mir. Der Zeppelin platzt! Seine Teile schweben als Seifenblasen heran, direkt zu mir, wo ich jede einzelne leerküssen muss um nicht schwindlig zu werden, von so viel Erlebnisdrang.

Dann blüht auf dem Nachbargrundstück der Zitronenbaum.Das Nachbargrundstück liegt am Meer und ich fange zu pflücken an, einen Pustekuchen nach dem anderen. Danach geht der Mond in Indien auf. Er schimmert rosa. Dazu spielen verrückte Musikinstrumente, die sich anhören, als seien sie komplett himmlisch.

Ich denke an Sommerfrauen. Sie kommen mit riesigen Mündern auf mich zu und versprechen mir alles was ich hören möchte, dann wieder nichts! Um mich dreht sich die Sagenwelt. Helden steigen aus ihren Kojen in der Vergangenheit, schlagen mit ihren Schwertern eine Schneise durch die Augenblicke, bevor sie sich auf imaginäre Pferde schwingen, wo sie vor Glück vergehen.

Auch ich vergehe vor Glück, denn sämtliche Fenster sind geöffnet und ich befinde mich plötzlich in einem Konfettiregen aus mikroskopischen Geldscheinen. Dann weiß ich, daß ich träume und schwebe durch eine Grauzone ins Jenseits, wo ich erfahre, daß die Wirklichkeit ebenso ist wie meine Traumwelten.

Sie ist unerfahrbar, wie das Tier aus den Büschen, sie ist wie der Wind, der die Eibenzweige mit riesigen Schmetterlingsflügeln bewegt. Sie ist klar und sie ist nicht klar, sie ist wie ein Frauensommer über den Wolken der Schein-Heimat, die aus Seifenblasen besteht. Oder wie ein Zitronenbaum, in den man nicht beißen kann, oder wie der indische Rosa-Mond über dem Meer.

Ich verstehe nicht, aber das macht nichts, denn ich bin hier geborgen, in diesem Tanz der Sagenstimmen, die mir von gewaltigen Helden singen, die ich auch nicht verstehen kann, aber auch das macht nichts, denn hier gibt es auch Mittags Sterne. Aber nur ich kann sie sehen, wie überhaupt alles nur ich sehen kann, solange der Wahnsinn noch existiert…

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