Der Glücksfaktor

Bild von Alf Glocker
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Was ist das eigentlich, ein „Glücksfaktor“? Das frage ich mich oft, wenn ich die Straßen befahre, oder auch Lotto spiele. Und dann denke ich auch darüber nach, warum ich heil zuhause ankomme, oder nichts gewinne…

„Brommmm“ macht es links neben mir. Ein enorm toller Sportwagen donnert an mir vorbei und ich komme mir vor, als wäre ich stehen geblieben. Dazu sollte ich vielleicht anmerken, daß ich gerade 120 kmh schnell gefahren bin. Wie schnell war dann der andere - 220?

Der Sportwagenfahrer betätigt die Lichthupe und fährt auf seinen Vordermann/auf die Vorderfrau ganz dicht auf! Wenn jetzt etwas Unvorhergesehenes passiert, dann kracht‘s, und zwar gewaltig!
Ich wünsche uns allen, daß wir noch einmal davonkommen: daß uns das Schicksal gnädig ist. Dann fällt mir ein, daß es „das Schicksal“ ja gar nicht gibt. Aber der Gedanke, es könnte eines geben gefällt mir. Ich beginne zu fabulieren…

Sagen wir mal, das Schicksal wäre ein Mathematiker, oder ein Banker, nein, doch lieber kein Banker. Diese „Gestalt“, sagen wir mal, hätte jedenfalls eine gewisse Summe Glück zur Verfügung, mit der es ganz einfach auskommen muss. Es ist also ganz sicher kein Banker!

Nun schaut es sich um, das Schicksal – wer braucht dringend etwas von meinem Kapital? Wenn hier, auf der Straße das Ganze noch einigermaßen gut ausgehen soll, dann vergebe ich jetzt meine Kredite zunächst an den Raser, da ist aber auch noch jemand mit der Reaktionszeit von über 10 Sekunden im Ernstfall, dann ist da noch eine völlig unbeholfene Person, die- genau besehen – überhaupt nicht Autofahren kann.

Sie müssen alle bedacht werden! Natürlich ist jeder seines Glückes Schmied, jeder gestaltet sein Leben selbst, wiederhole ich was ich gelernt habe und folgere, momentan etwas zurückgeblieben: wer intelligent und begabt ist, kann mehr erreichen als wenn er dumm und unbegabt wäre. Das ist logisch! Dafür braucht es kein Schicksal!

Dann wieder: der da vorne in seinem 300 000.- €uro teuren Sportwagen ist demnach intelligent und begabt. Aha! Warum fährt er dann wie ein Irrer? Erneut fange ich zu rechnen an… Der benötigt doch eine ganze Menge Glück, um heute noch woanders als im Krankenhaus oder auf dem Friedhof anzukommen.

Das macht, sagen wir mal, eine Menge von Z. Ich hingegen brauche nur etwa A oder B. Meine Reaktionszeit ist sehr kurz und fahre vorausschauend und umsichtig. Mein Glücksfaktor ist daher gering – was allerdings auch wieder nichts heißt, wenn ich vom Wahnsinn umgeben bin.

Allerdings leuchtet mir ein, daß die Wahnsinnigen wesentlich mehr Glück in Anspruch nehmen müssen als die Besonnenen, sonst gibt es ein einziges Chaos. Gibt es demnach dann doch ein Schicksal? Aber dann müssten wir ja alle mehr oder weniger blöd sein, sonst würden wir nicht überleben…

Nein, dagegen sträubt sich mein ganzes Denken! Das darf einfach nicht wahr sein! Wo kämen wir denn da hin? Wir müssten an rein virtuell vorhandene Instanzen glauben – da könnte ich ja gleich in einen Tempel gehen. Nachdem ich aber nicht alles glauben möchte was man mir verzapft, kehre ich lieber, nein, nicht auf den Boden der Tatsachen zurück, denn der ist bodenlos, ich fange wieder zu denken an.

Jeder bestimmt also selbst was mit ihm geschieht – cogito ergo sum! Jeder strebt, so hoch und so weit es ihm seine persönlichen Mittel erlauben: er bleibt immer im Rahmen seiner Möglichkeiten! Summa sumarum ergibt das eine nicht funktionierende Welt! Nein falsch! Das widerspricht allen Erfahrungen!

Eine schier unglaublich Frage schießt mir durch den Kopf: Ohne Schicksal wären wir längst alle tot? Dann müsste es ein uns unbekanntes Gesamtziel einer uns unbekannten Instanz geben, die für einen bestimmten Ablauf sorgt, der mit unseren intellektuellen Fähigkeiten eher wenig zu tun hat.

Daraus ergibt sich zwangsläufig eine weitere Frage: Ist diese unbekannte Instanz dann pervers oder verblödet? Nein, die Frage muss anders lauten: Sind wir insgesamt pervers und verblödet und die Instanz versucht nur das Beste draus zu machen? Welche Instanz? Hat sie schon jemals zu mir gesprochen – und wenn, warum hab ich dann nichts davon?

Jetzt wird’s brenzlig! Die Situation voraus hat sich dramatisch zugespitzt. Ein Lastwagenfahrer ist noch zusätzlich ausgeschert! Keiner konnte mehr berechnen was passiert… Ich habe irgendwie geahnt was da auf mich zukommt und mein Tempo rechtzeitig verlangsamt. Mein Abstand zum Gefahrenherd ist groß!

Hinter mir fährt zwar einer der mir, wie ich sehe, im Rückspiegel andauernd den Vogel zeigt, aber ich bleibe stur. Mein Puls ist normal! Bei dem „Schicksalsteam“ der „herausragenden Verkehrsteilnehmer“, so möchte ich wetten, ist das völlig anders – es wird gebremst was das Zeug hält! Die Reifen rauchen, die Wagen schleudern kreuz und quer über die Fahrbahn…
…und wie durch ein Wunder wird keinem ein Haar gekrümmt. Ich sehe, wie sie sich danach, aus den heruntergelassenen Windschutzscheiben gegenseitig anbrüllen. Das ist mir peinlich und ich beginne mich fremd zu schämen. Nur weg aus diesem Hexenkessel!

Als ich mich eine halbe Stunde später wieder neu sortiert habe, denke ich über andere Dinge nach. Über die Weltwirtschaft zum Beispiel, über die Krisengebiete auf der Welt und über Hungersnöte. Warum ich niemals im Lotto gewinne frage ich mich allerdings nicht mehr…

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Kommentare

17. Jun 2015

Was hab' ICH ein Glück, dass du diese Reflektion schriftlich fixierst hast ... wozu brauch' ich da noch einen Lottogewinn, wenn DIE doch schon der große Wurf ist ...!
Hat mir ausnehmend gut gefallen!!!

17. Jun 2015

Wozu der Straßenkrieg doch taugt!
(Manch Dichter guten Stoff draus saugt…)

LG Axel