Der beginnende Wahnsinn in 365 Schritten

Bild von Alf Glocker
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58. Schritt

Ganze Melkstraßen von Sonderhunger empfehlen sich in meinem Geist für eine neue Zukunft ohne Augenwischerei. Mein Herz jubiliert und ich schmelze in mich hinein, als wäre ich aus Zitronensäure.

Kümmernisse verlieren sich in der lauen Frühlingsluft!

„Ja!“ Dieses Wort erscheint als Gedankenblitz. Kurz darauf explodiert es in einem Feuerwerk aus Genusstiraden. Ich lache! Mein zuerst da gewesenes Lächeln hat sich verbreitert, dann geht der Mund auf und heraus kommt ein Chor aus fünf Engelsstimmen – denn ich weiß, daß es mich eingeholt hat, das Leben.

Im Sportwagen meiner Gefühle brause ich, mit offenem Verdeck durch die Landschaft, die mit Bonbonfabriken überhäuft ist. In den Augenwinkeln huschen unzählige Jungfrauen vorbei. Ich kann gar nicht anders als winken.

Sie werfen mir rosafarbene Taschentüchlein zu, die ich mir auf die Lanzenspitze heften kann, solange ich will. Inzwischen ist das allgemeine Erhören zu einem Sturm der Begeisterung angeschwollen!

Da stehe ich, ein Gedicht nach dem anderen in mir tragend und ich rezitiere sie alle. Sie kommen über mich wie eine Woge der Lust! Mein Erlebnisdrang steigert sich in eine derart laut summende Euphorie hinein, daß ich schon meine, meine Nasenspitze vibrieren zu sehen.

Mein 13. Geburtstag steht mir noch einmal bevor und alles besteht aus Wunderlampen: mein Herz, meine ausgefranzte Hose, mein Mantel aus den Flügelfedern des heiligsten aller Geister und mein Gesicht, das jetzt zu leuchten anfängt wie ein Sonnenaufgang am Äquator.

Daß ich geboren wurde ist mir jetzt klar. Unmissverständlich werfe ich meinen Schein ein ums andere Mal in die weite Welt hinaus. In der Ferne singen die Wälder. Die Luft sirrt, als wäre sie ein einziger Bienenschwarm, das Licht flimmert wie eine infektiöse Gesundheit. Dabei überträgt es den Virus der Unbesiegbarkeit auf mich, dessen augenblickliche Unendlichkeit Tsunamiwellen schlägt, die mich in das Harmonie-Land und wieder zurück spülen und dann noch einmal, und noch einmal, solange bis ich im Ozean der Glückseligkeit segle, um unaufhörlich Neuland zu entdecken.

Kommt, lasst uns glauben die Gegenwart sei ein Schoko-Pudding. In dieser Betriebsamkeit erklärt sich uns einfach alles! Wir löffeln in uns hinein was geht und gehen aus uns heraus, um den Löffel noch lange nicht abzugeben. So gut sind wir gelaunt.

Aus der Haut fahren wir mindestens stückchenweise. Beschneiden tun wir uns nur in Sachen Unmut und Unrast – was so viel wie „Ihr-könnt-mich-mal“ zu bedeuten hat. Denn was Bedeutung angeht sind wir unübertroffen!

Ich habe mich mir rechtzeitig erklärt. Das genügt! Nun jage ich Kerzenflämmchen in Balkonien, ziehe, als Adam verkleidet im Winter-Garten herum, pflege mein Image wo es nur geht, also praktisch überall, denn ich bin mir gegenüber, so großzügig wie einer, der unfehlbar, immer den verrücktesten Griff parat hat, wenn es darum geht Auserlesenes einzufangen.

Wenn ich es habe, das Auserlesene, dann behalte ich es und auch die Nerven, wie ich alles behalte was nicht bis 3 auf’m Baum ist. Und irgendwann, nicht heute, nicht morgen, nicht nie, löse ich mich dann in Wohlgefallen auf – Simsala-rums!

*

60. Schritt

Es ist früher Morgen. Ich erwache mit dem seltsamsten Gefühl das ich aufbringen kann: in mir macht sich der Glaube breit, daß man mir etwas gestohlen hat! Was kann das sein? Der Verstand? Geld? Nein – es muss etwas größeres sein! Eine dumpfe Ahnung macht sich breit, als ich die grauen Rücken der Dämonen sehe, die sich anschicken mein nächtliches Alp-Traum-Zimmer zu verlassen. Langsam wanken sie auf und davon.

Hat es etwas mit ihnen zu tun, mit diesen Schemen, die meinen Schlaf bunt und (bitte nicht zuhause nachmachen) vernichtend-chaotisch gestaltet haben? Ihnen ist es zu verdanken, daß ich von Katastrophe zu Katastrophe gehetzt bin – immer am Rande des Wahnsinns, immer kurz vor dem Zusammenbruch. Noch ein weiteres dieser Schreckens-Bilder und mich hätte gewiss der Schlag getroffen.

Nein? Nicht einmal mit den Dämonen hat es etwas zu tun, wahrscheinlich viel eher mit der Zeit. Ich erkenne ihr grausames Wirken vor und hinter dem Augenblick an dem ich mich gerade befinde, aufrecht, mit angstgeweiteten Augen im Bett sitzend. Millionenfach werde ich durch die Augenblicke geschleust, wobei ich, von Augenblick zu Augenblick Veränderungen erfahre. Veränderungen, die so verschiedene Wesen aus mir machen und schon gemacht haben, daß sich das erste den Letzten gar nicht vorstellen kann, oder konnte.

Dr. Hyde verwandelte sich in Mr. Jeckill, ganz ohne Elixier, ganz ohne den freien Willen zu haben, zu bleiben wie und was er ist. Und warum? Genau, weil da etwas ganz von selbst abläuft, mir den Eindruck verleiht, ich wählte was geschieht – so wie jetzt, wo ich das Gefühl habe bestohlen worden zu sein. Was soll ich damit wohl anfangen?!

Ich bin immer unterwegs, soviel ist sicher! Innerlich heiter, stoße ich auf äußere Hindernisse, auf viel zu hohe Hürden, die ich nicht überspringen kann. Wurden sie dafür gebaut? Ich höre wie draußen das geheimnisvolle Mühlrad läuft, sich der Gesamtmechanismus abspult, in dessen Labyrinth sich jeder scheinbar gut auskennt, nur ich nicht. Dort haben alle Hamster ein Gesicht. Nur ich nicht!

Wenn ich jetzt aufstehe, dann betrete ich wieder mal eine veränderte Welt, verändert durch die Dämonen der Nacht, verändert durch Instanzen, die sich für die Engel des Tages halten – warum? Weil sie die Hamster in den laufenden Mühlrädern Gottes sind, die bekanntlich so langsam gehen, daß keiner erkennt, wohin sie rollen? Ich schäme mich! Und ich wage es nicht einen Fuß vor das Bett zu setzen, bevor ich nicht weiß wer ich bin.

Dann geht die Sonne auf. Das Zimmer ist erfüllt von ihrem Licht, den Wellen, die eines deutlich werden lassen, das Leben. Ich blicke mich um und begreife auf einmal was fehlt. Es ist nirgends zu entdecken. Irgendwer muss es an sich genommen haben. Gestern, als ich hochkonzentriert bei meiner Arbeit (die keine ist) war? Oder in der Nacht, als mich eine 2. Wirklichkeit (die keine ist) in ihre Abgründe zog?

Wie dem auch sei, man hat mir gestohlen was von der Sonne sichtbar gemacht, um mich ist/sein sollte: mein Leben! Irgendwer wusste was Besseres damit anzufangen und hat es mir deshalb geklaut. Eine Nachricht von ihm (ein Bekennerbrief?) erscheint jetzt wie 10 Gebote in brennenden Schriftzeichen, überall an den Wänden! Nein, nicht „Mene mene Tek…“ usw. Sondern: „1. Du sollst nicht begehren deines Daseins eig’nen Sinn, noch 2. das Erreichen dessen was du bist!“

Die Liste ist lang und mein Schrecken groß! Nachdem ich aber schon unzähligemale an mir verzweifelt bin, nehme ich mir vor (das geschieht zwischendurch immer wieder) diesmal beherrscht zu bleiben. Ich stelle vorsichtig den rechten Fuß vor das Bett. Bei der Berührung mit dem Fußboden trifft mich der Ekel-Schauer wie ein elektrischer Schlag. Ich höre mich flüstern „Hilfe“, dann betrete ich die fremde Welt. Jeden Tag neu baut sie sich alptraumatisch vor mir auf und weist mir den Weg ins Bad.

Dort soll ich vermutlich zuerst den Ekel vor mir selbst bekämpfen, indem ich das tägliche Ritual vollziehe: Duschen, Rasieren, Zähneputzen und dergleichen. Es ist eine kleine Qual, denn wofür sollte dies geschehen? Bin ich vollständig gesäubert effizienter in meinen Entscheidungen, die nicht meine Entscheidungen sind, weil mir ja mein Leben gestohlen wurde, als wenn ich es nicht täte?! Jetzt brauche ich viel Mut! Ich muss mir einbilden es sei genau so!

Also nehme ich mich zusammen, schaue in den Spiegel, ergreife den Rasierer Hand und – staune! Im Spiegel bin ich zu sehen, aber irgendetwas stimmt trotzdem nicht. An mir herunterblickend stelle ich fest: das Spiegelbild ist eine Illusion – denn ich bin nicht wirklich da! Meine Hände prüfen den kuriosen Eindruck nach und können nichts anderes als ihn bestätigen. Mein Vorhandensein ist eingebildet. Ich kann weder etwas von meinem Körper sehen noch fühlen. Nur das Bild im Spiegel ist existent! Habe ich jetzt einen unbestreitbaren Dachschaden, oder bin ich noch gar nicht aufgewacht und erlebe mein Sein als Alptraum? Ja? Wie kommt dann mein Spiegelbild in die Wirklichkeit? Oder sind die Grenzen von der Realität zur Irrealität insgesamt fließend?

Vielleicht ist es auch ganz anders? Es kann nur ganz anders sein! So langsam begreife ich…wenn mir tatsächlich jemand mein Leben gestohlen hat, dann bin ich untot, ein Vampir auch vielleicht. Ein umgekehrter Vampir, was sonst?! Bei mir ist doch alles umgekehrt. Ja, richtig, ich sauge, nutzlos wie ich bin, der wahren Realität den Lebenssaft aus den Adern, nur um etwas darzustellen, das es in der (verdammt nochmal) Wirklichkeit – in der Wirklichkeit der anderen, der Hamster im Mühlenrad Gottes – eigentlich nicht geben dürfte. Das wäre ein surrealer Schwebezustand zwischen Sein und Nichtsein – demnach.

Nachdem ich aber auf mich selbst einen reichlich lebendigen Eindruck mache, müssen auf diese Weise 2 Realitäten entstanden sein: meine und die der anderen. In der Welt der anderen versuche ich mich gerade zu rasieren, da es in meiner Welt, der Welt der klaren Erkenntnis nicht nötig wäre, tue ich das quasi völlig „außer mir“. Schließlich habe ich begriffen, nein, wohl eher deutlich gespürt – aus dem Bauch heraus – daß schlichtweg alles was ich tue sinnlos ist. So bin zu einem Paradoxon geworden.

Ich bin gleichzeitig vorhanden und nicht vorhanden! Der aber, der mir mein Leben stahl, kann, oder möchte nicht selbst so etwas wie mich darstellen, weil ihm das vermutlich zu anstrengend ist. Soll ich ihn vertreten? Schickt er mir deshalb Alpträume in der Nacht, die mir beweisen sollen, wie wichtig es ist, den Verstand zu verlieren und Anforderungen am Tag, die ein Mensch, außerhalb des Hamsterrades gar nicht erfüllen kann, damit ich begreife wie unnötig und idiotisch ich hier als Schein-Original bin, wäre ich nicht seine/meine/irgendjemandes Stellvertretung?

Wahrscheinlich soll ich – um einer 2mal scheinbaren Doppelexistenz wegen – etwas verkörpern, das nicht wirklich verkörperbar ist, nur um dem Dieb zu beweisen, daß er Recht hat, mit dem Unsinn, den er hier anstellt, indem er Wesen eine Identität gibt, die in „Wirklichkeit“ gar keine haben und einem eine Wirklichkeit, die nicht vorhanden sein kann, weil er dafür erst mal eine Identität im Hamsterrad erlangen müsste.

Nachdem ich noch einmal in den Spiegel geschaut habe, um darin etwas zu erblicken, das nicht real vorhanden ist, fange ich extrem zu schwindeln an. Mein Gleichgewichtssinn versagt und ich stürze bewusstlos zu Boden. Dann drehe ich mich um, wache aber sofort wieder auf. Ich liege im Bett und ich liege nicht im Bett, ich bin wach und ich träume. Um mich herum verblassen die grauen Rücken der Dämonen der Nacht. Ein Sonnenstrahl dringt, wellenartig ins Zimmer. Mir fällt ein, daß dies eine ganz gute Geschichte ist und deshalb stehe ich auf, setze mich hin und schreibe sie nieder! Ist sie wenigstens da?

©Alf Glocker

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