Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten / 149

Bild von Alf Glocker
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149. Schritt

Es war an einem schönen Maientag, als ich in diese Falle ging. Meine Eltern hatten sie aufgestellt und der Leib meiner Mutter hatte beschlossen, daß ich jetzt fertig sei. Die Freude war riesengroß! Natürlich nicht bei mir, denn ich hatte keine Ahnung was Freude ist.

Und so wuchs ich heran! Ich fing fast von Anfang an mir meine eigenen Gedanken zu machen – was zunächst verblüffte Gesichtsausdrücke und großen Stolz bei denen hervorrief, die einmal dachten, daß sie sich unbedingt um etwas sorgen wollten.

Schritt für Schritt – sie gingen wohl den Weg, den ich heute gehe – gelangten sie immer mehr zu der Einsicht, ich hätte ihnen eine Falle gestellt! Und weil sie den gleichen Weg gingen, den ich heute gehe, bemerkten sie ihn bald, diesen unheimlichen Begleiter.

Für sie zeigte er sich jedoch mehr wie ein Schemen, unklar, nur vergleichbar mit feurigem Nebel, denn er leitete und verleitete sie ohne sich je zu erkennen zu geben. Ich, der ich erkenne was für eine Gestalt feuriger Nebel hat, habe nun das Privileg den Begleiter beschreiben zu dürfen. Es ist der Wahnsinn!

Meine Eltern aber glaubten zu wissen, sie hätten einen Dämon im Blut verspürt, der sie veranlasste Dinge zu tun, die man einfach nicht weiter beherrschen kann wenn sie erst einmal getan sind. Aber da sie nicht an Vorahnungen, sondern an den aufrechten Verstand des Fleisches glaubten, fielen sie auf etwas herein, dem sie einen Namen geben konnten.

Natürlich beschrieb mich der Name nicht, denn ich heiße nicht wirklich „Verzweiflung, Hoffnung oder Eigenliebe-in-der-Gestalt-des-Überlebenswillens“. Ich heiße was immer ich heißen will und ich trage keines Menschen Bezeichnung.

Nachdem sich endlich alle, außer mir, zu Ende gefreut hatten und sich alle ausgiebig bemüht hatten sich gegenseitig als Fallensteller zu bezeichnen, setzte noch lange nichts ein, was man als Erkenntnis bezeichnen könnte – weder als Selbst- noch als überhaupt die…!

Aber irgendwer musste sich doch noch freuen, dachte ich. Zumindest musste es da einen geben, der sich heimlich ins Fäustchen lacht. Das ist ja auch eine Art Freude. Und ich kam auf die Evolution. Evolution ist mit anderen Worten die Natur, die es für ihre Aufgabe hält, sich fortwährend zu verbessern.

Und wenn ich mich so betrachtete, im Vergleich zu meinen Eltern, dann stellte ich zweifelsfrei fest, daß es sich bei meiner Person um eine, wenn auch perverse Form, eines Fortschritts handeln könnte, denn immerhin gelang es mir zu beschreiben, was meine Eltern nur nebulös ahnten: den Wahnsinn.

Doch das schien mir nicht genug. Denn es gab auch ganz andere Meinungen. Außer mir meinten nämlich alle, ich sei der verkörperte Rückschritt. Was konnte ich dem entgegenhalten? Daß sie gläubige Menschen waren? Das brachte mich auf die nächste scheinfolgerichtige Grundidee.

Wenn ich ein Fortschritt und ein Rückschritt zugleich war, mich also bewähren sollte um die Zeit zu bewegen, damit weitere Fallen aufgestellt werden konnten, dann musste es entweder tief in der Natur, oder sehr weit dahinter noch etwas geben, das so etwas wie Spaß am Aufstellen von Fallen hat. War das eine Person?

Wenn es keine Person war oder immer noch ist, dann war es oder ist es oder wird immer sein, ein Zustand der sich selbst zugrunde liegt – ein Illusion demnach. Eine Illusion, die sich selbst Fallen stellt und Trugbilder gebärt, die sich gegenseitig vorwerfen können Fallen aufgestellt zu haben.

Sollten diese Trugbilder mit der Zeit „weise“ werden, dann werden sie sagen: „Es war die Natur“. Wenn sie sich für Trugbilder halten, werden sie versuchen sich selbst zu erkennen. Dann werden sie meinen, sie seien die Evolution. Sollten sie sich jedoch wirklich ernst nehmen, dann werden sie sich höchstwahrscheinlich Fallen stellen und an schönen Maientagen Freude empfinden.

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Kommentare

29. Mai 2015

Die Falle, sie hat zugeschnappt!
(Doch dafür hat Dein Text geklappt!)

LG Axel